Kolumne "Das deutsche Valley" Die anderen 50 Prozent

Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie, heißt es. Deutschland verschenkt da eine große Chance. Denn bei der Digitalisierung haben vor allem Untergangspropheten das Wort.

Von Ulrich Schäfer

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Malte Conradi (San Francisco), Alexandra Föderl-Schmid (Tel Aviv), Christoph Giesen (Peking) und Ulrich Schäfer (München) im Wechsel.

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Viele Deutsche pflegen ein schizophrenes Verhältnis zur Digitalisierung und der Frage, welche Chancen ihr Land dabei hat. Christian Lindner liefert dafür ein sehr anschauliches Beispiel. Im Wahlkampf warb der FDP-Vorsitzende mit dem Slogan "Digital first, Bedenken second", um dann doch die Bedenken gegen das Regieren in den Vordergrund zu rücken. Auch auf dem Parteitag am Wochenende sprach er viel über die Chancen der Digitalisierung - um im selben Atemzug darüber zu lamentieren, wie schlecht Deutschland darauf vorbereitet sei. "Unser Land ist dabei, die Grundlagen für seinen Wohlstand zu verspielen, und merkt es noch nicht einmal", urteilte der FDP-Chef.

Es gibt viele Lindners in Deutschland. Sie sitzen in Unternehmen und Talkshows, in Verbänden und Lobbyorganisationen. Sie erzählen einem erst kurz, was die Digitalisierung bringen könne - und anschließend umso ausführlicher, warum wir Deutschen dabei im Grunde schon alles verspielt haben. Gern zitieren sie dazu Studien, die den digitalen Untergang der wichtigsten Wirtschaftsnation Europas voraussagen, weil wir angeblich so schlafmützig sind, so bürokratisch, so risikoscheu.

Was hätte wohl Ludwig Erhard dazu gesagt? Der Wirtschaftsprofessor aus Fürth, erster Bundeswirtschaftsminister der Republik (1949 bis 1963) und zweiter Bundeskanzler (1963 bis 1966), hat zu einer Zeit regiert, als noch niemand von der Digitalisierung redete - auch wenn der erste kommerzielle Rechner Mitteleuropas, der Z4, aus Deutschland kam. Konrad Zuse hatte ihn erfunden. Nach dem Krieg stand der Computer ein paar Jahre versteckt in einem Bauernhaus im Allgäu, ehe ihn ein Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH entdeckte und 1950 nach Zürich holte.

Ludwig Erhard hat davon vermutlich nichts mitbekommen, er hatte in den Gründungsjahren der Bundesrepublik andere Probleme, die Währungsreform, die Kartellgesetze, die Löhne. Computer und dergleichen kamen in seinen Reden und Schriften nicht vor. Aber mal angenommen, Erhard lebte heute: Was würde er den digitalen Untergangspropheten entgegenhalten? Was würde er von deren Schwarzmalerei halten? Vermutlich nichts.

Denn Erhard war ein Optimist, der an die positive Botschaft glaubte, nicht an die negative. Er würde also eher die Erfolge herausstellen, statt ständig auf all jenen echten und vermeintlichen Problemen herumzureiten, die die digitalen Skeptiker sehen. Von ihm stammt die Erkenntnis, dass Wirtschaft zu 50 Prozent Psychologie ist, es also auch darauf ankommt, an sich selbst zu glauben, wenn man Erfolg haben will. Oder wie es Erhard in seinem Buch "Wohlstand für alle" formulierte, seinem Bestseller, der das Geheimnis des deutschen Wirtschaftswunders erklärt: "Für den Ablauf der Wirtschaft ist es von entscheidender Bedeutung, wie wir uns selbst verhalten, wie wir handeln. Ob wir optimistisch oder pessimistisch sind." Und weiter: "Das wirtschaftliche Geschehen läuft nicht nach mechanischen Gesetzen ab. Die Wirtschaft hat nicht ein Eigenleben im Sinne eines seelenlosen Automatismus, sondern sie wird von Menschen getragen und von Menschen geformt."

Es passiert so viel mehr im Land, als die Schwarzmaler wahrhaben wollen

Deshalb verbreitete Erhard Aufbruchstimmung, wo immer es ging, und betrieb, wie er schrieb, einen "psychologischen Feldzug, der in Deutschland gemeinhin als 'Seelenmassage' bezeichnet wird". Dies brachte ihm auch Kritik ein, aber Erhard verteidigte sich vehement. In einer Rede sagte er mal: "Ich glaube, es ist immer noch besser, die Wirtschaft gesundzubeten, als sie totzureden."

Heute scheint diese Erkenntnis vergessen zu sein. Wenn hierzulande über die Digitalisierung diskutiert wird, reden die meisten Deutschen - und allen voran viele Digitalexperten - das Land zuverlässig tot. Sie sprechen lang über all das, was nicht funktioniert; und wenig über das, was gut funktioniert. Gewiss: Hierzulande gibt es kein eigenes Facebook, kein deutsches Google oder Uber. Aber was nützt es, ständig darüber zu lamentieren? Tatsächlich passiert sehr viel mehr, als die Schwarzmaler wahrhaben wollen; auch wenn manches davon eher langweilig und nicht so spektakulär ist wie das neueste Gimmick aus dem Silicon Valley. Denn bei der Digitalisierung geht es ja nicht bloß darum, Apps oder Plattformen zu bauen, sondern auch darum, Produktionsprozesse und Fabriken zu digitalisieren und all jene Dinge, die hierzulande seit Jahrzehnten erfolgreich produziert werden, ans Internet der Dinge anzuschließen, sie zu vernetzen und weiterzuentwickeln. Und all das geschieht gerade mit Macht.

Natürlich gibt es hierzulande auch Schwächen, keine Frage; und man muss diese auch angehen. Aber das größte Problem, auch im Vergleich mit anderen digitalen Boomregionen der Welt, steckt in unseren Köpfen. Nimmt man Erhards Diktum, dass Wirtschaft zu 50 Prozent Psychologie ist, und überträgt es auf die Digitalisierung, so ist uns das Silicon Valley (oder auch Israel mit sein Start-ups und London mit seinen Fintechs) vor allem hier voraus - und weniger bei den anderen 50 Prozent.

Im Silicon Valley verbreiten die Digitalpioniere einen Optimismus, der in seiner extremen Form manchmal schon unerträglich ist. Man feiert die Erfolge - und verdrängt die Misserfolge. Im Bereich "Psychologie" erreicht das Valley locker die 50 Prozent, hierzulande geht die Tendenz dagegen oft eher in Richtung null Prozent.

Auch das kann man als Schwarzmalerei auslegen. Aber am Ende bleibt dennoch die Erkenntnis: Wer Deutschland bei der Digitalisierung bloß schlechtredet, ohne die Erfolge zu betonen, fördert damit einen Fatalismus, der am Ende lähmt und dadurch allen schadet. Mehr Optimismus täte dem Land gut!

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