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Forum:Schatz, Du verdienst doch mehr

Frauen holen am Arbeitsmarkt auf

Lange Zeit waren Umfragedaten für Forschende die einzige Grundlage, mittlerweile steigt die Verfügbarkeit von administrativen Daten für Forschungszwecke.

(Foto: dpa)

Männer und Frauen schummeln in Umfragen, damit die Männer besser dastehen. Das hat Folgen.

Das Leben von Frauen hat sich über die vergangenen Jahrzehnte stark gewandelt. Frauen haben sich emanzipiert und treffen heute selbstbestimmte Entscheidungen. Jedoch zeigen viele ökonomische und sozialwissenschaftliche Studien, wie tief verwurzelt traditionelle Geschlechternormen weiterhin sind. Sie beeinflussen das Verhalten von Frau und Mann immer noch spürbar. Das gilt auch für wichtige Arbeitsmarktentscheidungen - in welchem Beruf man arbeitet, ob und wie viel Frau und Mann arbeiten. Eine Studie von den amerikanischen Forschenden Marianne Bertrand, Emir Kamenica und Jessica Pan hat 2015 gezeigt, dass es nur sehr wenige Paare gibt, in denen die Frau knapp mehr verdient als ihr Partner, während es sehr viele Paare gibt, in denen die Frau knapp weniger oder gleich viel verdient. Den Autoren zufolge ist dies das Resultat der "männlichen Ernährer-Norm". Diese besagt, dass der Mann mehr verdienen sollte als die Frau. Um dieser Norm zu genügen, passen Paare ihre Erwerbsverhalten an. Sie arbeitet weniger, verzichtet auf einen Karriereschritt. Oder man sucht sich bereits einen Partner, welcher dieser Vorstellung entspricht, so die Interpretation der Beobachtung.

Es fällt jedoch auf, dass es eine große Diskrepanz zwischen amtlichen Daten und Umfragen zu geben scheint. So ist die Beobachtung, dass es bedeutend weniger Paare gibt, in denen die Frau knapp mehr verdient als ihr Partner, in administrativen Daten weit weniger ausgeprägt. Administrative Daten sind zum Beispiel Zahlen aus amtlichen Steuer- und Sozialversicherungsregistern. Aus diesen Daten lässt sich also das tatsächliche Erwerbseinkommen ablesen. Im Gegensatz dazu können Umfragedaten nur wiedergeben, was die befragte Person bereit ist zu berichten. Der in der Politik heiß diskutierte Gender Wage Gap läuft deshalb Gefahr, überschätzt zu werden, wenn er auf Umfragen basiert.

Viele Paare scheuen sich nach wie vor, zuzugeben, dass die Frau mehr verdient als der Mann - das zeigt eine Studie mit Schweizer Daten. Dafür verknüpfen wir amtliche Einkommensdaten mit Umfragedaten für dieselben Personen. Dies erlaubt es uns, genau zu untersuchen, ob Männer tatsächlich mehr verdienen oder ob Paare in Umfragen das nur angeben. Unsere Analysen bestätigen: Es gibt deutlich mehr Paare, in denen der Mann gerade mehr verdient als die Frau, wenn wir uns auf Umfragedaten berufen. Das gleiche Muster kann in administrativen Daten für dieselben Paare jedoch nicht beobachtet werden.

Der Unterschied zwischen administrativen Daten und Umfragedaten ist von systematischen Falschangaben in der Beantwortung von Einkommensfragen in Umfragen getrieben. Die Einkommen von Männern werden von Paaren, in denen die Frau in Wirklichkeit mehr verdient, systematisch zu hoch angegeben. Die Einkommen von Frauen wiederum werden systematisch zu tief angegeben. Dabei passen die befragten Personen beide Einkommensangaben an, das eigene und auch das des Partners. Hierbei scheint jedoch besonders das Einkommen des männlichen Partners überhöht angegeben zu werden. Männer passen besonders ihr eigenes, Frauen das Einkommen des Mannes an.

Umfragedaten legen die Schlussfolgerung nahe, dass Geschlechternormen die Arbeitsmarktentscheidungen von Frauen beeinflussen, die eigentlich mehr verdienen würden als ihr Partner, sodass die Frauen systematisch versuchen, gerade weniger zu verdienen. Es stellt sich jedoch heraus, dass dieses Verhalten in administrativen Daten nicht sichtbar ist. Die Norm, dass der Mann mehr verdienen soll, führt also nicht dazu, dass Frauen sich Stellen suchen, in denen sie gerade knapp weniger verdienen als ihr Mann - sondern lediglich zu Falschangaben in Umfragen.

Diese Falschangaben sind besonders ausgeprägt bei Paaren, in denen die wahren Einkommensverhältnisse die männliche Identität bedrohen könnten. Beispielsweise kommen Falschangaben häufiger vor, wenn die Frau gleich oder weniger gebildet ist als ihr Mann und dennoch mehr verdient, oder wenn die Frau das gleiche oder ein geringeres Arbeitspensum hat, aber ein höheres Einkommen erzielt.

Unsere Datengrundlage erlaubt es uns, abzuschätzen, inwieweit politikrelevante Maße dadurch verzerrt sind, wenn sie auf Umfragedaten beruhen. In unserer Studie fällt der Gender Wage Gap um neun bis 13 Prozent, wenn statt Umfragedaten amtliche Daten verwendet werden. Wäre der Gender Wage Gap in administrativen Daten beispielsweise zehn Prozent, würde dieser basierend auf Umfragedaten auf 10,9 bis 11,3 Prozent geschätzt.

Während Umfragedaten lange Zeit für Forschende die einzige Datengrundlage waren, steigt die Verfügbarkeit von administrativen Daten für Forschungszwecke. Ein besonderes Vorbild bilden hier die skandinavischen Länder wie Dänemark oder Schweden, in denen bereits seit Jahren qualitativ hochwertige administrative Daten für Forschende zur Verfügung gestellt werden. Umfragedaten sind für gewisse Fragestellungen sicherlich weiterhin unerlässlich, da zum Beispiel subjektive Einschätzungen sowie politische Einstellungen nicht in administrativen Daten untersucht werden können. Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass besonders bei Analysen von Antworten auf Fragen, die auf soziale Normen reagieren könnten, ein Bewusstsein für potenzielle Verzerrungen wichtig ist. Weiterhin zeigen unsere Ergebnisse, wie wichtig qualitativ hochwertige administrative Daten sind, um politikrelevante Schlussfolgerungen über das Verhalten von Individuen zu ziehen.

Forum 09.12.19

Michaela Slotwinski ist Postdoktorandin an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Basel und arbeitet im ZEW-Forschungsbereich „Soziale Sicherung und Verteilung“.

(Foto: oh)
Anja Roth / Forum 9.12.19

Anja Roth ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Wirtschaftsfakultät der Uni Basel.

(Foto: oh)