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Deutsche Einheit:Der ewige Zweite

Adlon Kongress 2020, Illustration: Stefan Dimitrov

Illustration: Stefan Dimitrov

Seit 30 Jahren holt die ostdeutsche Wirtschaft auf, aber nicht ein. Dabei gibt es auch gute Nachrichten - oft jenseits der Statistik.

Von Ulrike Nimz

Bad Belzig ist vielleicht nicht der erste Ort, der einem einfällt, wenn von "blühenden Landschaften" die Rede ist. Und doch wird die Kleinstadt in Brandenburg mit 11 000 Einwohnern gern besucht, wenn es um Ost-West-Bilanzen geht, um Aufholprozesse und vermeintliches Abgehängtsein. Wenn in Jubiläumsjahren das Zusammenwachsen des Landes geprüft wird wie ein verheilter Bruch, der bei schlechtem Wetter noch immer schmerzt.

Geografisch betrachtet lag hier, zwischen Verlorenwasser und Weitzgrund, der Mittelpunkt der damaligen DDR. Mitten im Kiefernforst lädt eine Picknickhütte Ostalgiker zum Rasten ein - und alle, die sonst noch vorbeikommen. Denn Bad Belzig erlebt wieder Zuzug, gehört zum erweiterten Berliner Speckgürtel. Anders als in der Hauptstadt gibt es hier auch für Menschen mit mittleren Einkommen Wohnraum, genügend Kita-Plätze und viel Natur. Drei Argumente, die Gustav Horn vor 23 Jahren veranlasst haben, herzuziehen und zu bleiben.

Horn ist Wirtschaftswissenschaftler und stammt aus Nordrhein-Westfalen. Er leitete die Konjunkturabteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Später wurde er Gründungsdirektor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Horn ist Mitglied im Parteivorstand der SPD, bei der jüngsten Brandenburger Kommunalwahl zog er in den Stadtrat von Bad Belzig ein.

Wenn es um die Frage geht, wie es um die ostdeutsche Wirtschaft bestellt ist, was geschafft, was verbockt worden ist in 30 Jahren, gibt sich der Wossi Horn optimistisch. Die Lebensqualität sei gestiegen, nicht nur an seinem Wohnort, sondern im gesamten Osten. Zwar gebe es nach wie vor kaum industrielle Zentren, aber immer mal wieder gute Nachrichten. Die Ansiedlung von Tesla sei so eine, allerdings nur, wenn der E-Auto-Hersteller aus Kalifornien seiner Belegschaft die in Brandenburg üblichen Tarife zahle. "Geschäfte, die sich nur lohnen, weil die Löhne niedrig sind, sind schlechte Geschäfte", sagt Horn.

Er weiß ja, dass im Osten noch immer länger gearbeitet und weniger gezahlt wird. Dass flächendeckende Deindustrialisierung und die Abwanderung junger, gut ausgebildeter Menschen kaum zu schließende Lücken hinterlassen haben. Dass von der Leuchtturmpolitik der Neunzigerjahre vor allem die Großstädte profitiert haben.

Kurt Biedenkopf, Sachsens erster CDU-Ministerpräsident, bedachte potenzielle Investoren seinerzeit mit einer einprägsamen Tiermetapher: "Wo Tauben sind, fliegen Tauben hin. Das Schwierigste ist, die ersten Tauben einzufangen." 1994 stampfte Siemens in der Dresdner Heide eine gigantische Chipfabrik aus dem Boden. Heute umfasst das Cluster Silicon Saxony gut 350 Unternehmen und Forschungseinrichtungen der Mikroelektronik-, Halbleiter- und Photovoltaikbranche.

Ostdeutsche Kommunen nehmen pro Kopf halb so viele Steuern ein wie westdeutsche

Die Leuchttürme strahlen hell im Osten, doch abseits der urbanen Zentren werden die Schatten größer. Um zu verstehen, warum sich drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung viele Menschen zurückgesetzt fühlen, hilft ein Blick in den "Deutschlandatlas" der Bundesregierung. Ob Bruttoinlandsprodukt oder verfügbares Einkommen - stets erwecken die Karten den Eindruck, das Land sei noch geteilt: So nehmen ostdeutsche Kommunen pro Kopf nur etwa halb so viele Steuern ein wie westdeutsche. Das hat auch damit zu tun, dass die meisten Betriebe im Osten verlängerte Werkbänke westdeutscher Firmen sind. Ein Großteil der Gewerbesteuern wird an den Hauptsitzen in Bayern oder Baden-Württemberg abgeführt.

