Gipfelstürmer Hauptsache, dabei

Erst seit Kurzem bildet sich am Niederrhein eine Start-up-Szene. Krefeld und Mönchengladbach wollen endlich für junge Leute attraktiv werden. Doch damit der Aufbruch gelingt, muss sich die Region von Traditionen lösen.

Von Janis Beenen

In Mönchengladbach regiert die alte Wirtschaft - gerade an der Haupteinkaufsstraße. Die Schaufenster der bekannten Ketten und traditionsreichen Einzelhändler reihen sich aneinander, Kunden bummeln von Tür zu Tür. Ausgerechnet hier trifft sich an diesem Sommerabend die örtliche Gründerszene zum Stammtisch - im Laden einer knapp 100 Jahre alten Hosenmanufaktur. Die Start-up-Fans suchen Anschluss in der Stadt. Bierbänke stehen zwischen den Regalen. Neben den Jeansstapeln ist der Beamer drapiert, alles improvisiert. Jungunternehmer, Studenten und Ladenbesitzer debattieren über die Zukunft des Handels.

Der Verein "Next MG" initiiert das Treffen. Seit Ende 2016 bemüht sich der Verbund von Firmen, öffentlichen Institutionen und Verbänden um junge Unternehmen in der Stadt. Aussichtslos, meinen Kritiker. Die benachbarten Metropolen Düsseldorf und Köln seien viel attraktiver. Tatsächlich fällt Mönchengladbach nicht durch Dynamik der lokalen Wirtschaft auf - große Unternehmen entlassen Mitarbeiter, die Arbeitslosenquote liegt bei etwa sieben Prozent. Eine Stadt mit 260 000 Einwohnern, verloren zwischen den Rheinmetropolen und dem Ruhrgebiet.

Die Mönchengladbacher im Hosenladen aber wollen das nicht akzeptieren, wollen etwas verändern. Junge Leute wie jene vom Werbe-Start-up Resolvr sollen es richten. Geschäftsführer Christopher Neugebauer stellt das aktuelle Projekt vor. Seine Truppe bastelt an Babafresh, einer Online-Plattform für türkische Lebensmittelhändler. Die Zuhörer diskutieren über Bezahlsysteme und Logistik. Mark Nierwetberg moderiert. Der 44-Jährige arbeitet hauptberuflich als Manager bei der Telekom. In seiner Heimat tritt er mit Sportschuhen und lässigem Hemd auf.

Ein mehr als 100 Jahre alter Industriebetrieb kämpft für moderne Wirtschaft

Die Haare ragen wirr in alle Richtungen. Nierwetberg gilt als Erfinder der Mönchengladbacher Gründerbewegung. Aus Verbundenheit zur Stadt rackere er sich ehrenamtlich ab. "Start-up-Kultur ist eine Methode", sagt er. Es gehe darum, aus einem Netzwerk immer neue Pläne zu generieren. Mönchengladbach benötige Impulse. "Bislang hat man hier vor allem auf Logistik-Betriebe gesetzt", erklärt Nierwetberg. Mittlerweile gebe es kaum noch freie Flächen für Neuansiedlungen. Ein Paradigmenwechsel sei deshalb nötig, meint er. "Doch dafür braucht es Vorbilder."

Als in Krefeld noch gewebt wurde: Die Niederrheiner sind stolz auf ihre wirtschaftliche Historie, doch der Wandel ist nicht aufzuhalten.

(Foto: Ullstein Bild/Mauritius)

Wenn Nierwetberg über eine Fabrikhalle im Westen der Stadt spricht, lächelt er zufrieden. Der Putz bröckelt zwar, durch matte Fenster schimmert die Sonne nur schwach. Doch hier entsteht Raum für Gründer. Früher - als die Industrie am Niederrhein noch florierte - konstruierten die Arbeiter in dem Bau Maschinen und Anlagen. Jetzt stehen ein paar alte Überseecontainer, von innen gestrichen und mit neu eingebauten Fenstern, in der Halle. Es soll ein Dorf werden - der Sammelpunkt für Mönchengladbacher Start-ups.

Marco Kamischke, Gründer von Hundert 24, zieht mit seinem Team ein. Seine Karriere startete er in Berlin. "Ich hatte coole Jobs", meint Kamischke. Trotz der großen Berliner Start-up-Szene, der Möglichkeit, ständig zu netzwerken und die Unternehmen zu wechseln, zog es ihn zurück in die Heimat - auch wegen der günstigen Miete fürs Büro. Hundert 24 bedient den Hype um Extremsportevents. In der Nähe großer Metropolen organisiert die Agentur 100-Kilometer-Wanderungen in 24 Stunden mit Transfer, Verpflegung und Begleitung durch Sanitäter. Meist gestellte Frage: Wie viele zahlen für so etwas? Antwort: Tausende. Im Jahr 2016 boten Kamischke und sein Partner versuchsweise ein Event in Köln an. Alleine mithilfe von Anzeigen in sozialen Medien warben sie Hunderte Teilnehmer. In diesem Jahr laufen neun Veranstaltungen, bei denen Sportler für eine Gebühr von etwa 50 Euro antreten. Hundert 24 beschäftigt neun Mitarbeiter. Jeden Schritt der Entwicklung habe die Firma aus eigenen Einnahmen finanziert, sagt Kamischke.

