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Energie:Kurzarbeit für Windräder

Tausende Anlagen fallen bald aus der Förderung. Durch die Corona-Pandemie sind die Strompreise aber im Keller. Geschieht nichts, fehle den Windrädern deshalb bald die Perspektive, warnen Beobachter.

Für den Ruhestand sind viele der älteren Windräder im Land eigentlich noch zu jung. Selbst mehr als 20 Jahre nach Inbetriebnahme tun sie noch ihren Dienst und könnten gut noch einige Jahre weiterlaufen. Trotzdem steht das nun in Frage - durch Corona mehr denn je.

Denn zum Ende des Jahres verlieren Tausende Windräder im Land die Förderung. So sieht es das Erneuerbare-Energien-Gesetz vor, das die Windkraft einst marktfähig machen sollte. Als es im Jahr 2000 in Kraft trat, sah es eine garantierte Förderung für genau 20 Jahre vor. Bis dahin sollten die Anlagen locker abgeschrieben sein, und so ist es auch. Aber sie dann einfach abreißen?

Seit Jahren arbeiten Ökostrom-Firmen deshalb an Verträgen, die den weiteren Betrieb sichern sollten. Windparks sollten als direkter Stromlieferant auftreten, auch für große Konzerne wie Daimler. Die wiederum können so ihre Klimabilanz aufbessern, mit Ökostrom direkt vom Erzeuger. Und wirtschaftlich war das für beide Seiten auch: Die abgeschriebenen Anlagen können vergleichsweise günstig Strom liefern, bei ausreichend hohen Preisen an den Energiebörsen sind sie voll konkurrenzfähig. Wäre da nicht diese Pandemie.

Denn wenige Monate vor dem Jahreswechsel, wenn 4000 Windräder die Förderung verlieren, hat die Corona-Krise auch die Börsenpreise zusammenbrechen lassen. Den Kalkulationen für den Weiterbetrieb nach dem 31. Dezember ist damit der Boden entzogen. Eine Ökostrom-Leistung von 3,7 Gigawatt könnte so vom Markt verschwinden. Das ist mehr als dreimal so viel, wie im - schwachen - Jahr 2019 an neuer Windleistung in Betrieb ging. "Wenn nur die Hälfte dieser Kapazität stillgelegt wird, bekommen wir einen negativen Zubau", warnt Jürgen Quentin, der für die Fachagentur Windenergie an Land die Entwicklung verfolgt. Dann wird, allen Ökostrom-Zielen zum Trotz, hierzulande mehr Windkraft stillgelegt als neu gebaut.

Die Branche ist längst aufgeschreckt. So warnt der Ökostrom-Anbieter Naturstrom in einem internen Papier vor einer "drastisch verschärften" Lage. Mit einer "vorrangig der Coronakrise geschuldeten Abschaltung einer Vielzahl technisch einwandfreier Anlagen" drohe nun auch ein Rückschritt bei den Energie- und Klimazielen, heißt es in dem Papier, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Nötig sei eine zeitlich befristete Übergangsregelung, um die Abschaltung zu verhindern.

Konkret schlägt das Unternehmen eine Art Kurzarbeitergeld für Windräder vor. Gestaffelt nach Größe und Lage sollten sie auch in den Jahren 2021 und 2022 noch eine Förderung erhalten, im Schnitt 3,2 Cent je Kilowattstunde. Für den Übergang, sagt Naturstrom-Vorstand Oliver Hummel, brauche es "eine kurzfristige Auffanglösung, bis sich die Börsenpreise wieder normalisieren".

Erst am Freitag hatte auch Niedersachsen einen Vorschlag für die Altanlagen in den Bundesrat eingebracht. Diese bräuchten ein "Sicherungsnetz". Eine Anschlussförderung von gut vier Cent je Kilowattstunde solle verhindern, dass Anlagen aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegt werden. Bis zu sieben Jahre weitere Förderung sollen sich die Betreiber der Anlagen so sichern können. Der Antrag wurde an die Ausschüsse verwiesen.

Für die Betreiber drängt die Zeit. Denn nach 20 Jahren endet nicht nur die Förderung, auch die Nachweise für die Standsicherheit der Windräder laufen aus. Für deren Verlängerung braucht es Gutachten, die mehrere tausend Euro kosten. "Das investiert nur, wer für seine Windräder eine Perspektive sieht", sagt Fachagentur-Experte Quentin.

© SZ vom 08.06.2020

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