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Forum:Wie die Pandemie Dienstreisen fördert

Ausgerechnet Corona wird dazu führen, dass die Menschen mehr unterwegs sind. Über ein ökonomisches Paradoxon.

Von Reiner Eichenberger und David Stadelmann

Corona revolutioniert die Mobilität. Früher musste man für viele Arbeiten reisen, plötzlich kann man das bequem vom Arbeitsplatz in der Firma oder von zu Hause aus via Zoom oder Teams erledigen. Viele glauben, die Virtualisierung menschlicher Kontakte senke den Nutzen des Reisens, und die Reiseaktivität werde auch nach Corona tief bleiben. Wir halten diesen Schluss für falsch. Vielmehr beginnt jetzt das große Dauerreisen.

David Stadelmann ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth.

(Foto: oh)

Die Virtualisierung befeuert die Reisetätigkeit über drei Kanäle. Erstens werden die Firmen noch globaler ausgerichtet, sowohl hinsichtlich ihrer eigenen Struktur als auch ihrer Kunden- und Lieferantenbeziehungen. Auch für kleine Firmen wird es bedeutend günstiger und einfacher, global zu agieren. Damit verstärkt die Virtualisierung die Globalisierung, was zusätzlichen Reiseverkehr bringt. Schließlich müssen die neuen ausländischen Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten doch ab und zu persönlich getroffen, betreut und gepflegt werden.

Reiner Eichenberger ist Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Uni Fribourg (Schweiz).

(Foto: oh)

Zweitens herrscht bezüglich des Reisenutzens eine gewisse Illusion. Geschäftskontakte nur virtuell zu pflegen, ist heute für viele vor allem deshalb kein Problem, weil die Corona-Maßnahmen auch den Konkurrenten das Reisen unmöglich machen. Sobald es aber wieder möglich ist, werden alle wieder mehr reisen müssen, um im Wettbewerb bestehen zu können. Die heute übertrieben anmutende Vor-Corona-Reiseaktivität war nicht nur technologisch bedingt, sondern stark durch Wettbewerb zwischen Firmen und zwischen Abteilungen und Managern innerhalb von Firmen. Dieser Wettbewerb wird nach dem Ende der meisten Corona-Einschränkungen schnell wieder aufblühen.

Praktisch: Während der Fahrt zum Kunden können Mitarbeiter wie im Home-Office arbeiten

Drittens senkt die Virtualisierung der Kontakte zwar den Nutzen mancher Reisen, aber auch die Kosten aller Reisen. Denn vor der Virtualisierung bestanden die Kosten des Reisens - neben den Transportkosten und höheren Spesen - vor allem in der teils unproduktiven Reisezeit und der Absenz vom angestammten Arbeitsplatz. Wer für einzelne oder mehrere Tage verreiste, war während der Reise und am Zielort für die täglichen Arbeiten, Besprechungen und Sitzungen in Unternehmen nur sehr bedingt verfügbar. Jetzt hingegen kann man sonst wohin reisen und trotzdem weitgehend virtuell am Arbeitsplatz bleiben. Dank Virtualisierung bleibt die Produktivität ähnlich hoch wie in der Firma oder im Home-Office. Selbst die Reisezeit ist viel ergiebiger nutzbar, weil man auf Flügen und langen Bahnfahrten mit aller Welt virtuelle Kontakte pflegen kann.

Bereits vor Corona war dieser Trend spürbar - viele Geschäftsleute waren beim Reisen dauernd am Telefon, schrieben und lasen E-Mails. Künftig ist man auf Reisen in vielerlei Hinsicht fast wie am eigenen Arbeitsplatz in der Firma. Kurz: Die Kosten des Reisens sind zerfallen. Überwiegen in der Summe die Reisebremse durch sinkenden Reisenutzen oder die Reisetreiber durch verstärkte Globalisierung, Wettbewerbsdruck und sinkende Reisekosten?

