bedeckt München

Wanderarbeiter in Deutschland:Wenn Frau Reim kommt, wird es heikel

Hinterm Stacheldraht: Wanderarbeiter leben oft abgeschottet von der übrigen Bevölkerung, wie hier in einer Unterkunft im Oldenburger Münsterland. Die Container werden im Sommer für Saisonkräfte aufgestellt.

(Foto: Hans von der Hagen)

Hunderttausende Osteuropäer erledigen in Deutschland Arbeiten, die sonst keiner machen will. Oft werden sie von Unternehmern gnadenlos ausgetrickst. Dann kommt Daniela Reim vorbei.

Von Hans von der Hagen

Morgens noch ist Daniela Reim in ihrem Büro in Oldenburg in die Knie gegangen, um einem kleinen Jungen im Kinderwagen persönlich Hallo zu sagen. Hat in ihrer überströmend freundlichen Art seinen Eltern das Gefühl gegeben, dass sie und die Kindergeldsache, mit der sie zu Reim gekommen waren, gerade das Allerwichtigste auf dieser Welt sind. Sie plaudert mal auf Rumänisch mit ihnen, mal auf Deutsch. Man lacht und verabschiedet sich. Wenige Stunden später spürt Reim wieder einmal, wie es ist, nicht gemocht zu werden. Man hat sie festgesetzt, einfach so. Nicht in ihrem Büro. Sondern draußen im Oldenburger Münsterland, auf dem Parkplatz einer Wohnanlage für Arbeiter aus Osteuropa.

Sie sitzt gerade am Steuer ihres mobilen Büros, eines schwarzen VW-Bullis, als sich ein weißer Transporter vor ihren Wagen schiebt. Ein Mann steigt aus und sagt Reim, dass sie hier nicht sein dürfe. Privatgrund. Wegfahren lässt er sie allerdings auch nicht mehr. Was Reim dort macht, fragt er nicht - das Anliegen von Reim steht ja auch groß auf dem Fahrzeug: "Beratungsstelle für mobile Beschäftigte". Mobile Beschäftigte, das sind Reims Schützlinge. Arbeiter aus Osteuropa, die mal für ein paar Monate, mal aber auch für Jahre hier sind. Kurze Zeit später trifft der Eigentümer der Anlage ein. Man hört wütende Worte über "diese Frau". Alle sind sehr aufgeregt, Reim läuft mit wehenden schwarzen Haaren umher. Ein Anwalt eilt herbei und weist sie darauf hin, dass sie hier Hausverbot habe. Die Polizei kommt und nimmt allerhand Personalien auf, einer der Beamten erklärt Reim, dass sie als Beschuldigte keine Angaben machen müsse. Dann darf sie fahren.

"Haben Sie das gehört?", sagt sie wieder im Auto sitzend zu dem Reporter. "Ich soll mir einen Anwalt nehmen. Als wär ich ein Verbrecher." Reim schweigt kurz, was ungewöhnlich für diese Frau ist. Dann sagt sie, dass sie sich das nicht bieten lassen und den Mann wegen Nötigung anzeigen werde. Die Spur ihres angeblichen Vergehens liegt nun auf einigen Holztischen vor den Häusern der Wohnanlage: kleine rote Broschüren vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) mit der Aufschrift "Wissen ist Schutz" auf Rumänisch. Reim hatte sie dort hingelegt.

"Wenn ich über das Land fahre, versuche ich manchmal noch, die schönen Seiten zu sehen"

Der Kontakt zu den Arbeitern ist Teil von Reims Arbeit. Tausende von ihnen aus Ländern wie Rumänien, Polen oder Bulgarien sollen allein in der Gegend von Oldenburg beschäftigt sein. Für ein paar Euro erledigen sie Arbeit, auf die Deutsche meist keine Lust mehr haben: Sie pflücken Erdbeeren, ernten Pilze, schlachten Vieh, verpacken Hähnchen, bauen Häuser oder schweißen Schiffe zusammen. Statistiker können nicht sagen, wie viele dieser Arbeitsnomaden sich in Deutschland verdingen. Bekannt ist nur, dass Ende März bundesweit 399 000 Polen, 321 000 Rumänen und 118 000 Bulgaren sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren. Wer von diesen Leuten sich nur vorübergehend im Land aufhält, lässt sich nicht feststellen. Immer wieder gibt es Berichte über ihre unerträglichen Arbeits- und Lebensbedingungen. Manche sprechen gar von einem modernen Sklaventum mitten in Deutschland. Andere sagen: Das ist besser geworden. Wer hat recht?

"Wenn ich hier mit dem Bulli über das Land fahre, versuche ich manchmal noch, die schönen Seiten zu sehen", sagt Reim. "Die Pferde, die blühenden Kartoffelfelder." Nur einen Augenblick später sind diese Worte wieder vergessen, und sie erzählt von dem Unternehmer, der seine Arbeiter an Weihnachten durcharbeiten lassen wollte. Und von einem Subunternehmer bei der Meyer-Werft in Papenburg, gegen den ermittelt werde, weil er den Mindestlohn unterlaufe und andere schmutzige Dinge mache. Reim scheint ständig in eine Welt zu blicken, die sich hinter den Kulissen des Alltags verbirgt. Wo andere hier ein adrettes Bauernhaus sehen, erkennt sie eine Unterkunft für Arbeiter, die für ein Bett 250 bis 300 Euro Miete zahlen. Wo andere einen Transporter wahrnehmen, sieht sie das Fahrzeug eines Subunternehmers, der über Wanderarbeiter verfügt, als wären sie sein Eigentum. Wo andere ein unbewohntes Haus zu sehen glauben, weiß sie: Hier sind Phantome untergebracht. Phantome - so nennt Reim jene Arbeiter, die nicht angemeldet sind, die kein Konto haben, keine Krankenversicherung in Deutschland, weil sie als Entsandte tätig sind.

Am Anfang ihrer Arbeit stand eine Fernsehreportage über Lohnsklaven im Sommer 2013. Darin ging es um Schlachter aus Osteuropa, die bei Vechta arbeiteten - genau in der Gegend, in der Reim damals wohnte. Die Bilder machten die gebürtige Rumänin so wütend, dass sie vom Sofa aufsprang und die Sendung direkt am Bildschirm verfolgte. "Ich hatte mir überhaupt nicht vorstellen können, dass in meiner Nachbarschaft Arbeiter aus meinem Heimatland derart ausgebeutet wurden. Sie bekamen kaum Geld, machten Drecksarbeit, lebten zusammengepfercht in engen Unterkünften."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema