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Deutsches Konsumverhalten:Sparsamkeit und Bodenhaftung

Die moderne Variante dieser Märchen lesen Deutsche immer wieder voll Genugtuung in der Zeitung, so auch dieser Tage: Die wahre Geschichte vom kleinen Fliesenleger, der auszog, um binnen fünf Jahren seine Lottomillionen zu verschleudern und am Ende im Knast zu landen.

Vielleicht sind die Deutschen jetzt, in der Krise, deshalb weniger panisch als andere Völker: Sie haben sowieso immer gespart. Nicht einmal im Wirtschaftswunder haben sie ihr Geld verprasst. Konsequenterweise sehen sie es auch nicht gerne, wenn andere im Luxus leben. Wer es in diesem Land trotzdem tut, hat besser gleich auch etwas vorzuweisen, das sein Leben weniger beneidenswert macht.

Er muss sich in regelmäßigen Abständen von der ganzen Nation ausbuhen lassen (Fußballer), sich ständig in akute Lebensgefahr bringen (Rennfahrer). Oder er muss sich - ja, die Deutschen sind recht perfide - jahrelang mit Falsettgesang, Prollgehabe und Penisbruch lächerlich gemacht haben, siehe Dieter Bohlen. Die Wohlstandskurve verläuft dabei idealerweise umgekehrt proportional zum elitären Nimbus.

Leute, die sich jeden Luxus der Welt leisten könnten, betonen in diesem Land tunlichst ihre Sparsamkeit und Bodenhaftung, wie Heidi Klum, die ständig von Tante Ernas Sauerkrautsuppe schwärmt. Wie Veronika Ferres, die gebetsmühlenartig ihre Kindheit auf dem elterlichen Kartoffelacker beschwört.

Weihnachten, die Domäne der Deutschen

Oder wie der Multimillionär Stefan Raab, der Tag für Tag im Sweatshirt vor sein Unterschichten-Publikum tritt. Die Deutschen wollen diese Bilder als Beweise, dass der oder die nicht längst über sie und Deutschland hinausgewachsen ist und sie dabei - deutsche Urangst! - in irgendeiner Weise übervorteilt wurden.

Es fragt sich nur: Wenn herkömmlicher Luxus für die Deutschen gar kein Luxus ist - was ist es dann? Es sind die sogenannten, schon zu Jahresanfang eingereichten Brückentags-Urlaubskonstruktionen. Die Wahl zu haben zwischen drei verschiedenen Baumärkten in der Nachbarschaft. Ein Fleckchen Garten.

Immer dann, wenn der Deutsche sich selber nicht mehr erträgt, fährt er sowieso schnell nach Spanien, Frankreich oder Italien. Und immer dann, wenn man in diesem Land sitzt und denkt: So geht es wirklich nicht mehr weiter mit der ganzen Vernunft, Rechthaberei und Sparsamkeit - immer dann kommt: Weihnachten. Die Domäne der Deutschen.

Besser als Käse, sinnstiftender als Olivenöl. Da wird das Geld rausgehauen. Da stechen Nachbarn einander mit den luxuriösesten Lichtkonstruktionen aus. Ah, in sechs, sieben Monaten: Da sind die Deutschen am Drücker. Und endlich muss die ganze Welt wieder ihr Lied singen.