Datenskandal Pharmaindustrie soll vertrauliches Patientenwissen gekauft haben

Es könnte sich der größten Datenskandale im Medizinbereich auswachsen: Mehrere deutsche Rechenzentren stehen im Verdacht, illegal mit Daten aus Apothekenrezepten gehandelt zu haben- millionenfach.

Von Sibylle Haas

Gegen mehrere deutsche Rechenzentren besteht der Verdacht auf illegalen Handel mit den Daten aus Millionen Apothekenrezepten, berichtet das Nachrichten-Magazin Der Spiegel. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Firma pharmafakt/Gesellschaft für Datenverarbeitung (GFD) aus Karlsfeld bei München beschuldige die Rechenzentren, illegal mit den Daten gehandelt zu haben. Die Daten seien gespeichert und ausgewertet worden, um sie an Kunden aus der Pharmaindustrie zu verkaufen, erklärte der Insider nach Spiegel-Angaben in einer eidesstattlichen Versicherung.

Auf Weisung der Geschäftsführung habe der Mitarbeiter der Datenverarbeitungsfirma jahrelang unverschlüsselte, nicht anonymisierte Rezeptdateien von den beiden größten deutschen Apothekenrechenzentren bezogen, berichtete das Magazin. "Die Unterlagen, die uns in Auszügen zugespielt wurden, scheinen valide zu sein", sagte Thilo Weichert, der Leiter des Unabhängigen Datenschutzzentrums Schleswig-Holstein in Kiel. Diese könnten "einen der größten Datenskandale der Bundesrepublik im Medizinbereich aufdecken."

Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück. "Entgegen der im Spiegel nun formulierten Vorwürfe hat die GFD keine personenbezogenen Daten von Versicherten weitergegeben oder gar verkauft. Sämtliche Daten wurden lediglich zur Erstellung von Studien verwendet", teilte der Geschäftsführer von pharmafakt/GFD, Dietmar Wassener, am Sonntag per E-Mail mit.

Die Studienmodelle seien jeweils auf datenschutzrechtliche Anforderungen hin überprüft und an die "verschärfte Auslegung datenschutzrechtlicher Bestimmungen" angepasst worden. Es sei sichergestellt, dass die GFD keinerlei Zugriff auf unverschlüsselte und nicht anonyme Daten erhalte.

Seit 1998 unterstützt pharmafakt/GFD die Berufsverbände der Ärzte und Apotheken, die universitäre Forschung und die pharmazeutische Industrie mit Studien und Analysen. Gesellschafter sind die Apothekerverbände der Länder Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen (SASG) sowie die VSA GmbH, Deutschlands größtes Apothekenrechenzentrum in München.

Das Konzept basiere auf anonymisierten Daten, die bei der Rezeptabrechnung in den Apothekenrechenzentren gewonnen werden, teilt die Firma mit. Auf der Kundenliste stehen sämtliche große Pharmakonzerne weltweit, darunter Pfizer, Bayer und Novartis. Mit unverschlüsselten Daten könnten Pharmaunternehmen eventuell nachvollziehen, welche Arztpraxen welche Medikamente verschrieben haben.