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Geldanlage und Nachhaltigkeit:Umweltschützer werfen Blackrock Greenwashing vor

Braunkohlekraftwerk in Schkopau: Eigentlich wollte Blackrock nicht mehr in Firmen mit "hohem Risiko in Sachen Nachhaltigkeit" investieren. Doch Kraftwerksbetreiber sind weiterhin dabei.

(Foto: Hendrik Schmidt/AFP)

Der weltweit größte Vermögensverwalter hat versprochen, nachhaltig zu werden. Doch in Wahrheit hat sich kaum etwas geändert, bemängelt ein neuer Report.

Von Jan Willmroth, Frankfurt

Vom nächsten Karriereschritt ist Friedrich Merz nur noch einen Parteitag entfernt. An diesem Samstag könnten ihn die Delegierten der CDU zum neuen Parteichef wählen, einen Rechtsanwalt, transatlantischen Netzwerker - und Ex-Aufsichtsrat der deutschen Tochter der weltweit größten Investmentfirma Blackrock. Bis vor einigen Monaten stand er dem Kontrollgremium hierzulande vor. So häufig er schon kritisiert worden ist für diese Rolle, so sehr macht er sich seine frühere Tätigkeit bei Blackrock inzwischen rhetorisch zunutze: Es passt eben ganz gut zu den Zukunftsthemen eines neuen CDU-Vorsitzenden, wenn sein früherer Arbeitgeber die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz zum Schwerpunkt seiner Geschäfte erklärt hat.

Das ist bei Blackrock geschehen, vor einem Jahr: Konzernchef Larry Fink erregte im Januar 2020 besonders viel Aufmerksamkeit. Er rief die Konzernchefs der Welt zu einem neuen Ökobewusstsein auf, in einem offenen Brief, ein solches Rundschreiben verschickt er jährlich. 2020 kündigte er an, künftig strenger mit jenen zu sein, die es in Sachen Umweltschutz und Menschenrechte nicht so genau nehmen. In einem zugleich verschickten Kundenbrief schrieb Fink: "Wir sind überzeugt, dass Nachhaltigkeit unser neuer Investmentstandard sein sollte." Konkret hieß das etwa, bei der Geldanlage Umwelt-, Sozial- und Governenace-Kriterien stärker zu berücksichtigen, mehr nachhaltige ETFs für Sparer auf den Markt zu bringen oder Fondsmanagern Investitionen in Kohleproduzenten zu verbieten. Wird Blackrock seinen eigenen Ansprüchen gerecht?

Ein gemeinsamer Report der Organisationen Urgewald aus Deutschland und Reclaim Finance aus Frankreich zeigt jetzt: Das lässt auf sich warten. Die Versprechen von Anfang 2020, nicht mehr in Firmen mit "hohem Risiko in Sachen Nachhaltigkeit" zu investieren, hätten Blackrocks Geschäft kaum beeinflusst, schließen die Autoren des Papiers. Darin nehmen sie vor allem die Kohle-Investitionen des weltweit größten Vermögensverwalters in den Blick. Unter der Überschrift "Verzicht auf ein Engagement bei Kohleproduzenten" schließt Blackrock nämlich nur Betreiber von Kohlebergwerken und -tagebauen aus - und das auch nur, wenn diese mehr als 25 Prozent ihrer Umsätze mit der Kohleproduktion erzielen. Kraftwerksbetreiber sind weiterhin mit dabei, auch solche, die den Bau zahlreicher neuer Kraftwerke planen. Kohle hat von allen fossilen Brennstoffen die schlechteste Klimabilanz; im Kampf gegen die Erderwärmung wäre eine weltweite Abkehr von der Kohlestromproduktion ein wichtiger Schritt.

Das Fazit der Kritiker: Blackrocks Weg zum Klimaschützer ist noch weit

Den Berechnungen von Urgewald und Reclaim Finance zufolge hielt Blackrock Ende Oktober 2020 weiterhin Anteile an Kohlekonzernen im Wert von "mindestens 85 Milliarden Dollar". Zum Abgleich haben die Organisationen die "Global Coal Exit List" herangezogen, die 935 Kohlefirmen mit einem Anteil von 88 Prozent an der globalen Kraftwerkskohle-Produktion und 85 Prozent der Kohlestromkapazitäten umfassen. Der emissionsreichste Teil der Kohleindustrie sei von Blackrocks Richtlinie erst gar nicht erfasst, kritisieren die Autoren, und für Öl- und Gasproduzenten gebe es erst gar keine Regeln. Weniger als ein Fünftel der globalen Kohleindustrie sei überhaupt von der Ausschluss-Richtlinie erfasst.

Auf drei Viertel der 7,8 Billionen Dollar an investierten Geldern haben die Richtlinien ohnehin keinen Einfluss. Diese stecken in ETFs, die stur Aktienindizes folgen - und über deren Zusammensetzung hat Blackrock keine direkte Kontrolle.

Darauf verweist der Konzern auch auf Anfrage. Schließlich seien es die Kunden, die sich für bestimmte passive Anlagestrategien entschieden. Wo Blackrock keine Unternehmen ausschließen kann - etwa bei großen Aktienindizes wie dem Dax - setzt der Konzern nach eigenen Angaben auf eine aktivere Rolle als Aktionär. "Alle Unternehmen, in die wir für unsere Kunden investieren, fordern wir auf, einen Plan offenzulegen, wie ihr Geschäftsmodell mit dem Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft vereinbar sein wird", heißt es in einer Stellungnahme. "Wo wir keine ausreichenden Fortschritte sehen, werden wir unser Stimmrecht nutzen." Beispiele dafür seien etwa Abstimmungen gegen Aufsichtsräte bei den Energiekonzernen Uniper, Fortum, ČEZ und PGE. Außerdem soll die Zahl der grünen Indizes weiter steigen, schon heute seien weltweit 141 nachhaltige Indizes im Angebot.

Mit Klimaschutz hatte Friedrich Merz in seiner Blackrock-Zeit nicht viel zu tun

Zum Klimaaktivisten ist es für Blackrock aber noch ein weiter Weg. Nach einer Analyse der Nichtregierungsorganisation Share Action hat Blackrock im Jahr 2020 gegen neun von zehn der auf Hauptversammlungen vorgebrachten Klima-Resolutionen gestimmt, weitaus öfter als die großen Konkurrenten des New Yorker Konzerns. Welchen Einfluss solche Abstimmungen haben können, zeigte sich im Oktober: Da unterstützte Blackrock einen Antrag von Aktionären und drängte den australischen Energiekonzern AGL dazu, seine Kohleminen zu schließen.

In seiner Zeit bei Blackrock ist Friedrich Merz nicht als Anti-Kohle-Vorkämpfer aufgefallen. "Wenn Sie sich mit dem Unternehmen beschäftigt haben", so sagte er es Mitte November in der Talkshow von Anne Will, "dann wissen Sie, dass dieses Unternehmen das erste war, die sich zu diesen Themen so geäußert hat, dass zum Beispiel ökologische, soziale, gesellschaftliche Themen eine Rolle spielen - auch in den Kapitalmärkten." Das stimmte zwar so nicht. Aber es hörte sich gut an, ganz so wie die Ankündigungen von Larry Fink.

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