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Energiepolitik:Vorreiter Oslo

Kraftwerk Niederaußem

Viel Rauch: RWE-Braunkohle-Kraftwerk Niederaußem. RWE könnte von Oslos Entscheidung betroffen sein.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Der größte Staatsfonds der Welt will sein Geld aus klimaschädlicher Kohle abziehen. Das könnte auch deutsche Konzerne betreffen.

Von Michael Bauchmüller und Silke Bigalke, Berlin/Oslo

Der größte Staatsfonds der Welt muss künftig mehr Rücksicht auf das Klima nehmen. Der Finanzausschuss des norwegischen Parlaments beschloss am Mittwochabend mit einstimmiger Mehrheit eine entsprechende Vorlage. "Investitionen in Kohle-Firmen stellen sowohl ein Risiko für das Klima als auch ein künftiges wirtschaftliches Risiko dar", heißt es in der Erklärung des Ausschusses. Danach darf der norwegische Pensionsfonds in Zukunft nicht mehr in Unternehmen investieren, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes oder ihrer Stromerzeugung auf klimaschädliche Kohle stützen - sei es als Stromkonzern oder als Bergbau-Unternehmen.

Der Entscheidung war eine monatelange Debatte vorausgegangen, die norwegische Regierung hatte von dem Plan ursprünglich nichts wissen wollen - aus angst um die Erlöse des Fonds. Nun aber steht auch der endgültigen Verabschiedung durch das Parlament in der nächsten Woche nichts mehr im Wege. Schon weil im Finanzausschuss alle Fraktionen hinter den Vorgaben gestanden hätten, sei es "zu hundert Prozent sicher", dass er das Parlament passiere, sagte Torstein Tvedt Solberg von der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Er zählte zu den Initiatoren. "Wir wissen, dass der Anteil der Kohle reduziert werden muss, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Dafür müssen wir jedes Mittel nutzen." Die Vorgaben seien so gewählt, dass sie möglichst viele Investitionen des Fonds umfassen - die nun abgezogen werden müssen.

Unter Umweltschützern fällt diese Art Klimaschutz unter den Begriff "divestment". Banken, Versicherer oder eben große Fonds ziehen hier Geld aus Geschäften ab, die sie für klimaschädlich halten. Es soll letztlich auch die Unternehmen zum Umdenken bewegen. Allerdings markiert die Entscheidung aus Oslo eine neue Dimension: Norwegens Pensionsfonds ist mehr als 800 Milliarden Euro schwer, er hält über ein Prozent sämtlicher börsennotierter Firmen weltweit. "Durch diese Entscheidung wird Norwegen zu einem Anführer in Sachen Divestment", sagt Heffa Schücking von der deutschen Umweltorganisation Urgewald. Die norwegischen Ausschlusskriterien setzten Standards für Investoren weltweit. In aller Welt forderten Menschen ähnliches, sagte Schücking. "Die werden nun sagen: Danke für den Ausstieg, Norwegen."

In Kraft treten sollen die neuen Regeln zum ersten Januar. Zwar machen die Kohle-Investitionen nur einen Bruchteil des Staatsfonds aus - gemessen an seinem Gesamtvermögen aber ist es dennoch viel Geld. Zwischen 300 Millionen und 13,7 Milliarden Euro hatte der Fonds laut Chef-Verwalter Yngve Slyngstad Ende 2013 umgerechnet in den Kohlesektor investiert - je nach dem, wie man diesen definiere. "Wir gehen davon aus, dass der Kohleindustrie Milliarden-Euro-Beträge entzogen werden", sagt Truls Gulowsen von Greenpeace in Norwegen. "Das ist ein großer Sieg für die Divestment-Bewegung und ein echtes Hoffnungszeichen, dass das Verhalten von Investoren verändert werden kann." Welche Firmen genau betroffen sein werden, ist noch nicht ganz klar. In Deutschland dürfte es den RWE-Konzern treffen, an dem die Norweger mit gut 1,7 Prozent beteiligt sind. Ähnlich hohe Anteile halten sie auch an dessen Rivalen Eon, der allerdings sein Kohle-Geschäft in die neu geschaffene Abspaltung Uniper auslagern will. Nach Einschätzung von Petter Johnsen, dem obersten Anlagestrategen des Staatsfonds, müsse man sich aus 50 bis 75 Unternehmen zurückziehen. Die Beteiligungen seien zwischen vier und fünf Milliarden Euro wert.

Ganz widerspruchsfrei freilich ist die Portfolio-Bereinigung in Oslo nicht. So beruht der Staatsfonds seinerseits auf Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft. Folgerichtig zieht er sich auch nur aus der Kohle zurück, nicht aus Kohle und Gas. Zum anderen unterstützt die norwegische Regierung ihrerseits die Kohleförderung auf Spitzbergen - wenngleich aus speziellen Gründen. Die Insel in der Arktis gilt als strategisch wichtig für Norwegen, die Mine ist dort der größte Arbeitgeber.

© SZ vom 29.05.2015
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