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Braunkohle:Der Preis zeigt Wirkung

Deutschland verstromt auch ohne Ausstiegsgesetz weniger Braunkohle.

Von Benedikt Müller, Düsseldorf

Die Energiebilanz des Jahres 2019 kennt einen Verlierer: die Kohle. Das lässt sich schon nach elf einhalb Monaten sagen. Deutschlands derzeit umstrittenster Energieträger, die Braunkohle, werde in diesem Jahr noch gut 100 Terawattstunden zur hiesigen Stromerzeugung beitragen, prognostiziert das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE). In manchem Vorjahr waren es mehr als 140 Terawattstunden.

Noch hat dieser Einbruch nichts mit dem Kompromiss der sogenannten Kohlekommission zu tun. Denn die Bundesregierung ist gerade erst dabei, den schrittweisen Kohleausstieg bis 2038 in einem Gesetz zu formulieren. Doch drängen gewisse Rahmenbedingungen die Kohle schon jetzt nach und nach aus dem Markt.

Eine davon ist Kohlendioxid: Braunkohlemeiler stoßen pro Kilowattstunde Strom viel mehr CO₂ aus als etwa Gaskraftwerke. Doch Energiekonzerne müssen in der Europäischen Union Emissionsrechte für jede Tonne Treibhausgas kaufen, die sie ausstoßen. Der Preis dieser Zertifikate hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. "Im Mai und Juni lag er bei 30 Euro", sagt ISE-Forscher Andreas Bett. "Das hat die Braunkohle-Produktion verteuert."

Stattdessen sei Strom aus neuen Windrädern, Solaranlagen oder - dank relativ günstiger Marktpreise - auch aus Gaskraftwerken günstiger gewesen. "Das ist ein reiner Marktmechanismus", sagt Bett, "an dem man sehr schön sieht, dass ein CO₂-Preis eine große Wirkung entfalten kann." Auch das Ausland habe weniger Braunkohlestrom aus Deutschland gekauft, so der Forscher, "weshalb die Kraftwerke die Produktion drosseln mussten".

Eine weitere Ursache ist politisch verordnet: So wurden mit den Blöcken Neurath C im Rheinland und Jänschwalde E in der Lausitz in diesem Herbst zwei weitere Braunkohlekraftwerke in die sogenannte Sicherheitsbereitschaft überführt. Diese Meiler halten sich nun noch vier Jahre lang parat für ganz außergewöhnliche Notlagen auf dem Strommarkt, bevor sie endgültig vom Netz gehen.

Wie schwierig es die Braunkohle in diesem Jahr hat, zeigt sich auch in den Geschäftszahlen von RWE. Der Konzern hat in den ersten neun Monaten dieses Jahres noch gut 35 Terawattstunden Strom aus Braunkohle erzeugt, heißt es im jüngsten Quartalsbericht. Das war fast ein Drittel weniger als im Vorjahreszeitraum. "Das lag unter anderem am Rodungsstopp in Hambach", erklärte Finanzchef Markus Krebber bei Vorlage der Zahlen. RWE darf am umkämpften Hambacher Forst bei Köln vorerst keine weiteren Bäume roden, bevor der Schutzstatus des alten Waldes nicht geklärt ist. Das hat das Oberverwaltungsgericht Münster im vergangenen Jahr entschieden.

Über die Braunkohle lässt sich deshalb so trefflich streiten, weil sie auf der einen Seite ein heimischer Energieträger ist, unabhängig von Importen aus dem Ausland. Die Kraftwerke und Tagebaue bieten vergleichsweise gut bezahlte Arbeitsplätze in ansonsten strukturschwachen Gebieten wie der Lausitz, dem Rheinischen Revier zwischen Köln und Aachen oder dem mitteldeutschen Revier. Unternehmensangaben zufolge arbeiten noch gut 20 000 Menschen direkt in der hiesigen Braunkohlewirtschaft, hinzu kommen Arbeitsplätze bei Zulieferern.

Auf der anderen Seite fressen die Schaufelradbagger der Kohlekonzerne metertiefe Löcher in die Landschaften; noch immer droht einzelnen Dörfern hierzulande die Umsiedlung für den Tagebau. Und alleine die hiesigen Braunkohlekraftwerke haben im vergangenen Jahr gut 152 Millionen Tonnen CO₂ ausgestoßen, wie es im jüngsten Monitoringbericht der Bundesnetzagentur und des Bundeskartellamts heißt. Das entspricht gut einem Sechstel der gesamten CO₂-Emissionen Deutschlands.

Dieser Ausstoß muss sinken, wenn die Bundesrepublik ihre Klimazusagen gegenüber der Weltgemeinschaft einlegen will. Daher soll bis 2022 etwa ein Viertel aller Braunkohlekraftwerke hierzulande abgeschaltet werden, so hat es zumindest die Kohlekommission der Bundesregierung vorgeschlagen. Bis 2030 soll ein weiteres Viertel der Kapazität vom Netz gehen. Die allerletzten Kohlekraftwerke sollen demnach 2038 den Betrieb einstellen.

Im Gegenzug werden bis dahin noch mehr Ökostromkraftwerke ans hiesige Netz gehen müssen - sowie entsprechende Netze und Speicher für Zeiten, in denen kaum Wind weht und die Sonne nicht scheint.

Denn noch trugen Braunkohlekraftwerke im vergangenen Jahr gut 22 Prozent zur Stromerzeugung in Deutschland bei, wie aus Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen hervorgeht. Zum Vergleich: 1990 waren es noch etwa 31 Prozent. Und der Abstieg der Kohle geht weiter.

© SZ vom 17.12.2019

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