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Genfer Autosalon:"Das Auto als Teil der Probleme"

Die Branche diskutiert über Donald Trump, den Diesel und die Chinesen. VW-Chef Matthias Müller schlägt dabei ganz ungewohnte, moderate Töne an.

Von Max Hägler und Stefan Mayr, Genf

Das sind Worte, die man bislang sehr selten gehört hat von Volkswagen: Vor "gewaltigen Herausforderungen" stehe die Industrie und auch die Gesellschaft insgesamt, sagt Volkswagen-Chef Matthias Müller. Da sei etwa die "zunehmende Luftverschmutzung" oder die "Staus bis zum Verkehrsinfarkt", und dann seien auch noch Straßen und Brücken marode. Um dann tatsächlich auch noch festzustellen: "Viele nehmen das Auto als wesentlichen Teil dieser Probleme wahr. Und ich verstehe das."

Willkommen auf dem 88. Genfer Autosalon, willkommen in der Realität. Das ist der neue Weg des größten Fahrzeugbauers der Welt: Keine Selbstkasteiung mehr im Angesicht des andauernden Dieselskandals, sondern das große Ganze in den Blick nehmen. Nicht der Volkswagen ist im Fokus und betrügerische Ingenieure, sondern alle Autos. Ein geschickter Perspektivwechsel, der ja auch nicht ganz falsch ist; für die schlechte Luft und die Staus tragen ja tatsächlich mehr Hersteller Verantwortung.

Und dieser neue, gewissermaßen geweitete Blick, über die eigenen Fehler hinweg, erleichtert sichtlich. Jedenfalls ist diese Volkswagen-Party im Palexpo, der Messe direkt neben dem Flughafen Genf, ernst, aber verhältnismäßig unangestrengt. Trotz all dieser Themen, die auf der Autoindustrie im Allgemeinen einprasseln und auf Volkswagen im Besonderen: Die Vergangenheit und Zukunft des Diesel, neue Wettbewerber und Investoren, und dann dieser US-Präsident.

Wobei sich die Volkswagen-Leute da einigermaßen selbstbewusst geben. "Ich weiß auch nicht, wie sich Herr Trump das jetzt vorstellt", sagt VW-Chef Müller, "es gibt ja auch Verträge, mächtige Verträge." So einfach lassen sich die nicht kündigen, soll das heißen. Deshalb sei er da "nicht so nervös" wie viele andere. Und falls die Schutzzölle kommen? "Da werden wir dann schon eine Lösung finden", sekundiert Oliver Blume, sein Vorstandskollege von Porsche: "Wir haben dort viele Fans und sind schon eine starke Marke."

Die meisten anderen auf dieser Messe geben sich übrigens weit zurückhaltender, setzen auf Deeskalation: Wenn die EU-Kommission hart dagegenhalte, sei das nicht hilfreich, heißt es etwa von Fiat-Chrysler-Chef Sergio Marchionne. Lieber weiter versuchen zu reden, als zu reizen.

Einige aus den Eigentümerfamilien sind auf der Party, Louise Kiesling etwa, die sich an der Bar lange mit dem Volkswagen-Auguren Johann Jungwirth unterhält, genannt JJ. Er ist derjenige, der für die Zukunft zuständig ist. Einer, der sehr konkret an das Zusammenspiel von selbstfahrenden Autos, öffentlichem Nahverkehr und Elektromobilität glaubt - das was Müller in seiner Rede als Lösung skizziert hat für den Verkehrsinfarkt und die üble Luft. Auch Hans Michel Piëch ist gekommen, der zentrale Familienmensch, seitdem er vor wenigen Monaten für viele Millionen Euro die Volkswagen-Anteile seines Bruders Ferdinand erworben hat. Während er oben ein rotes, lenkradloses Konzeptfahrzeug inspiziert und über die schwierige Zukunft des Diesels debattiert ("Ich denke nicht, dass die Auswirkungen des Diesel-Urteils so dramatisch werden, wie manche behaupten"), steht unten der Cheflobbyist der Autoindustrie, Bernd Mattes.

Li Shufu, der chinesische Milliardär ist Thema, der mit Unterstützung der chinesischen Regierung für 7,5 Milliarden Euro knapp zehn Prozent an dem Autokonzern aus Stuttgart erwarb. Wenn das Ausdruck der freien Marktwirtschaft war, sagt Mattes, könne man dagegen nichts einwenden. Sollte es Ausfluss chinesischer Wirtschaftspolitik sein, also letztlich Regierungshandeln, dann müsse man das sehr genau beobachten und Antworten darauf finden.

Bei Daimler selbst tuen sie sich schwer mit Antworten. Sie haben an diesem Montagabend zu etwas ganz Ruhigem geladen, ein paar Kilometer weiter. Im Espace Hippomène gibt es keine Party wie früher, kein Blingbling wie sonst mit Dieter-Zetsche-Show und Lichteffekten, sondern eine Art Arbeitstreffen. Kalte Getränke, keine Musik. Ein Mitarbeiter erklärt das neue interaktive Armaturenbrett der A-Klasse. China? Kein Kommentar.

Erst am Tag danach sagt Vorstandschef Dieter Zetsche ein paar Sätze, die zumindest nicht völlig unfreundlich sind. Li Shufu habe nun "ungefähr 9,69 Prozent Einfluss bei den Fragen, die auf der Hauptversammlung zur Diskussion stehen". Und: "Wir hoffen, dass er die wahrnimmt." Zetsche macht aber auch klar, dass das Verhältnis zu Li nicht einfach ist - vor allem, weil Daimler in China ja schon Partner hat, die Konkurrenten zu Lis Firma Geely sind. Zetsche vergleicht die Situation mit der Ehe: "Wenn eine Frau mit mir in Urlaub fahren will, dann sage ich ihr: Ok, aber nur wenn meine Ehefrau Lust hat und mitfährt." Daimler habe ethische Grundsätze, und deshalb versuche er, einen Konsens zwischen den Partnern herzustellen. Dann könne er sich auch eine Kooperation mit Geely vorstellen.

Auch das ist ja Teil dieser neuen Wirklichkeit: Immer weniger in dieser Industrie geht alleine, immer mehr Partner oder Wettbewerber spielen mit - oder Institutionen, die manchmal auch beides sind. Bei der Volkswagen-Party erzählt Müller etwas von den "Zukunften", die da auf die Menschen zukämen, er spricht im Plural, weil es die eine Blaupause für die Welt eben nicht gibt. Sein Konzern wolle dabei Techniken entwickeln, die den Menschen dienten. Dabei sei klar: "Kein Hersteller, kein Unternehmen schafft das allein." Es sind eben: gewaltige Herausforderungen.

© SZ vom 07.03.2018

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