Banker im Film:Die bösen Wölfe der Wall Street

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Kino

Börsenspekulanten als Filmschurken: Michael Douglas (links) spielt im Film "Wall Street" Finanzhai Gordon Gekko. Angelehnt ist die Rolle an reale Vorbilder.

(Foto: Twentieth Century Fox)

Im Finanzbetrügerfilm "The Wolf of Wall Street" sprengt Leonardo DiCaprio alle Vorstellungen von Gier, krimineller Energie und Exzess. Börsenspekulanten sind als Filmschurken beliebt, nicht erst seit Gordon Gekko in "Wall Street". Doch Hollywood hat auch immer wieder Banker gezeigt, die das Gute wollten.

Von Tobias Kniebe

Gibt es den idealen Banker? Einen Mann, der mit seinem Finanzgeschick den Menschen und der Gesellschaft dient, in Krisen und Notsituationen standhaft bleibt, im Fall der Fälle sogar als Retter taugt? Aber ja. Sein Name ist George Bailey und er stammt, verkörpert von James Stewart, aus Frank Capras unzerstörbarem Weihnachts-Klassiker "Ist das Leben nicht schön?"

Fast jeder kennt die Geschichte, wie dieser Bailey von einem Engel vor dem Selbstmord bewahrt wird, der ihm vorführt, wie viel Gutes er im Leben bewirkt hat - von der Rettung des Bruders bis hin zur Verhinderung eines Giftmords. Schlimm wäre es seiner Kleinstadt ohne ihn ergangen. Was er als Banker taugt, zeigt sich allerdings ganz konkret nach dem Börsencrash von 1929. Zu den Banken, die da in Panik gestürmt werden, gehört auch Baileys winzige Bausparkasse, die "Bailey Building and Loan Association". Dutzende von Kunden fordern, alle auf einmal, ihr Geld zurück.

Und was tut der gute Mann? Flüchten, Insolvenz anmelden, sich vom Staat und vom Steuerzahler retten lassen? Von wegen! Er springt aus dem Taxi, in dem er mit seiner frischgetrauten Ehefrau gerade zur Hochzeitsreise aufbrechen wollte - und verteilt einfach das Geld aus seiner Reisekasse. Am Ende des Tages ist fast der letzte Dollar weg, und der letzte Kunde geht beruhigt nach Hause. Bailey aber schaut erschöpft und erleichtert auf das Porträt seines verstorbenen Vaters, der die Bank gegründet hat. "Alles, was du mitnehmen kannst, ist das, was du verschenkt hast", steht darunter. Hach!

Imagewandel: Vom tatkräftigen Helfer zum bösen Banker

Einer der meistgeliebten Filme aller Zeiten. Als er im Jahr 1946 gedreht wurde, muss das Image der Banker, Börsenmakler und Finanzexperten noch in Ordnung gewesen sein. Zumindest gab es neben den Bösen, die nur Gier und Profit kannten, in der allgemeinen Vorstellung auch noch die Guten und Gewissenhaften - Männer wie George Bailey. Und einflussreiche Erzähler des Zeitgeists wie Frank Capra waren bereit, sie zu feiern. Lang ist's her.

Nimmt man Filme und Bestseller als Indikator dafür, wie sich das Image der Finanzberufe seitdem gewandelt hat, muss man von einem Absturz ins Bodenlose sprechen. In den dreißiger Jahren, mitten in der Großen Depression, findet man in Amerika noch Filme, in denen Banker tatkräftig und geschickt mit anpacken, um das Land wieder auf Kurs zu bringen: Etwa "Prosperity" (1932) von Sam Wood, in dem Marie Dressler ihre Privatbank rettet, in dem sie ein Bauprojekt mit Arbeitslosen startet - Monate, bevor Präsident Franklin D. Roosevelt in der Realität auf dieselbe Idee kam. George Bailey aber, kurz nach dem Krieg, scheint der Letzte einer aussterbenden Art zu sein. Nach ihm fördert die Recherche keinen einzigen positiv dargestellten Finanzprofi mehr zutage.

Zumindest im vorigen Jahrzehnt entspricht das der Wirklichkeit des Meinungsbilds in der Bevölkerung. Die Beratungsfirma Edelman, die jährlich die umfassendste weltweite Studie zum Vertrauen in Brachen und Institutionen durchführt, hat seit 2007 einen Vertrauensverlust der Amerikaner in ihre Banken festgestellt, der 40 Prozentpunkte ausmacht. Weltweit sieht es ähnlich aus: Nur 46 Prozent vertrauen noch dem "Financial Services"-Sektor. Kein anderer Industriezweig hat mit soviel Skepsis zu kämpfen. Die Iren, Spanier, Italiener und Deutschen sehen die Banken dabei am allerkritischsten, mit weniger als 30 Prozent Vertrauen.

