Bauern in der Billig-Falle:Explosiver Milchshake

Mit Misthaufen und Heuballen kämpfen Milchbauern gegen den Preisdruck der Discounter - ohne Aussicht auf Erfolg. Dafür ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft.

Tobias Dorfer

Die Aktion dauerte nur etwas mehr als vier Stunden. Noch ehe die Sonne im bayerischen Altenstadt aufgegangen war, versammelten sich etwa 50 Milchbauern vor dem Zentrallager des Discounters Aldi. Mit ihren Traktoren versperrten sie den Zugang zum Betriebsgelände, kippten Mist auf den Boden und legten Heuballen ab. Für etliche Stunden erreichte kein einziger Lastwagen das Aldi-Lager. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Nötigung.

Altenstadt war nicht der einzige Ort, an dem entrüstete Landwirte ihre Wut zum Ausdruck brachten. Auch in den baden-württembergischen Kommunen Gerstetten, Waldenburg und Aichtal blockierten Milchbauern die Zufahrten zu den Zentrallagern von Aldi und dessen Konkurrenten Lidl und Netto.

Discounter im Preiskrieg

Der Auslöser der Bauern-Wut ist - freilich zur Freude der meisten Verbraucher - in den bundesweit 4200 Aldi-Filialen sowie in den Läden von Lidl, Norma, Penny und anderen Billiganbietern zu sehen. Seit Monaten liefern sich die Discounter quer durch die Republik eine wahre Preisschlacht. Die vorerst letzte Runde fand Anfang Oktober statt. Lidl senkte den Preis für 200 Gramm Light-Gouda von 1,15 Euro auf 89 Cent, bei Aldi-Süd kosten 400 Gramm Edamer nicht mehr 1,99 Euro sondern 1,59. Auch Joghurt und Quark sind günstiger und ein Liter Milch ist beim Discounter inzwischen für 42 Cent zu haben.

42 Cent - diesen Betrag sieht der Milchbauernverband als kritische Grenze. Bekommen die Landwirte weniger Geld, können sie nicht mehr wirtschaftlich arbeiten. Doch von den 42 Cent, die ein Aldi-Kunde für einen Liter Milch ausgibt, kommen beim Milchbauern gerade einmal 21,5 Cent an, sagt ein Sprecher des Milchbauernverbands. Viel zu wenig sei das. "Das Maß ist voll", schreiben die Landwirte in diesen Tagen deshalb auf ihre Transparente - oder sie halten Todesanzeigen in die Luft, auf denen steht: "Zum Gedenken an die bäuerlichen Existenzen, die Opfer des EU-Milchdumpings geworden sind". Im Frühjahr sorgten Milchbäuerinnen mit einem Hungerstreik vor dem Kanzleramt für Schlagzeilen.

Die Marktmacht der Discounter ist das Problem der Bauern. 62 Prozent aller deutschen Verbraucher gehen mindestens einmal pro Woche in den Billig-Supermarkt - und erwarten dort günstige Preise. Diesen Druck geben Handelsketten wie Aldi an die Molkereien weiter. 100 gibt es davon in Deutschland - aber die Betriebe haben es bislang nicht geschafft, gemeinsam ein Bollwerk gegen die Discounter aufzubauen. "Die Molkereien sind von den Handelskonzernen erpressbar", sagt Boris Planer, Analyst des Branchendienstes Planet Retail. Verlangen die Molkereien zu hohe Preise, kaufen Penny, Lidl und die anderen ihre Milch einfach im EU-Ausland. "Als Polen und Tschechien in die EU aufgenommen wurden, sind die Milchpreise dort drastisch gestiegen", sagt Planer. "Aber nicht, weil die Polen mehr Milch getrunken haben, sondern weil die Lebensmittelkonzerne aus den westlichen EU-Ländern dort eingekauft haben." Aldi selbst verweigert jegliche Stellungnahme zu diesem Thema.

"Auf dem Tiefpunkt"

Zudem haben die Molkereien auch nur ein begrenztes Interesse an hohen Milchpreise. Denn sie können die Diktate der Discounter ja problemlos an die Erzeuger weiter reichen. Einen Mangel an Nachschub gibt es ohnehin nicht - Deutschland hat mit enormen Milch-Überkapazitäten zu kämpfen. Leidtragende sind die Bauern, die gar nicht anders können, als ihr Produkt zum Schleuderpreis an die Molkereien zu verramschen.

Und so trifft die Wut der Milchbauern auch gar nicht alleine die Billig-Ketten, sondern die Politiker in Brüssel und Berlin. "Aldi ist Teil des Marktgeschehens", sagt der Sprecher des Milchbauernverbandes. Dass der Discounter auf günstige Preise dränge, könne man dem Unternehmen nicht vorwerfen. Sein Credo lautet: "In Deutschland wird zu viel Milch produziert. Das muss geändert werden." Auch der vor wenigen Tagen in Luxemburg ins Leben gerufene Milchfonds mit einem Volumen von 280 Millionen Euro löst das Problem dem Sprecher zufolge nicht. Das Geld hätte für Stilllegungsprogramme verwendet werden müssen und nicht mit der Gießkanne über die Milchbauern verteilt werden dürfen.

Analyst Planer glaubt, dass etliche Landwirte die Billig-Krise nicht überstehen werden. Andere hingegen würden gestärkt aus der Situation hervorgehen. "Es gibt auch Milchbauern, die profitabel arbeiten", sagt der Branchenkenner - etwa diejenigen, die früh in ihre Betriebe investiert hätten und sich der Situation angepasst hätten. Die Zeit der Niedrigpreise, da ist sich Planer sicher, dürfte langsam vorüber sein. "Der Milchpreis ist auf dem Tiefpunkt angekommen. In absehbarer Zeit wird er wieder steigen - schon alleine weil die Weltbevölkerung wachsen wird, ebenso wie zunehmend konsumfreudige Mittelschichten in den Schwellenländern."

© sueddeutsche.de/pak
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