Geldgeber für Gründer sind am Niederrhein ohnehin kaum vorhanden. "Geschäftsmodelle wie die 100-Kilometer-Märsche passen nicht in das traditionelle Muster der Banken und Sparkassen", erklärt Förderer Nierwetberg. Wichtig wäre sogenanntes Venture Capital, also Geld von Wagniskapitalgebern. Viele Start-ups hoffen auf solche Unterstützer. Die Kapitalgeber investieren in die Ideen von Gründern, obwohl sie wissen, dass im schlimmsten Fall der Verlust des gesamten Einsatzes droht. Haben die Gründer Erfolg, bemühen sich die Wagniskapitalgeber nach einigen Jahren in aller Regel um einen gewinnbringenden Verkauf des Unternehmens. Ein paar Anlaufstellen für die gesamte Region bilden sich derzeit zumindest.

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Darauf hoffen auch Gründer in Krefeld. Ein paar Kilometer weiter nördlich von Mönchengladbach ist die Situation für sie noch schwieriger: eine wirtschaftlich schwache Stadt, kaum Investoren. Hinzu kommt: Eine starke Lobby für neue Ideen wie in Mönchengladbach existiert nicht. So kämpft ein alter Industriebetrieb recht alleine um Start-ups in der Stadt. Auf dem Gelände der Firma Kleinewefers wurden einst Maschinen für die Papier- und die Textilindustrie gebaut. Besonders an letzterer hängen die Krefelder, obwohl die Massenproduktion längst ins Ausland verlagert wurde. Während das Logo des Rathauses also noch die "Stadt wie Samt und Seide" preist, versucht der 1862 gegründete Betrieb, über ein Tochterunternehmen den Standort zu modernisieren. In einem zehnstöckigen Bau, K2 genannt, bekommen Gründer günstige Büros. Die Fassade sieht aus wie vergilbtes Papier. Doch schon im Eingangsbereich setzen die K2-Betreiber ein Zeichen. Der digitale Pförtner begrüßt Gäste. Auf einem Touchscreen meldet sich Besuch an.

Im Souterrain sitzen die Start-ups, mittlerweile sind es vier. Alle haben Einzelbüros, keine Plätze auf Großraumflächen, wie sie in der Szene üblich sind. Bei Bedarf können die Gründer ihre Produkte in einer angrenzenden Halle testen. Dass Krefeld diesen Luxus bieten kann, ist ein Vorteil. So sieht es zumindest das Team von Weltenweber. Für 793 Euro bekommen sie hier einen Raum von 61 Quadratmetern - warm plus Reinigung. Eine Zeit lang pendelten die Gründer nach Düsseldorf. Der Schreibtisch im Großraum war genauso teuer. "Und wir brauchen Fläche, um unsere Tests durchzuführen", sagt Gründer Lukas Kuhlendahl.

In einem leeren Eck des Büros liegt eine Virtual-Reality-Brille auf dem Boden. Die Weltenweber entwickeln VR-Anwendungen - etwa für die berufliche Bildung. Lernende können an der virtuellen Maschine trainieren, ehe sie das Original kaputt machen. Daneben sehen die vier Designer Chancen in der Medizin - unter anderem bei der Behandlung von Demenzkranken. "Für ein Krankenhaus haben wir die Krefelder Innenstadt zur Wirtschaftswunder-zeit animiert", sagt Kuhlendahl: "Die Szenen auf der VR-Brille wecken Erinnerungen der Senioren und regen Gespräche an."

Kuhlendahl und seine drei Kollegen kommen aus Krefeld, deshalb konnten sie sich mit der Stadt anfreunden. Die niedrigen Mieten, die gute Verkehrsanbindung in NRW und die direkte IC-Verbindung nach Berlin könnten auch für andere gute Argumente sein. Nur hip ist hier nichts. Die einzigen gastronomischen Alternativen im Industriegebiet ums K2 sind ein Discounter und eine Fast-Food-Bude. Auch Veranstaltungen für Gründer gibt es hier - noch - nicht.

Dass hier das Start-up-Zentrum Nordrhein-Westfalens oder gar Deutschlands wachsen wird, glaubt niemand. Noch steht die Halle mit den Stahlstreben und dem massiven Kranhaken an der Decke weitgehend leer. Hier sollen Tüftler einziehen - irgendwann, wenn der Niederrhein angesehener Gründerstandort geworden ist.

Nierwetberg, der Initiator der Mönchengladbacher Gründerbewegung, glaubt, dass eine Kooperation zwischen beiden Städten dabei helfen kann: "Wir dürfen uns untereinander nicht als Konkurrenten sehen." Denn es gelte, gegen die Metropolen zu bestehen. "Wenn sich beide Communitys vernetzen, werden sich die positiven Effekte potenzieren", sagt Nierwetberg. Nun braucht er nur noch Unterstützer - wie so oft.