Schmutzige Deals und Spekulanten auf der Leinwand

Das Kino hat diese Entwicklung vorweggenommen: Seit Beginn der achtziger Jahre zeigte es vor allem schmutzige Deals, Spekulanten, Haie und Heuschrecken. Um nur mal die populärsten Beispiele zu nennen: Da ist die Komödie "Die Glücksritter" (1983) von John Landis, in der Dan Aykroyd und Eddie Murphy in illegalen Insiderhandel verstrickt werden; da ist "Das Geld anderer Leute" (1991), in dem Danny DeVito einen Meister der feindlichen Firmenübernahme spielt, der seinen Spitznamen "Larry the Liquidator" völlig zu Recht trägt. "Rogue Trader" (1999) zeigt die erschreckend wahre Geschichte, wie der Broker Nick Leeson (alias Ewan McGregor) die Barings Bank ruiniert hat, und in "Margin Call" (2011) hört Jeremy Irons, als Oberboss einer Wall-Street-Investmentbank, wie "die Musik stoppt". Glücklicherweise vor allen anderen, so dass seine Firma ihre toxischen Derivate noch rechtzeitig an Dümmere verkaufen kann. Von Oliver Stones "Wall Street" (1987), der uns Gordon Gekko brachte, den bis heute bekanntesten Hohepriester der Gier, wird noch die Rede sein.

Biographie eines Betrügers: Martin Scorseses "The Wolf of Wall Street"

Wie tief es aber wirklich in den Orkus der Verdorbenheit hinabgeht, zeigt der Sprung in die absolute Gegenwart. Nächste Woche läuft Martin Scorseses "The Wolf Of Wall Street" mit Leonardo DiCaprio an und was man in diesem dreistündigen Spektakel zu sehen bekommt, sprengt alle Vorstellungen von Gier, krimineller Energie und Exzess, die man sich bisher von der Finanzwelt gemacht hat. Zu allem Überfluss ist das Ganze auch noch eine (weitgehend) wahre Geschichte: Jordan Belfort, den Protagonisten, gibt es wirklich. In den neunziger Jahren setzte er eine ganze Turnhalle voll aggressiver junger Männer ein, um per Telefon Ramsch-Aktien zu verkloppen, die ihm über Mittelsmänner selbst gehörten. Damit verdienten er und seine Kompagnons Millionen, und sie lebten in Saus und Graus: endlose Sex- und Drogenorgien, sogar im Büro und während der Arbeitszeit, Erniedrigung von Untergebenen, sexuelle Belästigung, absurde Crashs mit Ferraris, Hubschraubern, sogar der Untergang einer Luxusyacht - all das ist mehr oder weniger verbürgt.

Die Haltung des Films ist ungefähr die, die man nach dem Ende aller Imageprobleme hat: Ist der Ruf erst ruiniert... Scorsese und DiCaprio scheinen die Story als rauschhafte Komödie zu sehen, moralische Kritik interessiert sie gar nicht mehr, alle Protagonisten agieren hier so verrückt, dass sie sich permanent selbst entlarven. Jordan Belfort kam in der Realität allerdings relativ billig davon. Er musste nur für 22 Monate in den Knast - und auch dieses Ende erzählt "The Wolf of Wall Street" eher leichtfüßig. Das hat dem Film schon den Vorwurf eingetragen, zynisch zu sein (siehe SZ vom 7. Januar). Tatsächlich ist er aber eine ganz simple, völlig überdrehte Betrugsgeschichte - in seiner schlichten und fröhlichen Verkommenheit fast ein Gegenpol zum schlichten und fröhlichen Idealismus bei Frank Capra.

Finanzhaie, Profitgeier und Heuschrecken als Schlüsselfiguren

Korrekt müsste der Titel jedenfalls "The Wolf of Long Island" lauten. An der echten Wall Street war Jordan Belfort nur ein paar Monate in Ausbildung, sein Proll-Imperium baute er danach in der Provinz auf. Er hat seinen Kunden etwa 200 Millionen aus der Tasche gezogen, aus heutiger Sicht eine lächerlich geringe Summe. Er hat nicht das System ins Wanken gebracht. Verglichen mit den globalen Zerstörungen, die an der echten Wall Street inzwischen angerichtet wurden, und den Billionensummen, die seither vernichtet worden sind, waren seine Taten ein Witz. Der Exzess ist hier dann auch vor allem von Nostalgie durchsetzt. Von der Sehnsucht nach einer Zeit, als ein durchschnittlich intelligenter FBI-Agent die schlimmsten Finanzbetrügereien noch verstehen konnte.

