Erbschaften Viel für wenige

Wo in Deutschland wohnt der Reichtum und wo nicht?

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Die reichsten zwei Prozent der Deutschen vererben ein Drittel des Geldes. Forscher sehen einen Trend zur Ungleichheit. Die Erbschaftssteuer bringt in Deutschland nur wenig.

Von Alexander Hagelüken

Vom Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre haben die Deutschen unterschiedlich profitiert. Untersuchungen zeigen, dass das Vermögen in der Bundesrepublik ungleicher verteilt ist als in den meisten anderen europäischen Staaten. Nun zeigt eine Studie, wie sehr Erbschaften diese Ungleichheit konservieren. Von den gut zwei Billionen Euro, die in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich an die nächste Generation fallen, vererben die reichsten zwei Prozent ein volles Drittel.

Nach der Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) hinterlässt damit ein sehr geringer Anteil der Bevölkerung ein Vermögen von etwa 700 Milliarden Euro. Bei einem Großteil der knapp sechs Millionen erwarteten Hinterlassenschaften sieht das anders aus: Demnach wird in jedem achten Fall so gut wie gar kein Vermögen übertragen. In jedem dritten Fall können die Nachkommen mit weniger als 25 000 Euro rechnen. Vermögen von mehr als einer Million Euro werden nur in jedem fünfzigsten Fall weitergereicht.

Werden auch die Hinterlassenschaften an die gleiche Generation betrachtet, also das Vererben etwa unter Ehepartnern, verändert sich das Bild nicht wesentlich. Bei der dann auf drei Billionen Euro ansteigenden Erbsumme in den nächsten zehn Jahren ist die Verteilung ähnlich unterschiedlich. "Die Art des Vererbens zementiert die Ungleichheit", sagt Klaus Morgenstern vom DIA-Institut.

Für den Verteilungsforscher Stefan Bach bestätigen die Daten andere Untersuchungen zu Arm und Reich. Bach hat gerade mit Kollegen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine Analyse der Vermögen in der Bundesrepublik vorgelegt, die auf Daten der Europäischen Zentralbank basiert und diese um Abschätzungen über die Superreichen ergänzt, die in statistischen Befragungen meist nicht auftauchen. Demnach gehören den reichsten zehn Prozent Deutschen mit 63 Prozent fast zwei Drittel des Vermögens von 8,8 Billionen Euro. Das oberste eine Prozent vereint ein Drittel des Besitzes der gesamten Bevölkerung auf sich.

Erbschaften würden die Ungleichheit nur dann nicht konservieren, wenn die Reichen einen Großteil an die Allgemeinheit vermachen würden, sagt Bach. Dafür gebe es allerdings keine Anzeichen. Die Zementierung der Ungleichheit durch Hinterlassenschaften lasse sich damit erklären, dass die Erbschaftsteuer praktisch keine Rolle spiele. Ihr Aufkommen beträgt im Jahr etwa fünf Milliarden Euro - bei einem Volumen der Hinterlassenschaften nach DIA-Studie von etwa 300 Milliarden Euro im Jahr. Die Bundesregierung muss nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts die Erbschaftsteuer reformieren, weil Firmenerben nach Ansicht der Richter überprivilegiert sind - auf Betriebsvermögen wird oft gar keine Steuer fällig.

Ökonom Bach nennt für die Ungleichheit in Deutschland mehrere Faktoren. Die Löhne entwickelten sich seit längerer Zeit relativ schwach, die Kapitaleinkünfte aber stark. Von 2000 bis 2014 stiegen Unternehmer- und Vermögenseinkommen nach Daten des Statistischen Bundesamtes um 30 Prozent, mehr als viermal so stark wie die Löhne. Gleichzeitig werden Einkommensstärkere bei der Besteuerung seit Längerem entlastet: Der Spitzensatz der Einkommensteuer wurde ebenso gesenkt wie Firmen- und Kapitalertragsteuern. Bach hält eine maßvolle Anhebung dieser Sätze für angemessen: "Mit den Einnahmen ließe sich die Unter- und Mittelschicht entlasten, die durch kalte Progression oder höhere Mehrwertsteuer zuletzt eher stärker belastet wurden." Die Bundesregierung plant bei ihrer Reform der Erbschaftssteuer keine nennenswerte Erhöhung der Einnahmen.