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Börse:Miniversicherer will viel Geld einsammeln

100 Millionen Euro will die Deutsche Familienversicherung an der Börse einsammeln. Doch Versicherer sind bei Anlegern nicht gerade beliebt. DFV-Gründer Stefan Knoll gibt sich deshalb ganz digital.

Von Herbert Fromme , Köln

Gerade mal 72 Millionen Euro Umsatz, 109 Mitarbeiter, 420 000 Policen - Zusatzversicherungen für Zahnbehandlung, Krankenhaus und Pflege. Das ist die 2007 gegründete DFV Deutsche Familienversicherung in Frankfurt. Ausgerechnet dieser Versicherungszwerg plant nach Angaben aus Branchenkreisen für das vierte Quartal 2018 den Börsengang. Das Unternehmen will in den regulierten Markt der Frankfurter Börse, in den sogenannten Prime Standard.

Konzernchef und Gründer Stefan Knoll will mindestens 100 Millionen Euro einsammeln. Zurzeit gehört die Firma ihm, der Familie seines verstorbenen Mitgründers Philipp Vogel, zwei Investoren und Aufsichtsratschef Hans-Werner Rhein. Das Problem: Versicherer sind nicht wirklich beliebt bei Aktionären. Die großen börsennotierten Anbieter Allianz, Munich Re und Talanx müssen die Anleger mit hohen Dividenden oder Aktienrückkäufen gewogen halten. Wer bei Versicherern investiert, setzt auf den hohen Cash-Bestand, der Aktionären zugutekommen kann, nicht auf das Geschäftsmodell. Aber die DFV hat keine hohen Reserven, der Gewinn vor Steuern und Zinsen war mit 1,3 Millionen Euro im Jahr 2017 eher mäßig.

Seit einem Jahr erklärt Knoll deshalb jedem, der es hören will, dass seine Gesellschaft kein normaler Versicherer ist, sondern ein Insurtech, also ein Versicherungs-Start-up. Knoll sucht die Deutungshoheit darüber, was eigentlich Digitalisierung der Versicherungswirtschaft ist. Der Jurist, Oberst der Reserve, talentierter Hobbymaler und Autor eines hochpolitischen Buches über Preußen, versucht, den Insurtechs in München, Köln und Berlin eine lange Nase zu drehen. Man höre, dass andere 100 Kunden hätten, sagt er und meint den digitalen Krankenversicherer Ottonova. "Wir haben an einem Tag 217 Neukunden." Das Kalkül: In Insurtechs stecken Anleger seit Jahren hohe Millionenbeträge. Da muss es doch möglich sein, 100 Millionen Euro für die DVF lockerzumachen.

Aktuell verhandelt Knoll mit Amazon. Der Sprachcomputer Alexa soll künftig tatsächlich DFV-Policen abschließen können, und nicht nur Auskünfte geben. Das untermauert die Behauptung, dass die DFV eigentlich ein Hochtechnologieunternehmen ist.

© SZ vom 12.10.2018
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