Luftfahrtindustrie:Die ungewöhnliche Geschichte von Embraer

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Luftfahrtindustrie: Eine Nische ist gut, mehrere Nischen sind besser: Ein neues Modell des Flugzeugherstellers Embraer, der in vielen Geschäftsfeldern mitmischt.

Eine Nische ist gut, mehrere Nischen sind besser: Ein neues Modell des Flugzeugherstellers Embraer, der in vielen Geschäftsfeldern mitmischt.

(Foto: Sebastiao Moreira/picture alliance / dpa)

Das brasilianische Unternehmen konkurriert mit Airbus und Boeing. Nach turbulenten Jahren sollen neue Programme den Weg aus der Krise ebnen, doch so einfach ist das nicht.

Von Jens Flottau, Sao José dos Campos

Als Francisco Gomes Neto vor rund drei Jahren den Chefposten beim brasilianischen Flugzeughersteller Embraer übernahm, schien die Zukunft seines Unternehmens klar vorgezeichnet zu sein: Der Boeing-Konzern würde Embraers Zivilflugzeugsparte mehrheitlich übernehmen, gemeinsam wollten die beiden dann neue Modelle entwickeln, die mit denen von Airbus mithalten könnten. Um den Luftverkehrsmarkt, der seit zehn Jahren nicht aufhören wollte zu wachsen, musste sich Neto sowieso nicht sorgen.

Es ist dann doch alles anders gekommen. Die Corona-Pandemie beendete die goldenen Zeiten der Branche abrupt, zwei Jahre lang stand die Branche zumindest zeitweise still, die Nachfrage nach neuen Flugzeugen brach ein. Boeing sagte den lange geplanten Deal, der rund vier Milliarden US-Dollar gekostet hätte, angesichts der dramatischen Lage ab. Neto musste sich daran machen, Embraer neu zu erfinden. Bis 2026 soll die Wende geschafft sein, als weiterhin unabhängiger Konzern.

Embraer, das ist sowieso eine ungewöhnliche Geschichte. 1968 wurde das Unternehmen gegründet und fristete über Jahrzehnte ein Dasein in der Nische kleiner Propellerflugzeuge. In den 90er Jahren schaffte Embraer den Durchbruch mit 50-sitzigen Regionaljets, die damals in den USA boomten, und später mit den größeren "E-Jets", die weltweit auf Strecken eingesetzt werden, für die die Maschinen von Airbus und Boeing zu groß sind. Nach dem Rückzug von Bombardier genießt Embraer bei den Regionaljets ein Monopol und ist der einzig übriggebliebene westliche zivile Flugzeugbauer jenseits der beiden Großkonzerne. Geachtet in der Branche ist Embraer für seine hervorragenden Ingenieure und auch die ausgereiften Flugzeuge. Bei den E-Jets hat Embraer mittlerweile die zweite Generation auf den Markt gebracht.

Gerade in der Pandemie haben viele reiche Privatleute Geld in eigene Flugzeuge gesteckt

"Wir wollen von der Erholung im Zivilgeschäft profitieren", sagt Neto. Die "E2"-Jets sind derzeit allerdings gleichzeitig Problem und Hoffnungsträger. 2018 wurden die ersten Maschinen der Serie ausgeliefert, die es derzeit in zwei Varianten mit rund 100 und rund 130 Sitzen gibt. Doch nicht nur wegen der Pandemie blieben die Verkaufszahlen weit hinter den Erwartungen zurück. Kaum eine Airline bestellte die E2, als die Transaktion mit Boeing über fast zwei Jahre in der Schwebe hing - die Kunden wollten erst einmal abwarten. Anders als Embraer erwartet hatte, haben die amerikanischen Fluglinien Tarifverträge nicht nachverhandelt, die den Einsatz der größeren und schwereren Jets bislang verboten haben.

Nicht leichter macht die Verkaufsbemühungen auch der Umstand, dass die derzeit von den Fluglinien eingesetzte E1-Flotte noch relativ jung ist und noch nicht ersetzt werden muss. Selbst eigentlich mächtige Konzerne wie die Lufthansa schieben Aufträge für neue Regionalflugzeuge auf die lange Bank, denn sie drücken sowieso schon eine riesige Schuldenlast.

