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Gipfelstürmer:Prothesen nach Maß

Das Start-up Mecuris verbindet Patienten, Ärzte, Orthopädie-Mechaniker und 3-D-Druckspezialisten. Es produziert nichts selbst, sondern entwickelt Technologien.

Das gelbe Kunststoffteil mit seinem Lochmuster sieht schön aus. "Der Träger hat es sich so gewünscht", sagt Manuel Opitz. Er ist Mitgründer des Münchner Start-ups Mecuris. Es ist auf den dreidimensionalen Druck von Orthesen und Prothesen spezialisiert. Das gelbe Kunststoffteil ist die Verschalung, im Fachjargon Cover, einer Unterschenkel-Prothese.

Mecuris ist ein Beispiel für Plattformökonomie, so wie der Zimmervermittler Airbnb oder der Fahrdienst Uber. Das Start-up produziert nichts selbst. Es entwickelt Technologien. Über seine Plattform verbindet Mecuris Patienten, Ärzte, orthopädische Werkstätten, Sanitätshäuser und Unternehmen, die sich auf 3-D-Druck spezialisiert haben. "Wir wollen allen Menschen eine individuelle Mobilität ermöglichen", sagt Opitz. Wie in einem Kaufhaus suchen registrierte Nutzer, darunter mittlerweile mehr als 200 Sanitätshäuser, auf der Webseite von Mecuris ein Prothesenmodell aus, geben Daten wie die Breite und Länge des Fußes ein. Wenn nur ein Unterschenkel oder ein Fuß ersetzt werden muss, lassen sich viele Daten aus den Maßen des noch vorhandenen Fußes oder Unterschenkels ableiten. Die Nutzer laden Fotos und 3-D-Scans hoch und wählen für das Cover eine der zwölf angebotenen Farben aus.

Opitz greift nach einem schwarzen Cover. "Der Träger hat sich gewünscht, dass in die Verschalung seiner Unterschenkelprothese das Tattoo gelasert wird, das er am Oberarm trägt. "Der Träger will sich nicht verstecken mit seinem Handicap. Er will zeigen, was er nicht mehr hat." Und er will wieder radfahren, so wie früher.

Bisher werden nur die Cover und der Prothesenfuß gedruckt, das Innere der Prothese besteht nach wie vor aus einem Edelstahlrohr. "Wir könnten auch die Rohre drucken, das wäre aber sehr teuer und ergibt wirtschaftlich derzeit keinen Sinn." Mecuris arbeitet nur mit ausgewählten 3-D-Druckzentren zusammen, in Deutschland sind es zwei. "Länge und Breite des Fußes passen auf den Zehntel-Millimeter." Ein Cover koste circa 800 Euro, erläutert Opitz, ein Prothesenfuß zwischen 1000 und 2500 Euro, der voll von den Krankenkassen erstattet wird. "Mit unserem Fuß kann man auch ins Salzwasser und in die Sauna", sagt Opitz. Badeprothesen bestehen komplett aus hochwertigem Kunststoff und Titanschrauben.

Mit einer passgenauen Prothese können Patienten wieder ein normales Leben führen. Zum Beispiel Rad fahren.

(Foto: Mercuris)

"Es gibt keine vernünftige Statistik, wie viele Menschen in Deutschland eine Prothese benötigen", sagt Opitz. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Gefäßmedizin kommt es jährlich allein zu knapp 50 000 Amputationen der unteren Extremitäten aufgrund von durchblutungsbedingten Gewebeschäden und Diabetes. Den deutschen Markt für Prothesen und Orthesen beziffert Mecuris auf rund zwei Milliarden Euro. Es gibt etablierte Anbieter wie das Familienunternehmen Ottobock mit 900 Millionen Euro Umsatz, bei dem die schwedische Beteiligungsfirma EQT vor einem Jahr mit 20 Prozent eingestiegen ist, und eine Reihe von Start-ups wie Unyq und Andiamo. Mecuris sieht viele Firmen nicht als Konkurrenten, sondern als mögliche Kooperationspartner.

Die ersten Prototypen hat das Unternehmen 2016 auf der OT World in Leipzig gezeigt, der Fachmesse für Orthopädie und Reha-Technik. "Wir hatten auch ein paar Prothesenfüße dabei", erzählt Opitz: Das Interesse sei riesig gewesen. "Wenn Ihr Prothesenfüße in so vielen Größen machen könnt, könnt Ihr so etwas auch für Kinder machen?", fragten Messebesucher. Die Messe war im Mai, im Juli lieferte Mecuris den ersten Prototypen für einen Kinderfuß, "Firstep". Innerhalb von zwei Jahren will Mecuris Marktführer in dieser Nische sein. Der Prothesenfuß "Nexstep" für Erwachsene hat mittlerweile ein CE-Kennzeichen, ist damit als Medizinprodukt zugelassen. Seit Mitte 2017, seit die ersten Produkte auf dem Markt sind, habe Mecuris gut 100 Prothesen und Orthesen verkauft.

Gipfelstürmer

Zum dritten Mal zeichnet der Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung mit dem Start-up-Wettbewerb „Gipfelstürmer“ die besten Gründer aus Deutschland aus. Die Ausschreibung läuft bis zum 31. August. Eine Jury aus Mitgliedern der SZ-Wirtschaftsredaktion wählt aus allen Bewerbern die sechs Finalisten aus. Diese dürfen im November am SZ-Wirtschaftsgipfel in Berlin teilnehmen und dort ihre Firma vorstellen. Die Teilnehmer des Gipfels küren den Sieger. Einzelheiten und Bewerbungen: www.sz-wirtschaftsgipfel.de/gipfelstuermer. SZ

Das Unternehmen wurde 2016 als Spin-off des Klinikums der Universität München (LMU) gegründet. Die Idee für gedruckte Prothesen hatte der Münchner Unfallchirurg Simon Weidert. Er ärgerte sich vor allem darüber, dass er viele Patienten nicht angemessen versorgen konnte, weil es Orthesen, wie zum Beispiel Schienen zur Stabilisierung eines Gelenks, nur in Standardgrößen gab. Einer der Mitgründer, Jannis Breuninger, forschte damals schon fast zehn Jahre lang an einem Fraunhofer Institut in Stuttgart an einem ähnlichen Konzept für Prothesen. Ein potenzieller Investor empfahl den Gründern, ihr Wissen zusammenzutun. So entstand Mecuris. Zu den Mitgründern gehören auch Wolf-Peter Werner, Felix Gundlack und Frank Preuss. Insgesamt beschäftigt das Start-up heute zwei Dutzend Mitarbeiter.

"Wir sind gut finanziert", betont Opitz. Wie viel Geld das Start-up seit der Gründung in zwei Finanzierungsrunden eingesammelt hat, mag er nicht sagen. Zu den Investoren gehören der Hightech-Gründerfonds, Bayern Kapital und drei private Geldgeber.

Der Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung zeichnet mit dem Start-up-Wettbewerb "Gipfelstürmer" die besten Gründer aus. Mehr dazu unter www.sz-wirtschaftsgipfel.de/gipfelstuermer