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Deniz Yücel:Mit Petersilie gegen die Willkür

German-Turkish journalist leaves prison in Istanbul
(Foto: Reuters)

Endlich frei: Der aus türkischer Haft entlassene Korrespondent bedankt sich für die Unterstützung: "Es geht mir gut, weil es viele Menschen gab, die hinter mir standen."

Am 16. Februar 2018 steht Dilek Mayatürk vor dem Gefängnis von Silivri und wartet auf ihren Mann Deniz Yücel. Dann fallen sich die beiden erstmals seit einem Jahr wieder in die Arme, er hält in den Händen einen großen Strauß Petersilie. Was es mit der Petersilie auf sich hat, wird der Journalist Yücel später in Berlin erzählen, bei seinem ersten Auftritt, 36 Tage nach der Haftentlassung: Mit Petersilie und Minze habe er seine Zelle geschmückt und so das Blumenverbot in dem türkischen Hochsicherheitsgefängnis umgangen. Und er sagt auch: "Es geht mir gut", nicht nur, weil die Haft vorbei sei, "sondern auch, weil es viele Menschen gab, die hinter mir standen."

Im Februar 2017 war der Korrespondent der Welt in Istanbul festgenommen worden. In einem Haftbefehl wird ihm "Terrorpropaganda" vorgeworfen, ein Vorwurf, mit dem türkische Staatsanwälte großzügig umgehen. Yücel, geboren 1973 in Flörsheim am Main, ist deutscher und türkischer Staatsbürger. Für die Bundesregierung steht fest: Er wurde wegen seiner kritischen Berichte festgenommen. Die Türkei fordert zur selben Zeit von Deutschland die Auslieferung türkischer Staatsbürger, die sie mitverantwortlich macht für den Putschversuch 2016. Das deutsch-türkische Verhältnis erlebt seine schwerste Belastungsprobe seit Langem.

Am Tag, als Yücel die Türkei verlassen durfte, wurden drei Journalisten verurteilt

Viele Deutsche trauen sich gar nicht mehr in die Türkei, Unternehmer dort haben Schwierigkeiten, neue Mitarbeiter aus Deutschland zu holen, die deutsche Schule in Istanbul bekommt kaum noch Lehrer, Touristen bleiben weg. Türkische Hoteliers in Antalya klagen über das schlechte Geschäft und das Image, das die Türkei mittlerweile in Deutschland hat. Ihre Beschwerden erreichen den türkischen Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu, der seinen Wahlkreis an der Ägäisküste hat. Çavuşoğlu und sein damaliger deutscher Kollege Sigmar Gabriel (SPD) werden dann so etwas wie Brückenbauer, ihre diplomatischen Bemühungen bleiben aber erst einmal geheim, so wie auch ein Treffen Gabriels mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan am 4. Februar in einem Hotel in Rom. Bei diesem langen Gespräch geht es auch um den Fall Yücel.

Für den Journalisten, der schon fast ein Jahr in Untersuchungshaft sitzt, gibt es zu diesem Zeitpunkt noch immer keine Anklageschrift. Bald darauf geht alles ganz schnell: Yücel wird am 16. Februar per Videolink aus der Haft in einen Gerichtssaal geschaltet, ein Staatsanwalt fordert 18 Jahre Haft, und dann wird der Prozess vertagt. Yücel darf noch am selben Abend mit seiner Frau ausreisen. Der Prozess aber wird fortgesetzt, die nächste Verhandlung ist am 11. April 2019. Das geht auch in Abwesenheit des Angeklagten.

Erdoğan besucht dann Ende September Deutschland. Die Türkei steckt in einer Finanzkrise, sie braucht ihre europäischen Partner wieder. Bei dem Besuch erinnert Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier daran, dass noch viele türkische Journalisten in Haft sind. Allein an dem Tag, an dem Deniz Yücel das Land verlassen durfte, gab es drei Urteile gegen Journalisten - dreimal lebenslang.

© SZ vom 31.12.2018

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