Daimler:Chipmangel - na und?

null  null

Angesichts der knappen Ressourcen bestücken viele Autohersteller bevorzugt ihre gewinnträchtigeren Modelle mit den knappen Teilen - etwa den EQS.

(Foto: Daimler/oh)

Daimler überrascht trotz Lieferengpässen mit hohem Gewinn. Der Sparkurs zeigt Wirkung.

Manchmal ändert sich der Blick auf die Welt innerhalb von nur einem Jahr gewaltig. Noch im Juli 2020 schien der Auto- und Lastwagenbauer Daimler angesichts eines Quartalsverlusts in Milliardenhöhe und explodierender Kosten in eine ernste Schieflage zu geraten. Nur zwölf Monate später ist die Situation eine ganz andere: Allein für das zweite Quartal vermeldete der Konzern einen überraschend hohen Gewinn vor Zinsen und Steuern von 5,2 Milliarden Euro. Damit übertraf Daimler zum wiederholten Mal die Markterwartungen. Und das, obwohl andauernde Lieferengpässe von wichtigen elektronischen Bauteilen der gesamten Fahrzeugbranche seit Monaten zu schaffen machen.

Noch im Vorjahreszeitraum hatten die Stuttgarter wegen des Einbruchs der Automärkte in der Pandemie einen operativen Verlust von 1,7 Millionen Euro ausgewiesen und unter dem Strich sogar ein Minus von 1,9 Milliarden Euro angehäuft. Es herrschte zeitweilig Alarmstimmung, der ohnehin eingeleitete Sparkurs wurde nochmals verschärft. Im Rückblick war die Nervosität übertrieben, denn vor allem Premiumhersteller wie Daimler erfreuten sich nach dem coronabedingten Einbruch wieder schnell einer wachsenden Nachfrage. Der Konzern verkaufte im ersten Halbjahr etwa 1,16 Millionen Mercedes-Autos und verpasste damit seinen Absatzbestwert aus dem Jahr 2018 nur knapp. In ihrem wichtigsten Markt China konnten die Stuttgarter sogar einen Verkaufsrekord vermelden: Hier stieg die Zahl der verkauften Mercedes-Pkw auf mehr als etwa 440 000. Angesichts der knappen Ressourcen behelfen sich viele Autobauer zudem damit, ihre gewinnträchtigeren Modelle bevorzugt mit den knappen Teilen bestücken. So profitiert auch Daimler davon, dass Kunden mehr und mehr zu größeren Autos greifen.

Obendrein machen sich gerade beim operativen Gewinn inzwischen die Auswirkungen etlicher Sparprogramme bemerkbar, die sich Daimler in den Vorjahren auferlegt hatte. Die Unternehmensspitze hatte den Abbau Zehntausender Jobs auf den Weg gebracht, als Gründe hatte sie damals den Umbau von Verbrennungs- zu Elektromotoren und die Corona-Folgen genannt. Gewerkschaften und Betriebsräte hatten Einschnitte akzeptiert, auch weil der Konzern Mitte 2020 tiefrote Zahlen schrieb und etliche Mitarbeiter in die Kurzarbeit schicken musste. Diese ist bei Daimler im Jahr 2021 immer noch ein Thema, allerdings in ganz anderem Umfang und auch aus einem anderen Grund: Wegen des Chipmangels stoppt das Unternehmen seit Monaten immer mal wieder die Produktion in einzelnen Werken und schickt Tausende Mitarbeiter in Auszeiten.

Den mit weitem Abstand größten Teil seines Geldes verdient Daimler übrigens nach wie vor mit klassischen Verbrennerfahrzeugen. Die Zahl der verkauften vollelektrischen Pkw machte im ersten Halbjahr gerade mal etwas mehr als drei Prozent aller ausgelieferten Autos aus. Wie der sich Wettstreit um die Vorherrschaft im E-Zeitalter ausgehen wird, ist offen. Daimler hat sich bisher vorgenommen, dass spätestens 2039 die gesamte Mercedes-Neuwagenflotte CO₂-neutral sein soll. Andere Wettbewerber haben da schon mutigere Ziele formuliert.

© SZ vom 16.07.2021 / SZ/dpa
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB