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Energiekonzerne:Ins Netz gegangen

RWE-Kohlekraftwerk in Neurath: Klimaaktivisten ärgern den Konzern.

(Foto: INA FASSBENDER/AFP)

Diesmal waren es nicht nur gefälschte Plakate: Der Essener Energiekonzern RWE wird Opfer einer raffinierten Internet-Kampagne von Klimaschützern - und gerät mit seiner Verteidigungsstrategie am Ende selbst in die Defensive.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Die neueste "neue RWE" sitzt nicht in Essen, sondern auf den Bahamas. Dort jedenfalls ist die Domain registriert, mit der diese "neue RWE" soeben die Revolution ausgerufen hat. "Es wird Zeit für Veränderung - und wir packen an", verkündet da ein Sebastian Krikow, angeblich "Leiter Corporate Responsibility". Den Tagebau Garzweiler 2 etwa wolle diese neue RWE stilllegen, die Flächen verkaufen: "Wir freuen uns über ihre Angebote!"Schaufelradbagger, Absetzer - sie alle stehen zum Verkauf. Denn: "RWE steht hinter den Zielen des Pariser Klimaabkommens."

Am Tag danach müht man sich in der Essener Konzernzentrale um Gelassenheit. Hauptziel sei es, "die Dinge aus der Welt zu kriegen". Zwischenzeitlich waren auch Twitter-Accounts entstanden, RWE sah sich einer regelrechten Attacke gegenüber. Die Seite, die auf den Bahamas registriert ist, hat ihre IP-Adresse in Island, der Urheber ist schwer feststellbar. Dem offiziellen Auftritt des Konzerns, der schon länger eine "neue RWE" ausgerufen hatte, sieht die Domain "zukunft-rheinland.com" verblüffend ähnlich. Ganz so gelassen war die Reaktion der Essener nicht immer. Am Montag, wenige Stunden, nachdem die gefälschte Seite bekannt geworden war, reagierte der Konzern recht angefasst. Im Netz kursiere eine Internet-Seite, auf der "unwahre Behauptungen über RWE verbreitet werden", schrieb die Pressestelle auf Twitter. "Das ist nicht akzeptabel und rechtswidrig. Dagegen gehen wir konsequent vor." Für derlei beherzte Reflexe ist das Unternehmen bekannt.

Im Netz allerdings entwickelte sich diese Reaktion rasch zum Bumerang. Ob es denn auch eine unwahre Behauptung sei, dass man zu den Zielen des Pariser Klimaabkommens stehe, fragten sich soziale Netzwerker. Auf RWE ging ein shitstorm nieder - und die Ursache war noch nicht einmal das Unternehmen selbst.

Die Taktik ist nicht neu, und RWE nicht das einzige Ziel. Als das Unternehmen Ende Juni zur Hauptversammlung lud, hatten Unbekannte gefälschte RWE-Plakate aufgehängt: "Wir machen Strom, indem wir baggern. Und baggern. Und baggern. Und baggern." Im Hintergrund prangte einer der Schaufelradbagger, die nun angeblich zum Verkauf stehen. Die RWE-Optik war auch hier täuschend echt.

Auf die gefälschte RWE-Seite freilich sind nur wenige reingefallen - anders als 2015 bei Vattenfall. Damals hatte das Peng-Kollektiv, eine Gruppe von Künstlern und Aktivisten per Pressekonferenz und mit dem Account "vattenfall-responsibility.de" das Ende der Braunkohle-Verstromung in der Lausitz ausgerufen. "Das war alles ziemlich professionell gefälscht", erinnert sich ein Vattenfall-Mitarbeiter. So professionell, dass auch der RBB darüber per Eilmeldung berichtete, und der CDU-Bundestagsabgeordnete Sebastian Steineke feierte es auf Twitter als Erfolg der Brandenburger CDU. Umso böser war das Erwachen für manche. Rechtliche Schritte ergriff Vattenfall trotzdem nicht.

RWE aber scheint das Unglück anzuziehen. Als das Peng-Kollektiv kürzlich ein "Bundesamt für Krisenschutz und Wirtschaftshilfe" erschuf, samt täuschend echter Homepage und Umfrage unter großen deutschen Konzernen, fiel RWE-Chef Rolf-Martin Schmitz darauf herein. Hilfsbereit erklärte er sich mit einem Interview für die Umfrage einverstanden. Dass etwas faul war, merkte er schnell: Seiner Gesprächspartnerin ging es nur um das Ende der Braunkohle.

© SZ vom 05.08.2020

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