Der Film, der der Wahrheit der Wall Street am nächsten kommt, ist wohl immer noch Oliver Stones "Wall Street". Sein Finanzhai Gordon Gekko, der an reale Vorbilder wie Ivan Boesky angelehnt war, bleibt die Schlüsselfigur, an der auch die echte Wall Street nicht mehr vorbeikommt. In ihm hat sich die Raubritter-Mentalität der Broker und Firmenaufkäufer verdichtet, die bis heute virulent ist - und obwohl der Film diese Mentalität ganz klar verdammt, hat er sie zugleich auch verstärkt und überhaupt erst berühmt gemacht. Gordon Gekko ist der Profitgeier und Firmenzerschlager, das Urbild der Heuschrecke. Am Schluss des Films wandert zwar auch er in den Knast - was seinen popkulturellen Triumphzug allerdings keineswegs aufhalten konnte.

Schurken-Ideologie: "Gier ist gut"

Als Prototyp des gewissenlosen Insiderhändlers kam er weltweit in die Kinos, als die großen Insider-Skandale der Wall Street noch gar nicht passiert waren. Er propagierte eine Form von Exzess, der nur im schlimmsten Erwachen enden konnte, und das erste schlimme Erwachen kam schon kurz nach Drehschluss im großen Crash vom Oktober 1987. Der eher linksgerichtete Filmemacher Oliver Stone bewies hier fast prophetische Qualitäten. Und hat alles darangesetzt, um diesen Schurken so glaubwürdig, so packend, so plausibel wie möglich zu machen - unter anderem in seiner unvergessenen "Gier ist gut"-Rede.

Diese Rede ist noch immer die simpelste, klarste und überzeugendste Zusammenfassung jener Ideologie, die heute gern Neoliberalismus genannt wird. Gordon Gekko konfrontiert die Kinozuschauer mit einer klassischen, aber bis heute hochbrisanten Idee: Dass der Gierige, gerade weil er nur seiner Gier gehorcht, doch etwas Sinnvolles in der Welt bewirkt. Nur sein endloser Hunger kann eine immer unbeweglichere, auf das Erreichte fixierte Gesellschaft überhaupt noch aufrütteln. Und mal ganz ehrlich - hat er nicht zum Teil sogar Recht damit?

Film "Wall Street" als Karrieremotivation für Banker

So sehen es zumindest ganze Generationen von Finanz-Professionals, die öffentlich bekannt haben, dass genau dieser Film - und diese Rede - sie inspiriert und motiviert haben, an der echten Wall Street Karriere zu machen. Was das Image der Broker und Banker angeht, kann man also durchaus von einer Wechselwirkung sprechen, bei der im Übrigen nicht nur das Kino mitmischt. Tom Wolfes Bestseller "Fegefeuer der Eitelkeiten" von 1987 etwa handelte von einem brillanten und steinreichen Bond-Trader, der ebenfalls einen tiefen Fall erlebt, und prägte den Ausdruck "Masters of the Universe". Auch der ist im Sprachgebrauch präsent geblieben - obwohl die Verfilmung mit Tom Hanks nicht mehr war als ein weichgespülter Flop.

Bleibt die Frage, wer aus dieser Schurkengalerie der Eindrucksvollste ist, der wahre Finanzhai der Hölle. Die Frage führt schnurstracks zu Frank Capra ins Jahr 1946 zurück: George Bailey, der aufrechte Banker aus "Ist das Leben nicht schön?", hatte einen Erzfeind. Der hieß Henry F. Potter, saß im Rollstuhl und nahm als Immobilien-Lord die Ärmsten der Armen aus. Ruchloser hat in der ganzen Filmgeschichte wohl keiner agiert. Was zeigt, dass Hollywood seither keineswegs böser geworden ist, sondern vielleicht nur die Balance zwischen Idealismus uns Zynismus verloren hat - und damit den Rest der Gesellschaft spiegelt. Der hohnlächelnde Potter jedenfalls treibt George Bailey in einer Stunde der Verzweiflung fast in den Selbstmord, als er ihm sagt, dass er "tot mehr wert als lebendig" sei. Nimmt man Baileys Lebensversicherung als Grundlage, wie der eiskalte Rechner Potter es tut - dann ist das finanztechnisch sogar völlig korrekt.

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