Gipfelstürmer Ohne Eltern ist auch cool

Surfen an der Ostsee oder Sprachkursus in Irland - das Portal Juvigo vermittelt betreute Urlaube für Kinder.

Von Michael Kuntz, Berlin

Mehr Start-up geht nicht. Der Weg zum Gründer führt durch eine Haustür voller Graffiti in einen Hinterhof an der Reichenberger Straße in Berlin-Kreuzberg, nicht weit vom Kottbusser Tor. Neben einem betagten und nicht mehr funktionsfähigen Lastenaufzug, der außen an der Fassade verläuft, geht es durch eine unscheinbare Tür in das schon für die Renovierung präparierte Treppenhaus, dann weiter zu Fuß in das vierte Stockwerk, zur nächsten Tür. Am stillgelegten Lift vorbei, noch eine Tür, dann kommt erst ein Start-up für Klinik-Software, dahinter ein Gemeinschaftsraum mit Sofas und Konferenztisch. Zwei Mal rechts um die Ecke und man erreicht das 15-Quadratmeter-Quartier von Juvigo, dem Buchungsportal für Feriencamps. Juvigo ist die junge Firma des jungen Gründers Björn Viergutz, 26.

Der Mann vermittelt betreute Kinder-, Jugend- und Sprachreisen. Er stützt seinen Unternehmermut auf eine ziemlich einfache Überlegung: Berufstätige Eltern haben im Jahr durchschnittlich 30 Urlaubstage, ihre Kinder aber 75 Tage Schulferien.

Die Interessen ähneln sich: Eltern wollen auch an den 45 Tagen Differenz ihren Nachwuchs sicher betreut und sinnvoll beschäftigt wissen. Kinder verreisen gern mit Gleichaltrigen. Selbst wenn sie ein oder zwei Wochen bei den Großeltern verbringen, bleibt immer noch genug Zeit für eine eigene Reise in der Ferienzeit, wenn die Eltern längst wieder arbeiten gehen.

Seine Geschäftsidee besitze Potenzial, findet Björn Viergutz. Denn erst zwölf Prozent aller Kinder fahren jährlich in ein Feriencamp. "Was ist mit den anderen 88 Prozent?" Warum machen sie keine entsprechende Reise? Kennen sie beziehungsweise kennen ihre Eltern die Angebote nicht? Haben sie Ängste?

Viergutz selbst gehörte zu den zwölf Prozent. "Wenn man ein Unternehmen gründet, sollte man das auf einem Feld tun, wo man sich extrem gut auskennt." Er fuhr mit neun Jahren zum ersten Mal in ein Feriencamp, später nicht nur als Gast, sondern auch als Betreuer. Er leitete mit 18 Jahren zum ersten Mal ein solches Sommerlager. Das war in Eisenberg in Thüringen.

Abenteuer Kletterwald: Erst zwölf Prozent aller Kinder fahren jährlich in ein Feriencamp.

(Foto: Manfred Neubauer)

Und Björn Viergutz erinnert sich an einen kleinen, schmächtigen Jungen, der damals eher schüchtern im Hintergrund blieb, dann aber beim Bau einer Schutzhütte die anderen anleitete und bei diesem Wettbewerb aus seinem Team die Siegermannschaft machte. "Ich glaube, dass Feriencamps für die Entwicklung der Persönlichkeit ganz wichtig sind", sagt er.

Viergut ist Sohn einer Familie, die in der DDR gelebt hat, wo Ferienanlagen der Betriebe und der Freien Deutschen Jugend FDJ als Organisation der Staatspartei SED verbreitet waren. Bei Juvigo ist denn auch das typische Angebot eine Woche an der Ostsee am Strand, mit Surfen und Verpflegung, die Unterkunft ist häufig eine Jugendherberge. Eine solche Pauschalreise für Kinder und Jugendliche kostet um die 350 Euro.

