Deutsche Industrie Jenseits von China

Ziemlich spät entdecken die Maschinenbauer Afrika. Mit Trainingszentren wollen Firmen wie das Münchner Familienunternehmen Hawe auch Fluchtursachen bekämpfen.

Von Elisabeth Dostert

Die Reise, zu der im vergangenen Herbst ein Dutzend Azubis des Münchner Maschinenbauunternehmens Hawe Hydraulik aufbrachen, führte sie in ein Land, in dem bislang keiner der jungen Menschen war: Botswana. Im Gepäck hatten sie schweres Gerät. In einem Ausbildungszentrum in der Hauptstadt Gaborone richteten die Azubis Module ein, an dem Menschen lernen können, wie man ein Hydraulikaggregat repariert oder einen Zylinder in einer defekten Baumaschine austauscht. "Zu tun gibt es genug", sagt Karl Haeusgen, Vorstandssprecher und Gesellschafter des 70 Jahre alten Familienunternehmens: "Schon auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt sieht man häufig Maschinen, die einfach rumstehen." Der Mann hat ein Auge für ungenutzte Kapazitäten.

Viele Jahre haben die deutschen Maschinenbauer Afrika weitgehend ignoriert. "Wir waren auch 50 Jahre lang keine Afrika-Verfechter", sagt Haeusgen. Hawe hat einen Händler in Johannesburg, weil Bergbau in Südafrika ein wichtiger Industriezweig ist und in den Maschinen zur Förderung und zum Transport der Erze viel Hydraulik steckt, schließlich gilt es, schwere Lasten zu bewegen. Aber sonst? Asien, besonders China, war und ist für den Maschinenbau wichtiger als Markt und Produktionsstandort. Auch Hawe produziert in China.

Mit dem wachsenden Wohlstand der Mittelschicht wächst die Nachfrage, zum Beispiel nach Bier

Erst der westfälische Mittelständler Reinhold Festge lenkte in seiner Zeit als Präsident des Maschinen- und Anlagenbauverbandes VDMA von 2013 bis 2016 das Augenmerk seiner Branchenkollegen auf Afrika - sowohl auf den Kontinent als Ganzes als auch auf einzelne der 54 Staaten, besonders auf jene südlich der Sahara. Festge wird nicht müde, für den Kontinent zu werben. "Wir machen als deutsche Industrie einen Fehler, wenn wir Afrika gering schätzen und uns nicht drum kümmern. Afrika ist ein energiereicher Kontinent. Der braucht den Maschinenbau", diesen Satz hat Festge so oder so ähnlich immer wieder geäußert.

Hawe hat ein gewerbliches Trainingszentrum für junge Nachwuchskräfte errichtet.

(Foto: Hawe)

In den ersten neun Monaten 2018, Zahlen für das Gesamtjahr liegen noch nicht vor, wurden allein in die afrikanischen Staaten südlich der Sahara Maschinen und Anlagen im Wert von 1,7 Milliarden Euro geliefert. Im gesamten Jahr 2017 waren es 2,2 Milliarden Euro. Mit einem Anteil von rund zehn Prozent an den Maschinenausfuhren in diese Länder rangiert Deutschland damit auf Platz zwei. Größter Lieferant ist mit fast einem Viertel China.

Die afrikanischen Märkte seien stark vom Projektgeschäft geprägt, sagt VDMA-Experte Norbert Völker. Großprojekte, etwa der Bau eines Kraftwerkes, prägen die Statistik. "Dann steigen die Importe deutscher Technologie stark an und fallen danach wieder ab", sagt Völker. In vielen Staaten sei die Infrastruktur noch mangelhaft, das erschwere den Handel. Allerdings arbeiteten viele Regierungen mit "massiver Unterstützung" Chinas an dem Ausbau von Straßen. Auch die "komplizierte Bürokratie" erschwere den Handel zwischen den Ländern und den Aufbau von Repräsentanzen. In einigen Ländern sei die Energieversorgung schlecht. Ausfälle und starke Schwankungen bereiteten Probleme. Außerdem fehlten Fachkräfte. "Wenn Maschinen nicht richtig bedient und gewartet werden, kann der deutsche Maschinenbau nur schwer seine ganze Kraft entfalten", sagt Völker.

Doch nicht nur der Markt treibt die deutschen Unternehmer um. Der Einsatz hat auch etwas mit den Flüchtlingen zu tun, die nach Europa drängen. "Um die Herausforderungen um das Thema Migration zu meistern, müssen wir den Menschen in Afrika eine Zukunftsperspektive geben", so Festge in einer Mitteilung des Verbandes. Der Familienunternehmer brachte in seiner Amtszeit die Initiative "Fachkräfte für Afrika" auf den Weg. Gemeinsam mit lokalen Partnern hilft der VDMA Mitgliedsfirmen, Trainingszentren vor Ort aufzubauen, in denen junge Menschen geschult werden. Seit vergangenem Jahr gibt es Zentren in Kenia, Nigeria und Botswana. Binnen drei Jahren sollen laut Völker 14 Millionen Euro in die Zentren fließen. Das Geld kommt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, den Unternehmen und vom VDMA. Um Zusammenarbeit geht es auch beim deutsch-afrikanischen Wirtschaftsgipfel diese Woche in Accra in Ghana.

Botswana - im Bild die Hauptstadt Gabarone - ist ein kleines Land. Es gilt als politisch stabil.

