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Ende der Biosprit-Förderung:Unsinn, der auf Feldern wächst

Zum Ausstieg aus der Biokraftstoff-Förderung gibt es keine Alternativen. Biokraftstoffe verfehlen die in sie gesetzten Hoffnungen gleich in mehrfacher Hinsicht. Inzwischen steht fest: Kraftstoffe vom Acker schaden nicht nur Umwelt und Klima, sondern verschärfen auch den Hunger in der Welt. Und Deutschland ist mit seinem Biospritdurst ein Teil davon.

Silvia Liebrich

Auf den Feldern dieser Welt tobt ein harter Konkurrenzkampf. Grund dafür ist nicht nur der wachsende Bedarf an Nahrung, sondern auch die Gier nach Biosprit - ein Boom mit schweren Nebenwirkungen, wie sich immer deutlicher abzeichnet. Inzwischen steht fest: Kraftstoffe vom Acker schaden nicht nur Umwelt und Klima, sondern verschärfen auch den Hunger in der Welt.

Themenpaket UN-Naturschutzkonferenz - Biosprit

Je intensiver der Anbau, desto höher der Energiebedarf an fossilen Brennstoffen wie Erdöl, und das ist schlecht fürs Klima. Hinzu kommt, dass sich die Biospritproduktion als ineffiziente Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen erweist.

(Foto: dpa)

Es ist noch nicht lange her, dass Biosprit als großer Hoffnungsträger eines neuen Energiezeitalters galt. Doch diese Erwartungen werden sich nicht erfüllen. Deshalb ist es grundsätzlich richtig, dass die Europäische Union die Nutzung von Biokraftstoffen nun beschränken will. Autofahrer dürften erleichtert aufatmen; mit E-10-Benzin, das bis zu zehn Prozent Ethanol aus Zucker, Mais oder anderen Pflanzen enthält, können sich viele bis heute nicht anfreunden.

Keine Frage, ein Ausstieg aus der Biokraftstoff-Förderung wird schmerzhaft. Trotzdem gibt es keine Alternativen. Biokraftstoffe verfehlen die in sie gesetzten Hoffnungen gleich in mehrfacher Hinsicht. Davor hat gerade erst die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina vor Kurzem in einer umfassenden Studie gewarnt. "Biomasse als Energiequelle in größerem Maßstab ist keine wirkliche Option für Länder wie Deutschland", heißt es dort.

Als einen der wichtigsten Kritikpunkte führt die EU nun die verfehlten Klimaschutzziele an. Dass Pflanzen beim Anbau so viel Kohlendioxid aufnehmen, wie später beim Verbrennen freigesetzt wird, ist nur ein Teil der Rechnung. Düngen, ernten, transportieren und verarbeiten ruinieren die Klimabilanz gründlich.

Je intensiver der Anbau, desto höher der Energiebedarf an fossilen Brennstoffen wie Erdöl, und das ist schlecht fürs Klima. Hinzu kommt, dass sich die Biospritproduktion als ineffiziente Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen erweist. Stehen auf einer vergleichbar großen Fläche Solarzellen, so lässt sich damit ein Vielfaches an Energie, etwa für Elektroautos, erzeugen.

Tank und Teller funktioniert nicht

Dann gibt es noch das Mengenproblem. Die Beschwörungsformel der Bauern-Funktionäre, dass deutsche Landwirte beides können, Tank und Teller - sie kann nicht funktionieren. Derzeit nutzen die Deutschen zwei Drittel der Feldfrüchte für Essen oder als Material für Bioplastik, Textilien und andere Produkte. Nur etwa ein Zehntel geht in die Energieerzeugung. Weil das, was auf heimischen Felder wächst, heute schon nicht ausreicht, um den wachsenden Bedarf zu decken, muss immer mehr importiert werden - zum Beispiel Palmöl für Diesel aus Indonesien oder Zuckerrohr-Ethanol für Benzin aus Brasilien.

Hinzu kommt: Mit seinem Biospritdurst verschärft Deutschland die Umweltprobleme und Landkonflikte in diesen Anbauländern. In Honduras muss die Regierung Kleinbauern vor gewaltsamen Übergriffen von Palmölproduzenten schützen. In Indonesien ist ein großer Teil des Regenwaldes vernichtet, dort stehen heute riesige Energie-Plantagen. In Kamerun und Äthiopien werden Bauern von ihren Feldern vertrieben, weil internationale Investoren dort Biospritpflanzen statt Nahrungsmittel anbauen wollen. Der Druck auf die Anbaufläche nimmt zu. Das schlägt sich auf die Preise für Nahrung nieder, eine Last vor allem für Menschen in ärmeren Ländern.

Die Fakten sprechen gegen die bisherige Biospritpolitik der EU und zwingen sie zu einer Kurskorrektur - mit weitreichenden Konsequenzen für Politik und Wirtschaft. Die Abkehr von einer großzügigen Förderung bringt zunächst die Bundesregierung in Bedrängnis. Ihr Plan für die Energiewende gerät ins Wanken. Denn der sieht vor, dass nachwachsende Rohstoffe bis 2050 knapp ein Viertel des Energiebedarfs hierzulande decken sollen. Dabei geht es nicht nur um Biosprit, sondern auch um Biogas zur Stromerzeugung. Blanker Irrsinn, warnen Wissenschaftler. Zu Recht. Das Ziel scheint unerreichbar.

Auch der Industrie droht ein schwerer Rückschlag. Wer glaubt, dass sich E 10 einfach so abschaffen lässt, wie jüngst von Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) vorgeschlagen, täuscht sich. Konzerne wie Südzucker oder Verbio haben viel Geld in den Bau von Ethanol- und Biodieselanlagen gesteckt. Ihnen drohen empfindliche Einbußen, wenn Subventionen und die Beimischungsquote wegfallen. Das ist für die Unternehmen fatal, aber Konsequenz der Tatsache, dass Deutschland und die EU in ihrer Biospritpolitik den falschen Weg eingeschlagen haben.

Diesen Fehler gilt es nun zu beseitigen. Es wird nicht der letzte sein bei dem so schwierigen Projekt Energiewende.

© SZ vom 12.09.2012/rela

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