Obwohl Embraer derzeit gerade einmal auf einen Jahresumsatz von rund vier Milliarden US-Dollar kommt (Airbus verzeichnete alleine im ersten Quartal das Dreifache), ist das brasilianische Unternehmen breit aufgestellt. Nach dem Scheitern des Deals mit Boeing gehört der Zivilflugzeugbau zwar wieder zum Kerngeschäft, doch darüber hinaus hat Embraer auch eine Sparte für Verteidigung und Sicherheit sowie eine weitere für Geschäftsreisejets.. "Wir werden nicht die Größten sein, aber wir wollen das attraktivste Unternehmen werden", gibt Neto vor.

Der Markt für Geschäftsreisejets boomt. Gerade in der Pandemie haben viele reiche Privatleute Geld in ihre eigenen Flugzeuge gesteckt, Embraer verzeichnet hier mit den relativ kleinen Businessjets große Erfolge. 2021 war, was die Verkaufszahlen angeht, das beste Jahr, seit Embraer in dem Bereich aktiv geworden ist. Im laufenden Jahr lag die Zahl der Vertragsabschlüsse sogar noch darüber, im ersten Quartal führte das zu einer operativen Marge von 18 Prozent.

Embraer hat ein Tankflugzeug im Sortiment, doch mögliche Kunden suchen andere Lösungen

Im Verteidigungsgeschäft hofft Embraer darauf, dass der Krieg Russlands in der Ukraine weltweit zu einem Umdenken in der Beschaffung führt. "Ob es einem passt oder nicht, die Welt hat sich verändert," sagt Spartenchef Jackson Schneider. Embraer baut kleine Trainingsflugzeuge, auf den Piloten für den Einsatz auf Kampfjets üben können, sowie den Militärtransporter KC-390, der auch als fliegende Tankstelle verwendet werden kann. "Was die KC-390 angeht, bin ich sehr optimistisch", so Schneider. Doch gerade hat die brasilianische Luftwaffe angekündigt, ihre Bestellung von 22 auf 15 Maschinen zu reduzieren. Exportaufträge gibt es derzeit nur aus Portugal und Ungarn. Der geplante NATO-Beitritt Schwedens und Norwegens könnte dazu führen, dass die beiden Länder künftig eher größere Tanker beschaffen. Selbst Brasilien will nun zwei zivile Airbus A330 umrüsten.

Luftfahrtindustrie: Das Logo des Flugzeugerstellers Embraer.

Das Logo des Flugzeugerstellers Embraer.

(Foto: Roosevelt Cassio/Reuters)

Am meisten zu beflügeln scheint die Investoren aber sowieso die Elektrofliegerei. Embraer hat ein Unternehmen namens Eve ausgegründet und kürzlich an die New Yorker Börse gebracht. Eve entwickelt vollelektrische Flugzeuge, die auf Strecken von bis zu 100 Kilometern in großen Metropolen wie Sao Paulo oder Tokio Hubschrauber ersetzen können. Eve ist an der Börse derzeit 2,6 Milliarden Dollar wert und das, obwohl die ersten Maschinen erst 2026 ausgeliefert werden sollen. Embraer selbst kommt nur auf einen Wert von rund zwei Milliarden. Manche halten die Elektro-Fliegerei in den urbanen Zentren für eine Nische, die nur vom Kerngeschäft ablenkt, andererseits steckt viel an neuen Technologien darin, die künftig auch anderswo nützlich sein könnten.

Zurück bei den Zivilflugzeugen will sich Embraer auch künftig tunlichst aus der direkten Konkurrenz mit Airbus und Boeing heraushalten. Stattdessen hat Embraer Pläne für einen großen sogenannten Turboprop mit rund 90 Sitzen vorgestellt, der im reinen Regionalgeschäft das Monopol des europäischen Herstellers ATR durchbrechen soll. Turboprops verbrauchen deutlich weniger Treibstoff als Jets, daher sieht Embraer die Zeit gekommen für eine Renaissance. Anfang 2023 soll der Vorstand den Programmstart fix beschließen, bis dahin müssen die Verhandlungen vor allem mit den Triebwerksbauern und möglichen Erstkunden abgeschlossen sein.

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