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Diversität:Gemeinsame Werte zählen

Gemischte Teams sind innovativer und kreativer. Auch für mittelständische Betriebe wird Diversität zunehmend zu einem wichtigen Erfolgsfaktor. Doch dafür muss die Unternehmenskultur für Außenseiter offen sein.

Von Katharina Wetzel

Betritt eine Frau einen Raum mit lauter Männern. Was wie ein Witzanfang klingt, ist für Frauen in Führungspositionen oft Alltag. In vielen Branchen ist der Anteil von Frauen in der Top-Etage noch immer gering. Dabei haben Studien immer wieder gezeigt, dass Unternehmen mit gemischten Teams innovativer und kreativer sind, dass sie auch bessere Ergebnisse erzielen und langfristig erfolgreicher sind. Diversität in Firmen erfährt auch vor dem Hintergrund der Migrationswelle eine stärkere Bedeutung. Warum ist sie dann noch nicht überall angekommen?

"Kommt eine Person in ein Unternehmen rein, die nicht dazu gehört, wirkt dies disruptiv", sagt Christian Andres, Professor an der WHU - Otto Beisheim School of Management. Frauen können reine Männerrunden aufmischen, Menschen anderer Herkunft und Religionszugehörigkeit sowie unterschiedlichen Alters für neue Perspektiven sorgen und den Horizont erweitern. "Für Unternehmen haben Außenseiter viele Vorteile. Sie brechen verkrustete Strukturen auf, hinterfragen Prozesse und bringen neue Ideen ein", sagt Andres.

Migranten können Türöffner für neue Märkte sein

Auch viele mittelständischen Firmen haben den ökonomischen Nutzen von gemischten Teams erkannt. Viele bieten etwa Migranten Praktika und Stellen an. Für die Betriebe können die neuen Mitarbeiter einmal Türöffner sein, wenn eine Expansion ansteht. "Menschen aus anderen Kulturkreisen helfen bei der Erschließung neuer Märkte. Sie werden aufgrund der Globalisierung für mittelständische Unternehmen zunehmend wichtiger", sagt Andres. Auch dem Betriebsklima tut Diversität gut. "Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Studien, die belegen, dass sich Vielfalt in der Belegschaft sowohl positiv auf die Produktivität als auch auf das Unternehmens-Image und die Mitarbeiterzufriedenheit auswirkt", sagt Friederike Welter, Professorin und Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn.

Doch es gibt auch Schattenseiten. Außenseiter, die in einem Betrieb alte Strukturen hinterfragen, mögen für mehr Transparenz sorgen, doch der Prozess dafür ist meist aufwendig. Zunächst können sie mit ihren Vorstellungen andere auch einfach vor den Kopf stoßen. Stehen schnelle Entscheidungen an, sind langwierige Diskussionen über die künftige Entwicklung möglicherweise auch deplatziert. "Die Empirie zeigt, dass die Vorteile die Nachteile überwiegen, aber der Kontext ist entscheidend", sagt Andres. Je unterschiedlicher eine Gruppe ist, desto mehr Regeln braucht es meist für ein gutes Zusammenspiel. Was innerhalb einer homogenen Gruppe aus lauter Männern noch selbstverständlich war, kann mit dem Eintritt einer Frau schnell fragwürdig erscheinen. Auf einmal müssen Dinge geklärt werden, die bisher unausgesprochen funktioniert haben.

"Sind in einer Gruppe die Werteunterschiede sehr groß, ist es sehr schwer, einen gemeinsamen Nenner zu finden, die Zusammenarbeit wird schwieriger und die Arbeitsprozesse langsamer", sagt Professor Sjoerd Beugelsdijk von der Universität Groningen. Zusammen mit Kollegen hat Beugelsdijk zwar keine Firmen untersucht, aber Daten von 250 Regionen aus 21 Ländern der Europäischen Union und eine europäische Studie ausgewertet, bei der mehr als 31000 Personen zu ihren kulturellen Ansichten befragt wurden. Das Ergebnis: Je unterschiedlicher die Wertvorstellungen unter den Bewohnern einer Region sind, desto niedriger ist die Wirtschaftskraft gemessen am Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt. "Es ist nicht so sehr die Religion oder die Herkunft, die entscheidend für den Erfolg ist, sondern eher die Werte, die Menschen miteinander teilen", ist Beugelsdijk überzeugt. "Wie sollten Kinder erzogen werden? Wie sollte eine Gesellschaft aussehen? Es kommt darauf an, für die wichtigen Dinge im Leben, eine gemeinsame Wertebasis zu finden", so Beugelsdijk. Das würde Gesellschaften viel stärker verbinden als eine ethnische Zugehörigkeit.

Die Erkenntnis lässt sich durchaus auch auf Firmen übertragen. Gemeinsame Werte verbinden Menschen und sind essenziell. Dies muss Diversität aber nicht ausschließen. Auf die Betriebe kommt dabei eine besondere Rolle zu. "Wer sich nicht willkommen fühlt, entwickelt eine innere Migrationshaltung. Es liegt also am Management, allen das Gefühl zu geben, wertgeschätzt zu sein", sagt Andres. Das sei die Voraussetzung dafür, dass Außenseiter ihre Ideen auch einbringen, die Disruption also gelingt.

© SZ vom 15.11.2017

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