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Deutsche Börse:Früher war alles besser

Fast alle Entscheidungen des Vorgängers werden weggewischt, Führungskräfte werden systematisch aussortiert: Deutsche-Börse-Chef Weimer baut den Konzern kräftig um - und ein ehemaliger Deutsch-Banker wird Vorstand.

Die Führungskrise des vergangenen Jahres war kaum ausgestanden und Theo Weimer erst sechs Wochen Chef der Deutschen Börse, da dämpfte er vorsorglich die Erwartungen. Man solle nicht mit einem "großen Wurf" rechnen, sagte er im Februar auf Fragen nach seiner Strategie für den gelähmten Konzern. Den gibt es jetzt aber doch: Erst hat er Führungskräfte unterhalb der Konzernführung aussortiert, jetzt baut er den Vorstand um - und macht fast alle strategischen Entscheidungen seines Vorgängers Carsten Kengeter rückgängig. Weimers Wurf liest sich wie eine Rückkehr in frühere Zeiten unter dem langjährigen Konzernchef Reto Francioni. Aus fünf Vorständen werden wieder sechs, wie die Börse am Mittwochabend mitteilte, zugleich werden die Zuständigkeiten neu sortiert: Den ertragreichsten Bereich Kunden, Produkte und Kernmärkte spaltet Weimer auf, künftig werden die Derivate-Tochter Eurex und der Wertpapier-Verwahrer Clearstream wieder getrennt geführt. Für Letzteren sowie das Marktdatengeschäft wird von Juli an der frühere Deutsche-Bank-Vorstand Stephan Leithner zuständig sein. Er war mit dem Abtritt des früheren Deutsche-Bank-Chefs Anshu Jain im Jahr 2015 zum Finanzinvestor EQT gewechselt. Derivatehandel und Clearing übernimmt soll im Sommer der bisherige Eurex-Chef Thomas Book übernehmen. Mit dem SAP-Manager Christoph Böhm wird von November an ein weiterer Neuzugang für die IT und den technischen Betrieb der Börse zuständig sein. Hauke Stars bleibt die einzige Frau im Vorstand und gewinnt an Einfluss: Neben dem klassischen Aktienhandel und dem Geschäft mit Börsengängen wird sie zur Hauptversammlung Mitte Mai zur Personalchefin berufen. Die langjährigen Vorstände Jeffrey Tessler und Andreas Preuß scheiden aus, bleiben der Deutschen Börse aber als Berater erhalten. Während Weimer den Konzern umbaut, wirkt die Ära Kengeter unangenehm nach. Der einflussreiche Aktionärsberater Glass Lewis empfiehlt Aktionären mit Blick auf die Hauptversammlung Mitte Mai, Vorstand und Aufsichtsrat nicht zu entlasten. Glass Lewis begründet das mit der 2017 gescheiterten Fusion von Deutscher Börse und London Stock Exchange sowie den Ermittlungen gegen Kengeter wegen des Verdachts auf Insiderhandel. Vor allem Aufsichtsratschef Joachim Faber kommt dabei nicht gut weg: Zwar empfiehlt Glass Lewis ihn zur Wiederwahl, fordert aber, bis spätestens zur Hauptversammlung in einem Jahr einen Nachfolger zu präsentieren.

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