Elektromobilität Stromer für alle

Da ist ja der Kleine: Der neue E-Go Life in der Aachener Werkshalle.

(Foto: Maja Hitij/Getty)

Der einstige Streetscooter-Gründer Günther Schuh liefert seine ersten batteriebetriebenen Kleinwagen aus, die nur 20 000 Euro kosten. Auch Volkswagen setzt alles auf E-Autos.

Von Thomas Fromm und Benedikt Müller, München/Aachen

Armin Laschet ist in die Fabrik gekommen, um sein neues Auto abzuholen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident hat sich einen E-Go "Life" bestellt, ein etwa 20 000 Euro teures Elektroauto, das neuerdings in Aachen vom Band läuft. Also sitzt der CDU-Politiker am Steuer seines hellblauen Dreitürers, die Reifen quietschen kurz auf dem Boden der neuen Fabrik. Danach kurvt Laschet fast geräuschlos durchs Werk, Hundert Mitarbeiter stehen am Fließband Spalier und klatschen: Sie bauen jetzt wirklich Autos.

Eingeladen hat Günther Schuh. Der 60-Jährige ist Professor für Produktionstechnik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen und hat sich mit diesem Vollzeitjob noch nie zufriedengegeben. Vor vier Jahren hat der Rheinländer die Firma E-Go gegründet, um zu beweisen, "dass es dieses Segment gibt": kleine, günstige Elektroautos für den Stadtverkehr, die dort Lärm und Abgase vermeiden und vor drohenden Fahrverboten gefeit sind.

VW gibt jetzt den Takt vor: Alles auf E-Autos, aber möglichst massentauglich und günstig

Der Zeitpunkt ist ideal, denn in der etablierten Autoindustrie wurde noch nie so viel über die Zukunft der Elektromobilität diskutiert wir in diesen Monaten. Lange war es der US-Hersteller Tesla, der mit sportlichen und schicken, aber teuren E-Autos den Takt vorgab. Inzwischen versucht Volkswagen, das Thema zu besetzen. Die Strategie der Wolfsburger: Die Technologie massentauglich machen und dabei - anders als Tesla oder auch deutsche Premiumhersteller - auf kostengünstige Autos für jedermann zu setzen. Zuletzt hatte VW die Vorbestellungen für seinen vollelektrischen ID.3 im Internet gestartet. Preis: unter 40 000 Euro; für die kleinere Version wird ein Preis von unter 30 000 Euro aufgerufen. Alles auf Elektro, gerne mit staatlicher Förderung: Mit der Strategie hatten die Wolfsburger ihre Wettbewerber überrascht. Die wollten zunächst lieber offenlassen, mit welcher Zukunftstechnologie sie arbeiten. Hybrid, Brennstoffzelle, Elektro, neue Diesel-Generationen - es wurden in den vergangenen Jahren verschiedene Technologien in den Vorstandsetagen geprüft, und welche sich durchsetze, könne schwer sagen, argumentierten die Kritiker der VW-Strategie. Fest steht nur: Noch liegt der Anteil von solchen Fahrzeugen in Deutschland im unteren Prozent-Bereich. Das könnte sich ändern, sobald sie bezahlbar und attraktiv sind - und die nötige Lade-Infrastruktur auf deutschen Straßen steht.

Weil der Markt so kompliziert ist, spricht das Unternehmen E-Go bewusst andere Kunden an als Tesla oder die ebenfalls teuren Elektromodelle von Premiumherstellern wie BMW. Der Kleinwagen ist nur 3,35 Meter kurz, wiegt nicht mal eine Tonne. Eine Batterieladung reicht zunächst nur für etwa 100 Kilometer Fahrt. Doch: "Dieses Auto ist ein Jedermann-Auto", sagt Schuh. Die Firma baut den "Life" so günstig wie möglich, fertigt etwa die Außenwand aus einem bereits eingefärbtem Kunststoff, spart sich mithin die Lackiererei. Wo es geht, kauft E-Go Komponenten aus bestehenden Sortimenten der Zulieferer ein, um Entwicklungskosten zu sparen.

Freilich, geseht Schuh, sei es einfacher, ein Elektroauto zu entwickeln als eine konventionelle Großserie, in deren Motor deutlich mehr Teile stecken. "Es ist nicht so schwer, ein Elektroauto zu bauen", sagte der Professor einmal. "Die Kunst ist aber, ein günstiges Elektroauto zu bauen." 1000 "Life"-Modelle mit gut 80 PS will E-Go in den nächsten Monaten ausliefern. Bis Herbst soll denn eine noch günstigere Serie mit weniger PS abgenommen sein, die - nach Abzug der staatlichen Kaufprämie - bei etwa 12 000 Euro beginnt.

"So entstehen neue Arbeitsplätze im Strukturwandel", sagt der Ministerpräsident

E-Go ist bereits Schuhs zweiter Streich in Sachen Elektromobilität. Er hatte 2010 die Firma Streetscooter gegründet. Sie hat bis heute etwa 11 000 batteriebetriebene Kleintransporter hergestellt, ein Großteil ist als Paketlaster für die Deutsche Post im Einsatz. Der Bonner Konzern hat Streetscooter 2014 übernommen. "Unsere Mission ist noch nicht beendet", lautete sein Motto. In das neue Start-up hat der Professor Eigenmittel gesteckt, aber auch Geld von strategischen Investoren und einigen wenigen privaten Kapitalgebern. Alleine in der neuen Fabrik im Aachener Stadtteil Rothe Erde stecken Investitionen von 47 Millionen Euro. Gut 150 neue Arbeitsplätze sind in der Produktion entstanden. Ministerpräsident Laschet lobt, dass Aachener Professoren wie Schuh wissenschaftliche Erkenntnisse in industrielle Produktion umsetzen. "So entstehen neue Arbeitsplätze im Strukturwandel", sagt der Aachener, der mit Schuh per Du ist.

Die Branche steht vor großen Umbrüchen wie der Elektromobilität oder dem autonomen Fahren. Da gehe es nicht nur um Klimaschutz, sagte Laschet kürzlich, sondern auch um die Zukunft der Autoindustrie im Westen. Und deren Geschichte ist wechselvoll: "Opel kam, Opel ging", erinnert Laschet an das Schicksal der Opel-Fabrik in Bochum im Ruhrgebiet.

Professor Schuh hat der Region längst seinen nächsten Streich in Aussicht gestellt: Gemeinsam mit dem Autozulieferer ZF aus Friedrichshafen entwickelt E-Go einen batteriebetriebenen Stadttransporter, der entweder 15 Personen oder jede Menge Fracht umherfahren kann. Zwei Prototypen stehen am Donnerstag schon in der Eingangshalle der E-Go-Fabrik.