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Betriebsrenten:Das große Loch in der Bilanz

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(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Es drohen Probleme bei einem Börsencrash, warnt die Aufsicht. Panikmache, sagen Anbieter.

702 Milliarden Euro sind eine gewaltige Summe Geld, mehr als doppelt so viel wie der Bundeshaushalt. So groß kann das Loch in den Bilanzen von europäischen Betriebsrenten-Einrichtungen werden, sollte es zu einem schweren Börsencrash kommen. Das hat eine Prüfung der europäischen Versicherungsaufsicht Eiopa ergeben.

Auch die deutsche Finanzaufsicht Bafin teilt die Sorgen. Die in Frankfurt am Main ansässige Eiopa hat 195 Betriebsrenten-Einrichtungen in 20 EU-Ländern auf Herz und Nieren untersucht. Sie wollte wissen, was bei einem sogenannten Doppeltreffer-Szenario passiert: Dabei fallen nach einem angenommenen Börsencrash die Zinsen für sichere Anlagen am Kapitalmarkt kräftig. Dadurch steigt die Last der künftigen Verpflichtungen in den Büchern der Pensionseinrichtungen. Weil die Zinsen so niedrig sind, müssen sie mehr Geld für künftig zu zahlende Betriebsrenten beiseitelegen. Gleichzeitig verlieren ihre Kapitalanlagen wie Investitionen in Aktien an Wert.

Weil die Zinsen am Kapitalmarkt auch in den vergangenen Jahren nicht sonderlich hoch waren, übersteigen nach Berechnungen von Eiopa die Verpflichtungen das Vermögen der Einrichtungen schon heute um 349 Milliarden Euro, ganze ohne Doppeltreffer. Käme es zu dem besagten Crash, wären es 702 Milliarden Euro.

Wer würde in einem solchen Ernstfall zahlen? Als Konsequenz müssten die Arbeitgeber Geld nachschießen, trotzdem würden Arbeitnehmer Kürzungen der Betriebsrenten hinnehmen müssen. Das ist vor allem deswegen problematisch, weil die Betriebsrenten eigentlich nichts anderes sind als Lohnbestandteile, die Unternehmen nicht ausgezahlt, sondern sich von ihren Mitarbeitern geliehen haben. Damit haben sie gute Arbeitskräfte gewonnen und in den Betrieben gehalten. Das Versprechen: Wenn der Arbeitnehmer in Rente geht, wird ihm dieser Lohnanteil verzinst als zusätzliche Rente ausgezahlt. Allerdings kalkulierten die Unternehmen dabei mit Zinssätzen, die heute nicht mehr realistisch sind. Deshalb mussten sie schon in den vergangenen Jahren hohe Summen nachschießen. Ein Crash könnte katastrophale Folgen haben.

Der Löwenanteil der Belastung von 702 Milliarden Euro würde mit 445 Milliarden Euro auf das Konto der Unternehmen gehen, der Rest größtenteils zu Lasten der Arbeitnehmer. Einige Firmen könnte das überfordern, fürchtet die Eiopa. Bei rund einem Viertel der Unternehmen würden die Nachzahlungen die Börsenwerte der Firmen um mehr als 60 Prozent übersteigen. "Die Ergebnisse des Stresstests zeigen, dass die Risiken eines Schocks im europäischen Betriebsrenten-Sektor auf die Realwirtschaft überschwappen können, das hätte negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigung", sagt Eiopa-Chef Gabriel Bernardino.

Die deutsche Finanzaufsicht BaFin teilt diese Sorgen. Die Ergebnisse bestätigten die eigene Einschätzung, dass eine andauernde Niedrigzinsphase für Pensionskassen und -fonds eine große Herausforderung darstellt, so die BaFin. Wie die Lebensversicherer haben sie den Arbeitnehmern in früheren Zeiten hohe Garantiezinsen versprochen - und haben jetzt Probleme, entsprechende Renditen am Kapitalmarkt zu erwirtschaften.

Versicherte müssten im Ernstfall mit Kürzungen ihrer Renten rechnen

Einige Einrichtungen mussten bereits reagieren: Im Mai 2016 hatte als erste Pensionskasse die Neue Leben die garantierte Verzinsung für die ab 2017 zu zahlenden Beiträge auf 1,25 Prozent gesenkt - auch wenn die Verträge aus den Jahren 2003 bis 2005 stammen und mit einem Garantiezins von 3,25 Prozent verkauft wurden.

Doch solche Trippelschritte reichen nicht. Trotz der ergriffenen Maßnahmen könne es in den nächsten Jahren bei einigen Pensionskassen zu Schieflagen kommen, wenn nicht Mittel von außen zugeführt werden, sagt Versicherungsaufseher Frank Grund.

Georg Thurnes dagegen hält den Stresstest von Eiopa für "verantwortungslose Panikmache". Er ist Chefmathematiker des Beraters Aon Hewitt und stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung. Dort haben sich 1200 Arbeitgeber mit Betriebsrenten und Pensionseinrichtungen zusammengeschlossen. "Die Situation der Betriebsrenten-Einrichtungen in Deutschland ist nicht rosig, aber auch nicht so gravierend, wie Eiopa sie darstellt", sagt er. Die Garantiezinsen in den Büchern der Pensionskassen und -fonds seien im Vergleich zu dem, was sie am Kapitalmarkt verdienen könnten, in der Tat hoch. "Es ist eine extrem knappe Angelegenheit", sagt Thurnes. Darum halte die BaFin die Arbeitgeber an, so viel wie möglich in die Betriebsrenten zu stecken. "Aber die Arbeitgeber stellen sich dieser Verpflichtung", sagt er. "Was gebraucht wird, zahlen sie ein." Der europäische Dachverband Pensions Europe sieht das ähnlich. Eiopa stelle Behauptungen auf, die durch die Zahlen auf nationaler Ebene nicht gedeckt seien, heißt es dort. Stein des Anstoßes ist die Methode, mit der Eiopa die Verpflichtungen und das Vermögen der Betriebsrenten-Einrichtungen berechnet. Die Behörde benutzt Marktwerte, geht also von den aktuellen Zinsen nahe dem Null-Punkt aus.

Laut nationalen Bilanzregeln dürfen die Einrichtungen ihre langfristigen Verpflichtungen aber meist mit höheren Zinssätzen kalkulieren. Legt man diese Regeln zugrunde, fehlen ihnen heute nur drei Prozent Vermögen oder 49 Milliarden Euro sowie 301 Milliarden Euro im Falle eines Börsencrashes. Ein Defizit von drei Prozent stelle weder ein ernstes europäisches Problem dar noch bestehe ein Ansteckungseffekt für die Realwirtschaft, so Janwillem Bouma, Chef von Pension Europe. Er verweist auf Notfallpläne der EU-Staaten, die den Einrichtungen im Ernstfall helfen, die Finanzspritzen der Arbeitgeber sowie die Leistungskürzungen zu strecken.

Gerade dieses Vorgehen birgt aus Sicht von Eiopa-Chef Bernardino erhebliche Risiken: "Wenn die Regeln keinen Anreiz bieten, sich früher oder später mit der Realität auseinanderzusetzen und härtere Maßnahmen zu ergreifen, und man einfach nur hofft, dass die künftigen Kapitaleinkünfte höher sein werden als heute, dann wird nur auf Zeit gespielt." Je später das Problem angegangen werde, desto stärker würden die folgenden Generationen zur Kasse gebeten.

© SZ vom 19.12.2017
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