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Energie:Wasserstoff für Europa

Mit viel Geld will Brüssel dem Gas als Energieträger zum Durchbruch verhelfen. Doch es gibt Kritik am Konzept der EU-Kommission.

Von Karoline Meta Beisel

Die Europäische Union will bis 2050 klimaneutral werden, also nicht mehr Schadstoffe in die Atmosphäre ausstoßen, als anderswo gleichzeitig eingespart werden. Wasserstoff gilt auf dem weg zu diesem Ziel als Schlüsseltechnologie. Wo Wasserstoff verbraucht wird, entstehen keine Treibhausgase, sondern nur Wasserdampf. "Wasserstoff ist der Rockstar unter den erneuerbaren Energien", sagte Frans Timmermans am Mittwoch. Wie der EU-Klimakommissar erklärte, will die Kommission die Kapazitäten für die Produktion darum mithilfe von öffentlicher Förderung stark ausbauen: von jetzt bis 2024 von einem auf dann sechs Gigawatt. Bis 2030 sollen es sogar 40 Gigawatt werden - das ist achtmal so viel wie das Ziel, auf das sich die große Koalition Anfang Juni für Deutschland geeinigt hat.

Allerdings wird für die Gewinnung von Wasserstoff selbst viel Energie gebraucht; und Streit gibt es nach wie vor um die Frage, woher diese Energie herkommen soll. Während Deutschland bei der Wasserstoffproduktion von vorneherein vor allem auf Strom aus erneuerbaren Energien setzt, zum Beispiel aus Wind oder Sonne, will die EU-Kommission zumindest für eine Übergangszeit auch solchen Wasserstoff fördern, der mithilfe fossiler Energie produziert wird, etwa mit Erdgas. In einem ersten Schritt soll der so erzeugte Wasserstoff dann wiederum fossile Brennstoffe zum, Beispiel in der Stahlproduktion, ersetzen. Dabei sollen die Förderprogramme auf die unterschiedlichen Arten von Wasserstoff abgestimmt sein.

Kritiker monieren, die EU-Kommission garantiere mit ihrer Wasserstoffstrategie letztlich der fossilen Brennstoffindustrie weitere Förderung. Wirklich sauberer Wasserstoff aus erneuerbaren Energien werde es im direkten Wettbewerb schwer haben, sagt etwa Barbara Mariani vom europäischen Umweltschutz-Dachverband EEB. "Das ist ein teures Spiel, das sich Europa nicht leisten kann und das sich leicht vermeiden ließe." Auch die Klimaschutzorganisation Climate Action Network kritisiert, dass die Strategie die Tür für fossile Brennstoffe offen halte. Außerdem fehle ein konkretes Enddatum, ab dem dann nur noch wirklich grüner Wasserstoff gefördert werden könne.

EU-Kommissar Timmermans verteidigte die Strategie gegen solche Kritik: Zu Beginn zumindest müsse man zweigleisig fahren, da der Markt für Wasserstoff sonst nicht schnell genug anspringe, um den wachsenden Bedarf zu decken. Das Ziel sei aber, langfristig nur noch in grünen Wasserstoff zu investieren. So solle die EU auch international eine Vorreiterrolle einnehmen: "Wir wollen der Welt zeigen, dass so etwas wie sauber produzierter Stahl möglich ist", sagte Timmermans.

Industrieverbände begrüßten die Strategie, forderten die EU-Kommission aber zu mehr Tempo auf: "Das Ziel sollte sein, den europäischen Binnenmarkt für Wasserstoff noch bis Mitte dieses Jahrzehnts zu entwickeln", sagt etwa Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der deutschen Industrie. "Die Vorteile der Integration werden gerade für die europäische Energie-Zusammenarbeit noch längst nicht ausreichend genutzt."

© SZ vom 09.07.2020

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