(Foto: mauritius images / Karin Duthie / Alamy, Hawe)

Hawe macht beim Trainingszentrum in Botswana mit. Hinter seinem Engagement stecke kein spezifisches Geschäftsinteresse, sagt Unternehmer Haeusgen. Als Markt bleibe Afrika auf Sicht von fünf bis zehn Jahren für Hawe, eine Firma mit gut 360 Millionen Euro Umsatz und etwas mehr als 2000 Mitarbeitern im Jahr 2018, unbedeutend. Spannender seien ausgewählte Länder für Firmen, die Maschinen für Grundstoffindustrien wie Bergbau, Baustoffe oder auch Landwirtschaft herstellen. So eine Firma besitzt auch die Familie von Festge, ihr gehört der Mittelständler Haver & Boecker aus Oelde mit 515 Millionen Euro Umsatz und knapp 3000 Mitarbeitern im vergangenen Jahr. Er stellt unter anderem Anlagen her, auf denen Schüttgut wie etwa Zement abgefüllt und verpackt wird. Die ersten Maschinen lieferte Haver & Boecker schon in den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts auf den Kontinent. Anfang 2019 beteiligten sich die Münsterländer an Portland Packaging in Südafrika. Die Firma soll für Haver Ersatzteile fertigen. Langfristig sei "natürlich" auch die lokale Produktion vorgesehen, so Festge. Voraussichtlich im März geht in Burkina Faso eine Verladeanlage für Zement in Betrieb, die Haver geliefert und errichtet hat und künftig auch betreiben soll. Gemeinsam mit dem VDMA habe sich Haver an der Einrichtung des Trainingszentrums in Obajana in Nigeria beteiligt, dort werden Azubis und Kunden an einer kompletten Prozesslinie trainiert.

Es gibt noch andere Beispiele: den Neutraublinger Konzern Krones. Das Unternehmen stellt Anlagen für die Getränkeabfüllung her, Verpackungsmaschinen und plant ganze Getränkefabriken. Seit einem Vierteljahrhundert ist Krones in Afrika aktiv. Mit dem wachsenden Wohlstand der Mittelschicht wächst die Nachfrage nach Erfrischungsgetränken und Bier. Kunden wie Coca-Cola, Interbrew und Heineken brauchen stets neue Anlagen, und bestehende müssen gewartet werden. Nach dem Vorbild der dualen Ausbildung in Deutschland bildet Krones in Kenia, Südafrika und bald auch Nigeria Techniker aus. In Kenia hat Krones mit Coca-Cola ein Gemeinschaftsunternehmen, in dem zehn Personen ausgebildet werden, fünf je Firma. Die Kosten teilen sich die beiden Konzerne. In Südafrika arbeitet Krones mit dem Ausbildungszentrum eines Colleges zusammen.

"Jeder Mensch, der eine Perspektive in seinem Land hat, bleibt"

Haeusgen, der schon unter Festge einer der beiden Vizepräsidenten des VDMA war, hat aus dem Lernmodul für Afrika ein Azubi-Projekt gemacht. Seine Auszubildenden haben sich darum gekümmert - von der Planung über die Beschaffung der Teile und den Kontakt zu Zulieferern bis hin zum Bau und zur Lieferung nach Botswana. "Zeitweise waren 50 Azubis in das Projekt involviert", erzählt Haeusgen.

Bitte lächeln: Bei der Eröffnung des Ausbildungszentrums herrschte gute Stimmung.

(Foto: Hawe)

Die etwa ein Dutzend Teilnehmer der Reise wurden in einem Aufsatzwettbewerb ermittelt. Sie mussten aufschreiben, was sie motiviert. Im Herbst 2018 sind sie dann mit zwei Ausbildungsleitern nach Gaborone gefahren, um die fünf Module in dem gewerblichen Ausbildungszentrum aufzubauen und die künftigen Trainer zu schulen. "Jeder Mensch, der eine Perspektive in seinem Land hat, bleibt", hat Haeusgen den Lehrlingen gesagt. "Jede Form von Ausbildung mindert den Migrationsdruck auf Europa."

Zur offiziellen Eröffnung kam eine Staatssekretärin, erzählt Haeusgen. Es gibt Fotos von der Veranstaltung. Sie zeigen eine große Gruppe von Menschen, aufgestellt wie auf einem Schulfoto, bloß lustiger. "Es gibt eine Menge gute Leute, die das Land nach vorne bringen wollen", sagt der Familienunternehmer. Botswana, das habe ihm mal einer gesagt, sei Afrika für Anfänger. Deshalb hat Hawe dort angefangen. Die ehemalige britische Kolonie ist seit 1966 unabhängig. Mit einer Bevölkerungszahl von 2,2 Millionen ist es ein kleines Land. Es sei politisch relativ stabil.

"Die Wahrnehmung von Afrika ist in Deutschland viel zu negativ." Haeusgen will regelmäßig zwei, drei Azubis nach Gaborone schicken, um nachzusehen, ob die Trainingsmodule auch genutzt werden, und um neue Trainer zu schulen. Er will sich regelmäßig berichten lassen, wie es läuft. "Die Gefahr ist groß, dass solche Projekte nicht nachhaltig sind", sagt Haeusgen. Bei Botswana soll es nicht bleiben. Wenn es dort gut läuft, könnten schon in diesem Jahr Trainingsmodule nach Nigeria gehen, nächstes Jahr nach Kenia.