Bic Feuerzeug-Hersteller verklagt Deutschland

Bic verdient mit Feuerzeugen viel Geld – doch die Rendite sinkt. Kritiker halten die Warnungen daher nur für einen Vorwand.

(Foto: Patrick Kovarik/AFP)
  • Der Feuerzeug-Hesteller Bic reicht bei der EU-Kommission Klage gegen Deutschland und Frankreich ein.
  • Das Unternehmen kritisiert, dass hunderte Millionen asiatische Import-Feuerzeuge auf den europäischen Markt gelangten, die nicht den EU-Sicherheitsnormen entsprächen.
  • Die von Bic angeprangerten Konkurrenten geben sich gelassen und verweisen auf TÜV-Kontrollen.
Von Leo Klimm, Clichy

Wer hat die Toten auf dem Gewissen? Jahr für Jahr gebe es in der EU 34 bis 40 tödliche Unfälle, weil Kinder mit Feuerzeugen spielten, schlug die EU-Kommission schon 2008 Alarm. Hinzu kämen bis zu 1900 Menschen, die verletzt würden, weil Feuerzeuge in Kinderhänden gerieten. Diese Schätzungen, sagt François Clément-Grandcourt, seien aber nur ein Ausschnitt der Realität. "Die große Mehrzahl der Unfälle geht nicht auf Kinder zurück", sagt er. Und dass die meisten vermeidbar wären.

Clément-Grandcourt kennt sich aus mit den kleinen Anzündern, er leitet beim Weltmarktführer Bic die Feuerzeug-Sparte. Jetzt erhebt der Manager des Unternehmens aus Clichy bei Paris schwere Vorwürfe, die nahelegen, das laxe Vorgehen deutscher Behörden sei mit schuld an den vielen Toten: Pflichtwidrig lasse es Deutschland ebenso wie Frankreich zu, dass hunderte Millionen asiatischer Import-Feuerzeuge auf den europäischen Markt gelangten, die nicht den EU-Sicherheitsnormen entsprächen, sagt Clément-Grandcourt im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Das sei "nicht akzeptabel".

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Er lässt den Worten Taten folgen: An diesem Donnerstag macht Bic öffentlich, dass die Firma bei der EU-Kommission Klage gegen Deutschland und Frankreich eingereicht hat. So will das Unternehmen die Behörden zwingen, schärfer gegen die angeblich gefährlichen Konkurrenzprodukte aus China oder Vietnam vorzugehen.

Der Manager holt ein asiatisches No-Name-Fabrikat hervor, das ihm zufolge genau so in der EU verkauft wird, und startet eine Demonstration. Er macht das Feuerzeug an. Eine ungewöhnlich große Flamme sticht hervor; nach kurzer Zeit kommt es zu Gas-Verpuffungen am Schaft der Flamme, Funken sprühen. Als Clément-Grandcourt den Knopf loslässt, brennt die Flamme einfach weiter. Mit solchen Geräten, so seine Botschaft, kann schnell etwas abfackeln. 86 Prozent der in Deutschland und Frankreich verkauften Modelle erfüllten laut einer Studie von Bic nicht die einschlägige Sicherheitsnorm ISO 9994, die etwa die erlaubte Höhe der Flamme und die Anforderungen an Widerständigkeit gegen hohe Temperaturen definiert. Zwar beinhaltet die Stichprobe auch Bic-Modelle. Dennoch gründet das Unternehmen auf diesen Zahlen seinen Angriff auf Deutschland und Frankreich.

