Deutsche Umwelthilfe Deutsche Umwelthilfe treibt ihre Gegner vor sich her

Seine Klage wurde abgewiesen: Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch.

(Foto: Franziska Kraufmann/dpa)

Die Deutsche Umwelthilfe ist winzig, aber sehr erfolgreich. Der Verband hat allerdings ein ernstes Problem - weil er auch Spenden von Firmen annimmt.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Es gibt Umweltverbände, deren Mitglieder tragen Frösche und Kröten über Landstraßen oder legen Biotope an. Es gibt Verbände, die mit Spendengeldern Kletterer auf Kraftwerksschlote schicken, um dort Klimaschutz-Transparente anzubringen. Es gibt Umweltgruppen, die ketten sich an Gleise, um wahlweise Castor- oder Kohlentransporte zu behindern. Und es gibt die Deutsche Umwelthilfe.

Keiner der deutschen Umweltverbände hat in den letzten Monaten so von sich reden gemacht wie dieser. Städte grübeln über Fahrverbote, weil Klagen der Umwelthilfe sie dazu verdonnert haben. Im Streit über Abgase treibt sie gerade ganze Autokonzerne vor sich her, die wiederum den Verband am liebsten mundtot machen würden. Was kein Wunder ist: denn der Verein mit Sitz im beschaulichen Radolfzell ist außerordentlich erfolgreich.

Fast eine One-man-Show

Das deutsche Dosenpfand gäbe es ohne die Deutsche Umwelthilfe, kurz DUH, so wenig wie Umweltzonen in deutschen Städten und massenhaft nachgerüstete Rußpartikelfilter. Sollte der Diesel-Motor demnächst in deutschen Städten rar und die Luft besser werden, geht das ebenfalls auf das Konto der Rebellen vom Bodensee. Was aber steckt hinter ihrer Schlagkraft?

Die Masse kann es nicht sein, denn die Umwelthilfe hat nicht mal 400 Mitglieder. Anders als andere Verbände ist sie mittlerweile eine One-Man-Show. Hinter ihr steht seit fast 30 Jahren vor allem Jürgen Resch, ein weißhaariger, listiger Mann, heute DUH-Geschäftsführer. Als Zivildienstleistender beim BUND kämpfte er Anfang der Achtziger gegen die giftigen Insektizide Endrin und Lindan. Schon damals war es ein Kampf David gegen Goliath, ein Naturschutzwart vom Bodensee gegen internationale Chemie-Multis. Diesem Muster folgen die Kampagnen bis heute.

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So wie beim Dosenpfand. Zu Beginn des Jahrtausends wird es das erste Thema, mit dem die Umwelthilfe bundesweit in Erscheinung tritt. Goliath und David, das sind hier: multinationale Getränkehersteller gegen kleine Brauereien. Dosenbier aus den Niederlanden gegen Flaschenbier aus Oberfranken. Müll gegen Mehrweg. Die Strategie verfängt. "Kommunikativ sind die extrem erfolgreich", sagt einer, der das Projekt damals auf Seiten des Handels bekämpfte. "Ohne Resch hätte Jürgen Trittin das Dosenpfand nicht durchgesetzt." Der Grüne Trittin war seinerzeit Umweltminister.

Jürgen Resch ist rastlos, Weggefährten würden sagen: ein Umwelt-Junkie. Als das Dosenpfand steht, wendet er sich dem Feinstaub zu. Die EU hat Höchstwerte aufgestellt, sie werden in vielen Städten überschritten. Die Umwelthilfe strengt Klagen gegen Kommunen an, gewinnt sie alle - und bahnt so den Umweltzonen in deutschen Städten den Weg. Diesmal geht es um die Luft in Ballungsräumen, um massenhafte Atemwegserkrankungen. Gegner ist die deutsche Automobilindustrie. Am Ende knickt sie ein.

Schon damals haben die Aktionen des Verbands einen kleinen Makel: Sie nutzen auch seinen Spendern. Als die Umwelthilfe für das Dosenpfand kämpft, erhält sie Geld von mittelständischen Brauern und einem norwegischen Unternehmen, das Apparate für die Rücknahme der Pfandflaschen herstellt. Während der Kampagne für rußfreie Dieselautos, Titel: "Kein Diesel ohne Filter", fließt Geld von Firmen, die Rußpartikelfilter herstellen. "Wir bilden Allianzen, wenn es zweckmäßig ist und sie uns helfen, unsere Ziele durchzusetzen", heißt es in einem internen Selbstverständnis-Papier von 2012. Doch die Kooperationen verursachen Unmut, auch in der Szene. "Es führt immer in Interessenkonflikte, wenn ein Umweltverband Geld aus der Wirtschaft nimmt", sagt Tobias Münchmeyer, der für Greenpeace in Berlin arbeitet. "Das ist ein echtes Problem."

Resch kennt diese Vorwürfe, er macht kein Hehl aus den Spenden. "Wir schützen ja nicht die Mehrwegflasche, weil wir Geld von einer Brauerei bekommen", sagt er. "Wofür oder wogegen wir kämpfen, entscheiden wir selbst." Andererseits braucht der Verband Spenden, denn die Satzung verbietet es der Umwelthilfe, sich über Mitgliedsbeiträge zu finanzieren. "Permanent ist man auf der Suche nach Geld", sagt ein einstiger Mitstreiter Reschs.

So bessert etwa praktizierter Verbraucherschutz die Finanzen auf: Mitarbeiter im Außendienst schauen sich in Baumärkten und Autohäusern um, prüfen die Verbrauchsangaben bei Autos oder die Rückgabemöglichkeit von Bauschaumdosen. Wo sie Verstöße entdecken, gibt es eine Abmahnung von der Rechtsabteilung in Radolfzell, im Wiederholungsfall eine saftige Konventionalstrafe.

Knapp ein Drittel der Einnahmen des Verbandes kam 2015 aus dem Verbraucherschutz, die Umwelthilfe selbst nennt das "Marktüberwachung". Letztlich übernehme man Vollzugsaufgaben, die eigentlich Sache von Behörden wären, sagt Resch. Niemand sonst kontrolliere umweltbezogene Werbeaussagen. "Aber sobald wir das machen, werden wir als Abmahnverein diffamiert." So wird die finanzielle Grundlage ihres Erfolgs zur offenen Flanke der DUH.

Und der Angriff rollt. Seit 15 Jahren etwa erhält die Umwelthilfe Geld vom japanischen Autobauer Toyota, unter anderem für ein Projekt, das spritfressende Dienstwagen anprangert. Aber jetzt, da sie gegen die überhöhten Stickoxid-Werte deutscher Dieselautos ankämpft, wird ihr die Kooperation zum Vorwurf gemacht. "Da läuft eine regelrechte Kampagne gegen die DUH", sagt einer, der in der Autoindustrie gut verdrahtet ist. Doch verfangen haben diese Kampagnen nie, auch nicht rund ums Dosenpfand. "Wir haben es nicht geschafft, sie madig zu machen", erinnert sich ein Protagonist von einst.

Resch selbst stand zuletzt mit dem Daimler-Konzern und dessen Anwälten vor Gericht, ein Plastiktüten-Hersteller verlangte 2,7 Millionen Euro Schadenersatz von ihm - privat. Die allermeisten Verfahren gewinnt der Verband. "Trotzdem frage ich mich manchmal: Musst du dir das antun?", sagt Resch. Für einen Moment stutzt er. "Andererseits: Ich sehe nicht ein, warum wir klein beigeben sollten."

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