Das deutsche Valley:Dinosaurier trifft Maus

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(Foto: N/A)

Deutsche Familienunternehmen gelten als risikoscheu - und haben meist wenig gemein mit der kreativen Kultur von Start-ups. Doch das ändert sich allmählich.

Von Ulrich Schäfer

Philipp Hartmann hat im Rheingau studiert, an der European Business School in Oestrich-Winkel, und deshalb kamen er und seine beiden Kommilitonen auf diesen seltsamen Namen: Rheingau Founders. So mag man vielleicht ein Unternehmen nennen, das für vorzügliche Weine wirbt. Aber mitten in Berlin-Kreuzberg mutet solch ein Name doch ein wenig schräg an.

Hartmann und seine beiden Mitstreiter Tobias Johann und Kai Hansen halten aber bewusst an dieser Marke fest. Denn sie wollen ein wenig anders sein als all die Fonds und Inkubatoren, die in junge Firmen investieren - oder dabei helfen, dass diese groß werden. Company Builder geben die drei als ihre Profession an: Firmen-Baumeister. Die drei Mittdreißiger bieten Start-ups nicht bloß Räume an, die sie in den ersten ein, zwei Jahren nutzen können, und Geld, um zu wachsen. Die Jungs aus der Oranienstraße verstehen sich zudem als Mitgründer, sie setzen die Firma gemeinsam mit denen, die zu ihnen kommen, auf und arbeiten anschließend gemeinsam daran, sie groß zu machen.

Klasse statt Masse ist dabei das Prinzip: "Wir investieren jedes Jahr nur in zwei oder drei Unternehmen", sagt Hartmann, "aber um die kümmern wir uns dann besonders intensiv." Gut 20 Unternehmen hat das Trio mittlerweile mitgegründet, darunter eines, das eine erstaunliche Erfolgsgeschichte hingelegt hat: Lieferando, dessen Boten in Großstädten wie Berlin, München oder Frankfurt das Essen von Hunderten Restaurants ausfahren.

Hartmann und seine Mitstreiter haben anfangs vor allem eigenes Geld investiert, doch mittlerweile klopfen immer mehr Investoren bei ihnen an. Darunter sind - "und das ist auffällig", sagt Hartmann - zunehmend Familienunternehmen. So zählt zum Beispiel Dieter Schwarz, der verschwiegene Eigentümer von Lidl, mittlerweile zu den wichtigsten Geldgebern von Rheingau Founders. Auch Jan Fiege, dessen Familie das münsterländische Logistikunternehmen Fiege gehört, setzt auf die Firmen-Baumeister aus Kreuzberg.

Familienunternehmen gelten ja gemeinhin als risikoscheu, sie halten ihr Geld gern beisammen und stecken es am liebsten in die eigene Firma, damit diese beständig wächst. Das hat der deutschen Wirtschaft lange gutgetan: Denn der Mittelstand, der größtenteils in Familienbesitz ist, gilt als eine der entscheidenden Stützen der deutschen Wirtschaft. Mehr als 90 Prozent aller Unternehmen fallen in dieses Segment. Damit unterscheidet sich die deutsche Volkswirtschaft von der in praktisch allen anderen Industrienationen: Weder in Italien noch in Frankreich oder Großbritannien und schon gar nicht in den USA haben mittelständische Familienunternehmen eine derart bedeutende Stellung.

Die Kehrseite dessen: Es gibt in Deutschland zwar "Kohle ohne Ende", wie es Felix Haas formuliert, ein erfolgreicher Firmengründer, der nun als Business Angel selber in Start-ups investiert. Aber das viele Geld floss bisher eher in klassische Investments: möglichst risikoarm, möglichst sicher. Das galt auch für das Geld der meisten Familienunternehmen. Start-ups aber sind nicht sicher, sie scheitern oft - und deshalb birgt es ein hohes Risiko, Geld in sie zu stecken.

Die Zusammenarbeit von Jung und Alt setze "Kraft frei für neue digitale Geschäftsmodelle"

Auch aus diesem Grund gibt es hierzulande weit weniger Venture-Capital-Fonds als im Silicon Valley, wo die Unternehmer nicht unbedingt besser und innovativer sind - wo aber ein Vielfaches an Wagniskapital zur Verfügung steht. Doch mittlerweile wagen sich auch mehr Familienunternehmen in dieses Gebiet vor. Manche beteiligen sich an Fonds wie Rheingau Founders oder La Famiglia aus München. Hinter La Famiglia, gegründet 2016, stehen Familienunternehmen wie Miele, Solay, Fürstenberg oder Viessmann. "Wir möchten diese über Generationen erfolgreichen Unternehmen mit den schlauesten Gründern und besten Ideen von morgen zusammenbringen", sagt Fonds-Chef Robert Lacher.

Manche Familienunternehmen, so wie Vorwerk, der Erfinder des Thermomix, beteiligen sich auch direkt an jungen Start-ups. Im Fall von Vorwerk zählt dazu zum Beispiel Hello Fresh aus Berlin, ein Lieferdienst für Kochboxen. "Aus der Perspektive eines Mittelständlers gleicht der Arbeitsalltag in Start-ups dem aus einer fremden Welt", sagt Norbert Muschong, der Geschäftsführer des Start-up-Fonds von Vorwerk. "Doch die Zusammenarbeit zwischen Start-ups und Mittelstand bietet beiden Seiten große Potenziale, wenn es gelingt, Kulturunterschiede zu überwinden."

Maria Gleichmann-Pieroth von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG beschreibt diesen Kulturunterschied so: "Dinosaurier trifft auf Maus." Umso wichtiger sei es, sich aufeinander einzulassen: "Es gibt kaum etwas, das die Eigentümer so durcheinanderwirbelt wie ein Start-up. Gut so!" Die Zusammenarbeit von Jung und Alt setze "Kraft frei für neue digitale Geschäftsmodelle".

Daran glaubt auch Philipp Hartmann, der Firmen-Baumeister von Rheingau Founders. Alle paar Monate laden er und seine beiden Mitstreiter deshalb ihre Investoren nach Kreuzberg in die Oranienstraße ein. Dann reden diese mit den Gründern, erfahren etwas über ihre Erfolge, aber auch die Probleme, können mit eigenen Erfahrungen aus vielen Jahrzehnten weiterhelfen. Und können zugleich mitnehmen, was sie in ihren eigenen Unternehmen besser machen können.

Noch steht die Zusammenarbeit von Familienunternehmen und Start-ups in Deutschland am Anfang, noch trauen sich viele nicht, sich aufeinander zuzubewegen - und zwar auf beiden Seiten. Wenn es aber gelingt, könnte hier die Basis für einen eigenen, deutschen Weg in der Digitalisierung liegen: hin zu einem Internet-Mittelstand, wie es ihn anderswo nicht gibt und nie geben wird.

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Alina Fichter und Ulrich Schäfer im Wechsel.

© SZ vom 18.01.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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