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Frauen auf dem Arbeitsmarkt:Wie das Steuerrecht Ehefrauen diskriminiert

Professor Nicola Fuchs-Schündeln, Ph.D.
Pressebild Universität

Nicola Fuchs-Schündeln ist Professorin an der Universität Frankfurt und Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik der deutschen Ökonominnen und Ökonomen. 2018 bekam sie den Leibniz-Preis.

(Foto: Ausserhofer/oh)

Frauen arbeiten viel häufiger Teilzeit als Männer. Das liegt auch am deutschen Steuersystem, zeigt die Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln.

Von Bastian Brinkmann

Das deutsche Steuersystem hat den Ruf, abschreckend zu sein. Tatsächlich schreckt es verheiratete Frauen davon ab, mehr zu arbeiten, zumindest ist es ein Faktor. Das zeigt die Forschung von Nicola Fuchs-Schündeln, Professorin in Frankfurt. Sie präsentierte ihre Berechnungen am Montagabend im Rahmen der Münchner Seminare von SZ und Ifo-Institut. Und dabei wäre nicht nur wegen der Gleichstellung wünschenswert, Frauen stärker in den Arbeitsmarkt einzubeziehen, argumentierte Fuchs-Schündeln - sondern das wäre auch gut für das Wirtschaftswachstum. Sie zeigte auch, wie klassische ökonomische Arbeitsmarktforschung mit Gendernormen zusammenhängt.

Seit 1958 gilt in Deutschland das Ehegattensplitting. Das Einkommen des Hauptverdieners, also meist des Mannes, wird bei einem Ehepaar mit dem Einkommen der Frau in einen gemeinsamen Topf geworfen und dann durch zwei geteilt. Diese geteilte Summe wird dann versteuert. Dadurch müssen auf das Einkommen des Mannes im Vergleich zu einer Einzelbesteuerung weniger Steuern und Abgaben gezahlt werden. Die Frau wiederum sieht sich direkt einer relativ hohen Steuerbelastung gegenüber, wenn sie etwas mehr arbeiten möchte - das ist dann der abschreckende Part.

Wie groß dieser Abschreckungseffekt ist, hat Fuchs-Schündeln in einem Paper mit Alexander Bick publiziert, die beiden haben 17 europäische Länder und die USA miteinander verglichen. Die meisten Länder haben eine ähnliche Splittingregel wie Deutschland. Wenn man für die Länder eine Reform modelliert, nach der Einkommen von Eheleuten getrennt besteuert werden, zeigen sich besonders für Belgien und Deutschland starke Effekte. Männer würden etwas weniger arbeiten, Frauen mehr: Eine verheiratete Frau würde in Deutschland durchschnittlich rund 280 Stunden im Jahr mehr arbeiten.

Zur Einordnung: Erwerbstätige verheiratete Frauen haben 2016 rund 1100 Stunden pro Jahr gearbeitet. Früher waren es mehr: 1984 haben Ehefrauen im Schnitt fast 1400 Stunden im Jahr gearbeitet. Seitdem sind Teilzeitjobs viel häufiger geworden, das lässt die Stundenzahl am Ende sinken. Vier von zehn Ehefrauen haben 1984 Vollzeit gearbeitet, 2016 war es nur noch knapp jede Vierte. Im gleichen Zeitraum lässt sich für andere Staaten beobachten, dass Ehefrauen mehr arbeiten. "Das deutsche Ehegattensplitting wirkt einer stärkeren Integration von Frauen in Arbeitsmarkt entgegen", sagt Fuchs-Schündeln.

Interessant ist der Vergleich mit Schweden. Verheiratete Schwedinnen arbeiten fast so viel wie Ehefrauen in den USA - in Deutschland dagegen kommen sie auf 34 Prozent weniger Arbeitsstunden. Interessant: In Schweden wird das Einkommen von Eheleuten getrennt besteuert. Daher zahlt auch eine verheiratete Schwedin nur 30 Prozent Steuern auf einen zusätzlichen Euro, wenn sie so viel arbeitet wie eine durchschnittliche Ehefrau in den USA. In Deutschland liegt die Rate wegen des Splittings dagegen bei 50 Prozent.

Auf die Quote folgt die "Krise des mittelmäßigen Manns"

Auf schwedische Daten beziehen sich auch zwei andere Papers, auf die Fuchs-Schündeln verweist. Zum einen: Sind Frauen erfolgreich, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung. Analysiert wurden dafür männliche und weibliche Kandidaten bei Bürgermeister- und Abgeordnetenwahlen. Gewinnen Frauen die Wahl, sinkt die Heiratsquote in den kommenden Jahren stärker als in der Gruppe, die die Wahl verloren hat. Bei Männern gibt es diesen Effekt nicht. Ähnlich sieht es aus, wenn eine Frau Vorstandsvorsitzende wird: Eine Scheidung wird wahrscheinlicher. Bei Politikerinnen und Chefinnen entfällt dieser Effekt allerdings, wenn der Ehemann ähnlich viel Elternzeit genommen hat wie die Mutter.

Das andere Forscherteam hat untersucht, was passierte, als die schwedischen Sozialdemokraten 1993 quotierte Wahllisten eingeführt haben. Die Frauen verdrängten die weniger talentierten Männer, gemessen am Einkommen. Die Forscher nennen das die "Krise des mittelmäßigen Manns".

© SZ vom 05.02.2020

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