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Lehren aus Davos:Mal kurz euphorisch sein

Beim Treffen in Davos dürfen die Deutschen Pause von der Krise machen und sich bestaunen lassen - ganz so als wäre die Nationalmannschaft wirklich einmal Weltmeister geworden.

Der Wirtschaftsminister jubelt. Konzernchefs sind stolz. Unternehmensberater verbreiten Optimismus. Die Forscher verbreiten Rekord-Wachstumszahlen. Und Ökonomen aus anderen Staaten bewundern jenes Land, das einst als Krankenstation Europas galt und das 2009 einen klaftertiefen Einbruch erlebte. Wann immer Deutschland auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zum Thema wird, kommt Respekt auf - manchmal Neid. Zuweilen wird die wiederbelebte Republik sogar als Modell genannt, als großer Zukunftstreiber wie Brasilien, Russland, Indien und China, der Wachstumsblock, der auch unter dem Begriff "Bric-Staaten" zusammengefasst wird.

Jubelnde Fußballfans auf der Leopoldstraße während Fußball-WM 2002

Wann immer Deutschland auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zum Thema wird, kommt Respekt auf - manchmal Neid: Wirtschafts-Deutschland im Rausch des Erfolgs.

(Foto: DPA/DPAWEB)

Wirtschafts-Deutschland im Rausch des Erfolgs - ganz so, als wäre die Nationalmannschaft wirklich einmal Weltmeister geworden, und nicht Zweiter oder Dritter. Die Ausschüttung von Glückshormonen ist verständlich, doch für zu viel Euphorie besteht kein Anlass. Zum einen hilft bei der Rekord-Wachstumsstatistik ein simpler Nachholeffekt: Was tief fiel, schießt nun wieder steil hoch. Zum anderen richten sich die großen Probleme dieser Welt nicht nach der Sonderkonjunktur made in Germany. Womöglich handelt es sich um ein Zwischenhoch in einer sich total verändernden Welt, die ein neues Denken erfordert.

Da sind die Umweltprobleme im Allgemeinen und der Klimawandel im Besonderen, die erhebliche ökonomische Kosten zur Folge haben. Die erste Lehre aus den Debatten von Davos ist, dass sich die Staaten künftig viel rigider um den Schutz von Luft, Wasser und Boden kümmern müssen, um jene "öffentlichen Güter" also, die alle Menschen brauchen. Nur wenn Politiker ambitionierte konkrete Grenzwerte setzen, wird sich die Industrie mit der nötigen Verve für die Schonung von Ressourcen und umweltfreundliche Produkte einsetzen. Nur dann wird sich der Lebensstil ändern. Erfolg ist also eine Frage des doppelten Zusammenspiels: zwischen einzelnen Staaten, aber auch zwischen dem System Politik und dem System Wirtschaft. Mit dem Finanzcrash 2008 ist das Dogma der Deregulierung verschwunden, das im Grunde "Nachtwächterstaaten" vorsah.

Die zweite Lehre aus Davos: Es gibt nach wie vor zu viel "bad money" im Markt, zu viele toxische Wertpapiere und ein Übermaß an Schulden. Der Finanzmarkt ist zum Pump-Kapitalismus geworden, er verheißt nicht jene Stabilität, die eine Güterwirtschaft braucht. Zu Recht haben Banker auf dem Weltwirtschaftsforum gewarnt, dass die Regierungen inzwischen zwar Banken an die Kandare genommen haben, gleichzeitig aber das Schattenimperium aus Hedgefonds und anderen Finanzfirmen nach wie vor nicht reguliert ist.

Dies verheißt wenig Gutes - ebenso wenig wie die katastrophale Lage einzelner Staatsetats. Japan ist im Grunde überschuldet, die USA haben über ihre Verhältnisse gelebt, und die immensen Verbindlichkeiten einzelner europäischer Länder bringen den Euro immer wieder ins Gerede. Bisher haben Politiker ihre Kunst darin gesehen, Zeit zu kaufen. Nun müssen sie einen neuen Rahmen setzen.

In Europa gibt es im März nur eine letzte Chance, nach einer Kette von Irrtümern die Wirtschafts- und Währungsunion zu festigen. Dafür braucht es zweifelsfreie Anleitungen für Notfälle. Jeder weiß, dass es im Fall Griechenland nicht ohne Schuldenerlass gehen wird. Die Deutschen spielen bei Europas Reformen die Hauptrolle. Das ist der Nebeneffekt wirtschaftlicher Stärke: Die Partner erwarten in der Euro-Frage Führungsstärke -auch wenn die Regierung Merkel dafür bisher nicht zu haben war. Politische Rückschläge, aber auch Finanzverwerfungen und eine schwindende Nachfrage in Exportmärkten sind die größten Risiken für die prosperierende deutsche Wirtschaft. Kurzum: Nach der Krise ist vor der Krise.

Weltwirtschaftsforum Davos

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