Es gibt aber bei Juvigo schon Angebote für 250 Euro, und auch welche für 2500 Euro. Da schlagen dann der Flug nach Irland und ein hochwertiger Sprachkursus kräftig zu Buche. So etwas kann man auch schon woanders buchen. Warum also Juvigo? Viergutz spricht von einem extrem fragmentierten Markt, der nur mit erheblichem Aufwand zu überblicken sei.

Er verspricht seinen Kunden eine Zeitersparnis, denn Juvigo bündelt das Angebot von 30 Reiseveranstaltern, darunter große, die laut Viergutz etwa die Hälfte des deutschen Marktes abdecken. Auch kleine lokale Anbieter sind dabei, wie etwa Reiterhöfe. Juvigo ist selbst kein Reiseveranstalter, betätigt sich lediglich als Vermittler, ein ähnliches Geschäftsmodell wie das von Flixbus bei den Fernbussen.

Große Veranstalter mit eigenen Web-Auftritten nutzen Juvigo als Multiplikator, der ihnen neue Kunden vermittelt. Kleine Veranstalter hätten oft nicht die Möglichkeit, sich im Internet wirkungsvoll zu präsentieren, sagt Viergutz. Es gebe eine Menge bodenständiger und zuverlässiger Leute, die sehr gute Feriencamps veranstalten, aber keine Lust auf Internet und Marketing haben - oder auch keine Zeit, zum Beispiel dann, wenn sie ein Jugendlager zu betreuen haben.

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(Foto: )

Einige von ihnen waren bereit, dem Start-up schon ein paar Hundert oder Tausend Euro für eine Partnerschaft zu zahlen, bevor die Juvigo-Seite im Dezember 2015 ins Web ging. Eine besondere Form des Crowdfunding. Viergutz geht mit Juvigo jetzt in die dritte Buchungssaison, die im November mit den Frühbuchern beginnt und bis in den Sommer reicht, wenn die Schnäppchenjäger in der letzten Minute unterwegs sind.

Es gibt auch Beratung am Telefon - für die Eltern. Das sei wichtig, sagt er

Viergutz betreibt sein Start-up wie viele Gründer als haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft (UG) und bisher ohne fremdes Kapital. Er hat jetzt sein Volkswirtschafts-Studium abgeschlossen und will sich nun stärker Juvigo widmen, das er derzeit gemeinsam mit drei Werkstudenten betreibt.

Einen Schub auch in finanzieller Hinsicht erhält der Jungunternehmer, weil er mit seinem "Ferienfinder" beim Start-up-Wettbewerb des Verbandes Internet Reisevertrieb (VIR) den ersten Preis gemacht hat. Da gibt es 5000 Euro in bar, aber auch etliche Sachleistungen, so unter anderem einen Messestand auf der nächsten Touristikmesse ITB im Frühjahr in Berlin, einen Mietwagen, ein Seminar für Öffentlichkeitsarbeit und eine Studie mit der Internationalen Hochschule Bad Honnef. Alles in allem enthält das Gewinnerpaket Leistungen im Wert von mehr als 35 000 Euro.

Björn Viergutz kann also noch mal richtig beschleunigen bei der Eroberung des Marktes der Pauschalreisen für Kinder und Jugendliche zwischen ungefähr sechs und 20 Jahren, die mit Gleichaltrigen Ferien machen wollen und deshalb häufig gleich zusammen mit Geschwistern oder Freunden buchen.

Viergutz verbindet bei Juvigo die neue und die alte Welt, das Internet mit der Beratung am Telefon, per Mail, Facebook oder Whatsapp. "Wenn man sein Kind in den Ferien wegschickt, dann möchte man einen persönlichen Kontakt haben." Eine Reise, die jemand für sein Kind bucht, sei eben ein ganz besonderes Produkt. "Da geht es nicht nur um technologische Standards wie beim Verkauf von Waschmaschinen."

Zum zweiten Mal schreibt der SZ-Wirtschaftsgipfel in diesem Jahr den Gründerwettbewerb Gipfelstürmer aus. Der Gewinner wird am 18. November in Berlin gekürt. Bewerbungen und weitere Infos unter: www.sz-wirtschaftsgipfel.de/gipfelstuermer.