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Wirecard:Gefragt, aber nichts getan

Der Wirecard-Skandal droht die Deutsche Bank einzuholen. Im Zentrum stehen ein wichtiger Mitarbeiter und schwere Vorwürfe gegen den Bilanzprüfer EY.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Das Drama um die Wirecard-Pleite könnte auch die Deutsche Bank in Bedrängnis bringen. Hintergrund ist eine Strafanzeige der Aufsichtsbehörde Apas, die den Wirtschaftsprüfern von EY schwere Fehler bei der Prüfung von Wirecard vorwirft. Zwar handelt es sich bei der Anzeige um eine "vorläufigen Bewertung erster Ermittlungsergebnisse" - dennoch hat sie es in sich: Die Aufseher formulieren darin den Verdacht, dass Mitarbeiter von EY gegen berufsrechtliche Pflichten verstoßen haben und "Straftaten im Zusammenhang mit der Berufsausübung" begangen haben könnten. Einer der genannten EY-Partner ist Andreas Loetscher; er wechselte im Mai 2018 als Bilanzierungschef zur Deutschen Bank, wo er seither für das komplizierte Zahlenwerk des größten deutschen Geldhauses verantwortlich ist.

EY wiederum hatte die Bilanzen des Zahlungsdienstleisters Wirecard ein Jahrzehnt lang für in Ordnung befunden, und Loetscher hatte Bestätigungsvermerke und Prüfberichte unterzeichnet. Erst 2020, im Zuge einer Sonderprüfung der Wirtschaftsprüfer von KPMG, entdeckte EY Luftbuchungen von 1,9 Milliarden Euro und verweigerte das Testat für 2019. Seither ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Ex-Chef Markus Braun, der die Vorwürfe bestreitet, den flüchtigen Vorstand Jan Marsalek und andere Konzernmanager wegen Betrugsverdacht in Milliardenhöhe und weiterer mutmaßlicher Delikte, darunter auch Bilanzfälschungen.

Die nach eigenen Angaben "fachlich unabhängige" Apas untersucht von Amts wegen, ob die EY-Bilanzprüfer von Wirecard gegen Berufspflichten oder gar gegen Gesetze verstoßen haben. Ein vorläufiges Ergebnis hatte die Apas Ende im September der Generalstaatsanwaltschaft Berlin präsentiert. Ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren gibt es bislang nicht. Die Apas wirft den EY-Partner vor, sie hätten in ihren Prüfunterlagen jahrelang teils "unrichtig berichtet", teils entdeckte Unregelmäßigkeiten verschwiegen. Bei der Konzernbilanz 2017 geht die Apas sogar von einem "inhaltlich unrichtigen Bestätigungsvermerk" aus.

Für die Deutsche Bank ist die Situation heikel. Man beobachte die Situation "selbstverständlich aufmerksam", sagte ein Sprecher. Nach wie vor seien im Fall Wirecard viele Fragen offen, und es gelte die Unschuldsvermutung. "Wir schätzen die Zusammenarbeit mit dem Kollegen, und wir haben volles Vertrauen in seine Kompetenz und Fähigkeit, seine Aufgabe zu erfüllen". Loetscher ließ eine Anfrage von Mittwoch dazu unbeantwortet.

Noch komplizierter wird die Sache dadurch, dass die Deutsche Bank den Aktionären auf der Hauptversammlung 2020 ausgerechnet EY als Wirtschaftsprüfer vorgeschlagen hatte. Wie vorgeschrieben musste das Geldhaus ohnehin den Prüfer wechseln. Aber war Loetscher an der Auswahl beteiligt? Das weist ein Sprecher zurück: "Unsere Aktionäre haben EY auf der Hauptversammlung 2020 gewählt, und der genannte Kollege war am Auswahlprozess nicht beteiligt".

© SZ
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