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Davoser Depeschen:Hier kommt Bill!

Veronica Ferres, Hubert Burda, George Soros - in Davos geht es hoch her. Doch einer überstrahlt sie alle, einer, der bedrängt von Händeschüttlern nächtens kaum noch einen Schritt tun kann.

Er ist der Mitternachtsmann. Kurz vor der Geisterstunde erscheint Bill Clinton und kommt keine vier Meter weit. Dann ist Stopp in der "Lounge East" des Hotels Belvedere in Davos.

Was würde wohl passieren, wenn George W. Bush bei Burda erschiene - und nicht Bill Clinton? Die Elder-Statesman-Aura Clintons ziert das Weltwirtschaftsforum.

(Foto: AFP)

Zu viele Fotografen, zu viele Händeschüttler. Gastgeber Hubert Burda lädt zum "Night-Cap", und der Höhepunkt ist dabei ein längerer Small Talk des einstigen US-Präsidenten mit Veronica Ferres und Carsten Maschmeyer.

Das ist bekanntlich der harte Kern einer "Hannover-Connection" in der Republik. Man fragt sich, was wohl passieren würde, wenn George W. Bush hier bei Burda erschiene und wie sehr doch die Elder-Statesman-Aura Clintons dieses Weltwirtschaftsforum noch immer ziert.

"Frau Ferres, come here!", ruft Burda und hält seine Begrüßungsrede. Als der Gast aus den USA einsehen muss, dass er nicht weiter als jene vier Meter in die "Lounge East" gelangt, entschließt er sich zum Gehen und blockiert danach mit anderen Händeschüttlern den schmalen Hotel-Gang.

"Vielleicht bin ich ein robuster Kerl"

Stephen Schwarzman huscht vorbei, der finanzmächtige Eigner der Investmentfirma Blackstone. Nicolas Berggruen, der Karstadt-Käufer, wird von der Clinton-Aura und den Clinton-Leibwächtern schier erdrückt. Der langjährige Regierungschef wirkt noch immer charismatisch. Am Donnerstagabend wird er in Diensten von Coca-Cola auftreten.

Ein aktueller Staatsvertreter wiederum ist Dmitrij Medwedjew, der am Mittwoch die Eröffnungsrede zum Weltwirtschaftsform hielt. Dabei beschwor er die Freiheit des Internets und wunderte sich, wie andere sich über Wikileaks aufregen können. "Vielleicht bin ich ein robuster Kerl", sagte der Präsident Russlands.

Medwedjew las seine Davos-Rede vom iPad ab und hielt das Gerät später hoch, um sich ganz als Digital-Aficionado zu geben. Morgens nach dem Aufwachen lese er, was online über Russland und Medwedjew erscheine, und manchmal müsse er danach telefonieren. Aber im Grunde, so der Redner aus Moskau, müsse man die kritischen Einwürfe auf sich beruhen lassen. Und dann pries er noch das unsichtbare Netz von einer Milliarde Menschen, die via Internet kommunizierten.

Was wäre Davos ohne das Schaulaufen der Prominenten, ohne die Missionare ihrer selbst. Der Milliardär, Investor, Philantrop und Autor George Soros lud zur Pressekonferenz, um Neuigkeiten rund um sein Institut für neues ökonomisches Denken (Inet) zu verkünden - Partnerschaften mit einem Think-Tank in Kanada und mit der London School of Economics sowie eine neue Millionen-Finanzierung durch den früheren Notenbanker Paul Volcker.

Doch kritisch gefragt wurde der 80-Jährige nach dem Euro, nach Obama, der britischen Cameron-Regierung, nach der Banken-Regulierung und seinem Politik-Modell. Soros hat offenbar Guru-Qualitäten.

Und so saß der legendäre Finanzmann im holzgetäfelten "Stübli" des Hotels Seehof vor zwei Flinten und drei Geweihen und philosophierte über unvollkommene Märkte. Überließe man sie sich selbst, würden sie nicht zum Gleichgewicht tendieren, sondern Blasen produzieren. Wenn die nicht perfekt seien, müssten die Regulatoren und Aufseher nicht notwendigerweise perfekt seien, erklärte Soros. Die seien vielmehr noch weniger vollkommen, "und das ist das Drama".

Die Geschichte zeige, dass große Institutionen die staatliche Garantie hätten, nicht zu scheitern. Soros sieht ein "Zwei-Geschwindigkeits-Europa", der Euro aber sollte bleiben. Zu den USA merkt er, der US-Präsident Barack Obama sei pro Business gewesen, das Business jedoch "Anti-Obama".

Es sind solche Sätze, die im gut gefüllten "Stübli" faszinieren. George Soros stützt gelegentlich sein Gesicht mit der rechten Hand, nimmt Fragen bereitwillig auf und lässt die drei anderen Personen neben ihm am Pult zu Randfiguren werden. "Noch eine Frage zum Institut?", fragt der PR-Verantwortliche - als hätte es an diesem Mittwoch je eine Frage dazu gegeben.

Nach einer knappen Stunde steht George Soros wieder auf der Straße vor dem Hotel. Hubschrauber kreisen über der Stadt, Hubschrauber mit dem weißen Kreuz. Soros schaut in den Himmel. Die Wichtigen dieser Welt sind in Davos angekommen.

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