Clément-Grandcourt beklagt vor allem eine seines Erachtens lasche Durchsetzung von Normen, die von der EU-Kommission schon vor zwölf Jahren verabschiedet wurden. "In Deutschland liegt die Verantwortung einerseits beim Zoll, der viel besser kontrollieren müsste. Andererseits tun auch die Behörden zur Marktüberwachung nichts." Hier ist die Zuständigkeit zwischen Bund und Ländern geteilt - was die Wirksamkeit der Marktüberwachung nach Ansicht des Bic-Managers nicht unbedingt steigert. Seine größte Sorge in Deutschland aber ist der Hamburger Hafen. Der hat sich zum wichtigsten Umschlagplatz für Import-Feuerzeuge entwickelt, seit Bic vor ein paar Jahren bereits ein EU-Vertragsverletzungsverfahren gegen die Niederlande angestrengt hat, weil der angebliche Ramsch aus Asien damals vor allem über Rotterdam in die EU kam. Das Verfahren in Brüssel läuft noch.

Überhaupt bekämpft Bic die Rivalen aus Fernost schon lange, um eine erklecklichen Gewinnmarge zu verteidigen: Das börsennotierte Unternehmen, das von der Gründerfamilie Bich beherrscht wird, setzt mit Feuerzeugen, Schreibwaren und Rasierklingen zwei Milliarden Euro jährlich um - und erzielte mit den Anzündern lange eine Rendite von mehr als 40 Prozent. Jüngst sackte der Wert aber auf 37 Prozent ab; der Spartenumsatz sank im ersten Geschäftshalbjahr um elf Prozent.

Die EU-Klage jetzt kann daher auch als Versuch gelten, die eigene Marktposition in Europa abzusichern. Stritt sich Bic vor ein paar Jahren noch heftig mit der EU-Kommission, um eine Antidumping-Steuer zu erhalten, sucht das Unternehmen in Brüssel jetzt einen Verbündeten.

Die zuständigen Behörden und Importeure reagieren auf die Vorwürfe gelassen

Für Clément-Grandcourt geht es aber nicht allein um Feuerzeuge. Er glaubt, dass etwas grundsätzlich nicht damit stimmt, wie die Sicherheit von Waren gewährleistet wird: "Es gibt in Europa ein Problem mit der Überwachung von Non-Food-Produkten", sagt er. Konkret stellt er die tragende Rolle infrage, die Firmen wie dem deutschen TÜV oder Bureau Veritas bei der Zertifizierung von Waren zukommt. "Das ist ein Problem, da ihre Kontrollen keinerlei Garantie bedeuten", sagt er. Auf manchen Import-Feuerzeugen finde man das Logo eines Prüfvereins, obwohl das Gerät tatsächlich nicht den Normen entspreche. Der Manager will keine Produkte nennen, denen fälschlich Sicherheit attestiert werde. Doch es gibt bekannte Beispiele: Feuerwerkskörper oder gefährliche Brustimplantate, wie sie der TÜV Rheinland zertifizierte. Bic wünscht sich daher viel schärfere Gesetze und drakonische Strafen, falls sie missachtet werden. So wie in den USA - wo der Marktanteil von Bic noch höher ist als in Europa. Bic-Zündgeräte seien jedenfalls sicher, beteuert Clément-Grandcourt.

Die Klage in Brüssel stellt er fast als Verzweiflungstat dar. "Wir haben die Hoffnung verloren, die Dinge im Dialog mit den Institutionen zu ändern", sagt er. Das kontrastiert mit dem nüchternen Ton, mit dem die Vorwürfe in Berlin aufgenommen werden: Es lägen "keine Erkenntnisse vor, dass es Sicherheitsprobleme in Bezug auf die beschriebenen Feuerzeuge gibt", so eine Sprecherin des bei Produktsicherheit federführenden Bundessozialministeriums.

Auch die von Bic implizit angeprangerten Konkurrenten geben sich gelassen. Bei der Hamburger Firma Tröber, einem der großen Importeure von Feuerzeugen in Europa, verweist man just auf Sicherheitstests durch den TÜV. Tröber-Chef Reza Etehad, zugleich Präsident des europäischen Importeurverbands, wähnt hinter der Offensive der Franzosen Geschäftsinteressen: "Die pauschalen Angriffe der Firma Bic sind eher der Versuch, auf einem schrumpfenden Markt Anteile der Wettbewerber zu übernehmen", sagt Etehad.

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