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Kommentar:Stromer sind sexy

Munsberg, Hendrik

Illustration: Bernd Schifferdecker

(Foto: Bernd Schifferdecker)

Statt E-Autos zu kaufen kann man sie jetzt auch im Abo leihen. Motto: Alles inklusive, außer Stromkosten. Das fördert die Experimentierfreude - und wird den Markt für Mobilität verändern.

Von Hendrik Munsberg

Acht Jahre ist es jetzt her, dass CDU-Kanzlerin Angela Merkel sich mit einem einzigen Satz zum Gespött der globalen Netzgemeinde machte: "Das Internet ist für uns alle Neuland." Aber würde heute Hohn und Häme ernten, wer mit Blick auf Deutschland sagte, die Elektromobilität sei "für uns alle noch Neuland"? Wohl kaum. Doch Vorsicht: Das Risiko, den Anschluss zu verpassen und sich zu blamieren, wächst. Denn die Deutschen, über Jahrzehnte eine Nation mit unerschütterlichem Glauben an Diesel- und Benzin-Motoren, beginnen sich für Elektroautos zu erwärmen, auch wenn bei vielen die Skepsis noch groß ist.

Aber manchmal stecken gerade in trockenen Zahlen interessante Geschichten: Im vorigen Jahr kamen hierzulande knapp drei Millionen Pkw neu auf die Straßen - immerhin fast 14 Prozent davon mit Elektroantrieb. Im Januar und Februar diesen Jahres wuchs deren Anteil an den Neuzulassungen bereits auf gut 21 Prozent, Tendenz steigend. Und ja, es stimmt, mehr als die Hälfte davon entfiel auf Plug-In-Hybrid-Modelle, jene Zwittergefährte, bei denen man gewissermaßen nur das Spielbein in die neue Elektro-Welt schwingt, während das Standbein noch in der vertrauten Verbrenner-Welt ruht. Viele Hybrid-Besitzer lassen das Spielbein sogar mit Vorsatz verkümmern - sie packen das Ladekabel gar nicht erst aus, sie sind nur scharf auf den üppigen Steuervorteil ihres Dienstwagens.

Jetzt aber gibt es einen neuen Trend, der den Bundesbürgern den Einstieg in die Welt der klimaschonenden Elektromobilität erleichtert: Statt E-Autos zu kaufen, kann man sie im Abonnement leihen - für Zeiträume von vier Wochen bis zu 12 oder 24 Monaten. Motto: Alles inklusive, außer Stromkosten. Die Modellpalette reicht vom elektro-getriebenen Fiat 500 bis zum Tesla Model 3 oder zum Mercedes EQC. Als Anbieter treten auf: Start-ups wie Vive la Car oder Cluno, neuerdings auch der Kaffeeröster Tchibo im Bündnis mit der Plattform like2drive. Längst feilen große Konzerne wie VW oder Mercedes-Benz an derartigen Offerten, die bisher überwiegend noch auf herkömmliche Verbrenner-Modelle zielen.

Abo-Modelle sind interessant, vor allem für neugierige Skeptiker

Doch gerade für alle neugierigen Skeptiker, die einen Einstieg in die Elektromobilität suchen, sind Abo-Modelle interessant. Weil sie einen entscheidenden Nachteil vermeiden: Wer heute eines der neuen E-Autos kauft, die - trotz üppiger Förderung durch Staat und Hersteller - noch immer oft ziemlich teuer sind, muss einen herben Wertverlust befürchten. Denn die Technik rund um die E-Mobilität entwickelt sich rasant. Die Batterien werden immer leistungsfähiger, weshalb die heute oft mittelmäßigen Reichweiten vieler Wagen deutlich steigen dürften. Das führt zu der Einsicht: Warum jetzt für viel Geld ein Fahrzeug kaufen, das womöglich in recht kurzer Zeit nicht mehr dem Stand der Technik entspricht? Also lieber für eine überschaubare Zeit ein E-Auto leihen.

Gewiss, Abo-Modelle beginnen bei knapp 300 Euro pro Monat und können leicht das Dreifache kosten, zudem muss man sorgsam auf das Kleingedruckte achten, Kilometerbeschränkungen beispielsweise und etwaige Aufschläge. Doch über die wahren Kosten eines gekauften Autos sollte sich niemand täuschen: Viele achten nur auf den Spritpreis, verdrängen aber gern den enormen Wertverlust in den ersten Jahren, ganz zu schweigen von finanziellen Belastungen durch unvorhergesehene Reparaturen, neue Reifen, Steuer, Versicherung und TÜV. Kein Wunder, dass Branchenexperten wie Ferdinand Dudenhöffer dem Abo-Markt große Dynamik bescheinigen.

Dazu kommt eine Eigenheit der Marktwirtschaft: Was stark nachgefragt wird, löst schon bald wachsendes Angebot aus. Das ist gut für alle, die sich vorstellen könnten, auf Elektromobilität umzusteigen, ihre Vorbehalte aber im echten Praxistest überprüfen möchten. Denn wahr ist ja: Wer ein E-Auto fährt, ist gegen unangenehme Überraschungen nicht gefeit.

Andererseits ändern sich angesichts der Klimakrise die Zeiten fundamental. Früher sollten Autos nicht selten Garage oder Carport möglichst raumgreifend ausfüllen, damit die Nachbarn sehen: Die haben es geschafft. Heute wirkt solches Denken peinlich. Es muss vor allem darum gehen, individuelle E-Mobilität klug mit öffentlichen Verkehrsangeboten zu kombinieren. Experimentierlust ist da hilfreich.

© SZ/kö
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