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Europäische Zentralbank:Warten auf die Inflation

Zumindest Autofahrer dürften sich über die niedrigen Benzinpreise freuen. Die Inflationsrate ist auf den tiefsten Stand seit fast sechs Jahren.

(Foto: Robert Haas)

Die zusätzlichen Milliarden der EZB verpuffen vorerst an den Finanzmärkten.

Von Markus Zydra

Auch an den Finanzmärkten tritt mit Blick auf die Maßnahmen der Europäischen Zentralbank allmählich eine gelangweilte Gewöhnung ein. Immerhin 500 Milliarden Euro extra hat die Notenbank am Donnerstag spendiert, um den Euro-Staaten die Finanzierung ihrer Defizite kostengünstig zu ermöglichen. Doch was machen die Börsianer? Sie sind enttäuscht und verkaufen Aktien. Die Kurse sinken.

Es gab Zeiten, da entfaltete die lockere Geldpolitik der EZB große Euphorie. Doch nun nach fünf Jahren, in denen die Notenbank über vier Billionen Euro in die Märkte gepumpt hat, scheint der Zauber vorbei zu sein. Es stellen sich neue, grundsätzliche Fragen: Wie lange kann die EZB noch Geld geben, wo liegt die Obergrenze?

Der offizielle Grund für die lockere Geldpolitik ist die niedrige Inflationsrate in der Währungsunion. Die Preise fallen seit drei Monaten, im November betrug das Minus 0,3 Prozent, auch in Deutschland, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. Die gesenkte Mehrwertsteuer und fallende Energiekosten hätten die Inflationsrate in Deutschland auf den tiefsten Stand seit fast sechs Jahren gedrückt. "Zuletzt wurde im Januar 2015 eine so niedrige Inflationsrate beobachtet", so die Statistiker. Doch manche Waren für den täglichen Gebrauch kosten mehr. Die Preise für Nahrungsmittel kletterten um 1,4 Prozent, das betraf vor allem Fleisch und Obst. Wenn die Senkung der Mehrwertsteuer ausläuft, erwarten Ökonomen wieder mehr Preisdruck. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet im kommenden Jahr mit einer Teuerungsrate von 1,6 Prozent - das wird sich dann auch auf die Inflationsrate in der gesamten Währungsunion auswirken, weil Deutschland dort die größte Volkswirtschaft ist.

Die EZB strebt im Durchschnitt eine Inflationsrate von nahe zwei Prozent an. Man möchte Abstand zur Nulllinie haben, um dauerhaft sinkende Preise zu verhindern. Die Notenbanker fürchten, dass sinkende Preise in eine gefährliche Deflation und schlussendlich eine schlimme Rezession münden könnten. Deshalb pumpen die Währungshüter seit vielen Jahren Billionen Euro in die Wirtschaft. Doch der Erfolg bleibt aus, nicht nur in der Euro-Zone, sondern in allen Industriestaaten. Die Gründe sind vielfältig: Viele Menschen sparen mehr als früher, die Löhne steigen nicht stark genug und auch die Globalisierung sowie der technische Fortschritt halten die Inflationsraten im Zaum.

Inzwischen gibt es Ökonomen, die mit einem relativ starken Anstieg der Preise rechnen, sobald sich die Wirtschaft von der Corona-Pandemie erholt. Auch dann stünde die EZB vor einer schweren Aufgabe: Sie müsste die Finanzmärkte und Staaten entwöhnen und ihnen das billige Geld wieder wegnehmen.

© SZ vom 12.12.2020
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