"Auch ich habe anfangs geglaubt, dass das Land schneller zusammenwächst", sagt Gustav Horn und hält es für einen Fehler, die Debatte über den Stand des Einheitsprozesses ausschließlich entlang von Statistiken und Kennzahlen zu führen. "Ich glaube nicht, dass der Westen in allem Vorbild sein muss. Wenn man kopiert, ist man immer nur der Zweite." Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, müsse man mehr junge Menschen in die Region locken, ihnen etwas bieten. Ein vermeintlicher Nachteil, wie die geringe Besiedlungsdichte, ließe sich durch den Ausbau digitaler Infrastruktur in einen Vorteil verwandeln. "Im Osten muss und kann etwas Neues entstehen. Warum nicht auch ein Dax-Unternehmen?"

Bleibt das Problem mangelnder Repräsentanz. Dass Ostdeutsche äußerst selten in den Chefsesseln des Landes sitzen, zeigt eine neue Studie der Universität Leipzig, der Hochschule Zittau/Görlitz und des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung. Gerade einmal 10,1 Prozent der Spitzenpositionen sind demnach von Menschen mit ostdeutscher Biografie besetzt. Und das auch nur, weil sie inzwischen die Politik in den ostdeutschen Bundesländern aktiv mitgestalten. In der Wirtschaft sind es nur 4,7 Prozent. Noch niedriger fällt die Ost-Quote in der Wissenschaft aus: 1,5 Prozent der Führungsjobs werden von Menschen ausgeübt, die zwischen Ahrenshoop und Zschopau geboren wurden.

Eine von ihnen ist Katrin Salchert, seit März Rektorin der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden. Die Chemikerin kann sich noch gut erinnern, als sie sich Anfang der Neunzigerjahre auf eine Promotionsstelle an der Georg-August-Universität in Göttingen bewarb und man ihr Diplom dort nicht ohne eine zusätzliche Prüfung anerkennen wollte. "Plötzlich sollte ich beweisen, dass ich die Chemie verstanden hatte. Das hat schon geschmerzt. Der Aufbau von Atomen jenseits und diesseits der Grenze wird ja wohl derselbe gewesen sein." Inzwischen sei ihre Herkunft kaum noch Thema. Ihren Landsleuten empfiehlt Salchert, selbstbewusster zu sein. Zuzugreifen, wenn sich die Chance zum Aufstieg biete. "Wir Ostdeutschen sind noch zu oft mit der zweiten Reihe zufrieden."

Katrin Salchert ist im Erzgebirge geboren, promovierte dann in Leipzig. 2006 übernahm sie die Professur für Naturstoffchemie an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg, war später als Vizepräsidentin für Wissens- und Technologietransfer zuständig. In dieser Rolle habe sie enge Kontakte zu den örtlichen, oft kleinteiligen Unternehmen unterhalten. Anders als Gustav Horn zieht sie eine verhaltene Bilanz. Zu oft habe sie den Rückzug größerer Unternehmen aus der Fläche beobachtet. "Als ich in die Lausitz ging, betrieb BASF in Schwarzheide noch eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Inzwischen ist es ein reiner Produktionsstandort", sagt sie. "Das ist leider Realität an vielen ostdeutschen Standorten mit Mutterkonzernen in anderen Gegenden Deutschlands und der Welt."

"Individueller Reichtum war in der DDR einfach nicht vorgesehen"

Die guten Nachrichten aus dem Osten - man findet sie oft noch im Kleinen, jenseits der Statistiken. Als Robert Hellmundt und Alexander Döpel in Jena ihr Start-up "Heyfair" gründeten, konnten sie noch nicht wissen, welche Relevanz ihr Produkt mal haben könnte. Die beiden Thüringer arbeiten an einem Händedesinfektionsmittel, das Hygienefehler sichtbar macht, indem es korrekt gereinigte Stellen kurzzeitig pink einfärbt. So kann man sofort erkennen, ob man sich die Hände richtig desinfiziert oder Hautpartien ausgelassen hat. 2022 soll eine Pilotphase in Kliniken starten. Bereits im Markt sind zwei Schulungsprodukte, die in Workshops für Krankenhauspersonal zum Einsatz kommen.

Thüringen sei ein gutes Bundesland für Gründer, sagt Hellmundt. Viele Hochschulen betreiben Spitzenforschung und pflegen gute Netzwerke. "Wir haben vielleicht kein VW, kein Daimler, dafür eine Menge sehr erfolgreicher Biotech-Unternehmen und mit Carl Zeiss eine tragende Säule der Halbleiterindustrie, die viele nicht als ostdeutsches Unternehmen auf dem Schirm haben." Nur die Zahl kapitalkräftiger Privatinvestoren sei in den neuen Bundesländern natürlich auch heute noch gering, sagt Hellmundt, dessen Eltern eine kleine Zimmerei betreiben. "Individueller Reichtum war in der DDR einfach nicht vorgesehen." Aber auch das, sagt er, werde sich zunehmend ändern. "Menschen meines Alters sind die Führungskräfte von morgen. Und wir wollen in unserer Heimat bleiben."

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