Je nach Unternehmen und Personenkreis wird der Gesamteffekt unterschiedlich sein. Aber gesamtgesellschaftlich dürften die Reisetreiber weit gewichtiger sein. Das sogenannte Jevons-Paradoxon wird seine Wirkung entfalten.

Der Ökonom und Philosoph William S. Jevons stellte im 19. Jahrhundert fest, dass der Kohleverbrauch in England trotz der Einführung von Watts Dampfmaschine stark anstieg, obwohl sie viel weniger Kohle als frühere Dampfmaschinen verbrauchte. Heute versteht man unter dem Jevons-Paradoxon, dass technischer Fortschritt, der eine sparsamere Nutzung einer Ressource erlaubt, oft eine stärkere Nutzung dieser Ressource bringt. Genauso dürfte es beim Reisen sein: Die enormen Fortschritte der Virtualisierung menschlicher Kontakte erlauben die viel effizientere Nutzung der wertvollen Ressource Zeit, die sonst beim Reisen oft schlecht genutzt ist. Daher wird dank Virtualisierung der Kontakte die Häufigkeit und Dauer der realen Reisen stark zunehmen.

Das Jevons-Paradoxon dürfte für alle drei großen Arten des Reisens gelten, für arbeitsbezogene Reisen, für Freizeitreisen und für Migration. Für Geschäftsreisende, Touristen und Migranten sinken die Kosten der Mobilität dramatisch, weil sie auf der Reise und am Zielort dank zunehmender Virtualisierung bedeutend besser mit ihrer Heimatbasis Kontakt halten können. Sie können viele der dort anfallenden Verpflichtungen und Arbeiten erledigen, obwohl sie gerade weit weg sind. Daher dürfte uns die Virtualisierung bald in ein neues Zeitalter des Dauerreisens mit noch mehr globaler Arbeitsmobilität, Tourismus und Migration katapultieren.

Manche werden vor einem neuen Reisewahnsinn warnen

Wer dem nicht ganz traut, möge folgende Analogie bedenken: Hat die Entwicklung des Telefons zu weniger oder mehr Reisen geführt? Natürlich zu mehr. Denn es erleichterte die Globalisierung von Firmen und senkte die Reisekosten für alle, weil man in der Fremde doch noch einigermaßen Kontakt mit der Heimbasis haben konnte. Ähnlich dürfte die Virtualisierung der Kontakte wirken.

Daher ist jetzt die Zeit, ernsthaft über den Umgang mit dem Dauerreisen nachzudenken. Denn das Dauerreisen wird von manchen auch als Reisewahnsinn betrachtet werden, mit zu hohen Kosten für Menschen und Umwelt. Deshalb dürften - schon bald nach der Wiedererlangung der Reisefreiheit nach Corona - neue Reiseeinschränkungen und -verbote verlangt werden, wie sie etwa im Bereich der Migration verbreitet sind. Doch das würde nur zu enormen bürokratischen Lasten für alle führen und nur ähnlich dürftige Erfolge erzielen wie in vielen anderen überregulierten Lebensbereichen.

Zielführender ist der ökonomische Lösungsansatz: Das Problem ist nicht das Dauerreisen an sich, sondern die dadurch verursachten negativen externen Effekte wie Umwelt-, Lärm- und Infrastrukturbelastung. Für diese externen Effekte ist das Prinzip der Kostenwahrheit anzuwenden, sprich: Sie müssen monetär bewertet und den Verursachern mittels Abgaben angelastet werden. Die so beim Staat anfallenden Mittel müssen über die Senkung der normalen Steuern zurück an die Bürger fließen.

Zugleich können dann die noch bestehenden Reise- und Mobilitätsbeschränkungen abgebaut werden, denn dank Kostenwahrheit haben alle die richtigen Anreize, auch gesellschaftlich im optimalen Ausmaß zu reisen. So brächte dann das Dauerreisen nicht Reisewahnsinn und Übermobilität, sondern riesige Wohlfahrtsgewinne für alle.

© SZ/kö
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