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Banken-Stresstest:Immerhin mal nachgeschaut

Skyline mit Reflektion

In den Frankfurter Bankentürmen fallen zahlreiche Überstunden an, wenn die Aufsicht die Bilanzen der Institute prüft. Kommende Woche werden die Ergebnisse veröffentlicht.

(Foto: Max Rumpenhorst/dpa)

Europas Banken stecken in einer Vertrauenskrise. Warum auch die Stresstests wohl keine Abhilfe schaffen werden.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Mehr Transparenz und endlich Vertrauen in die Stabilität von Europas Banken. Das war es, was man sich von dem regelmäßigen Bilanz-TÜV der großen europäischen Geldhäuser erhofft hatte. "Stresstest" heißt diese Mammutübung, bei der Europas Banken bereits seit 2009 alle zwei bis drei Jahre durchleuchtet werden. Etwa daraufhin, ob ihre Bilanzen standhalten, wenn zum Beispiel die Wirtschaft einbricht. Die Tests würden "das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Bankensektor stärken", versprach Vitor Constâncio, Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), als er vor knapp zwei Jahren die Ergebnisse des jüngsten europäischen Stresstests verkündete.

Wenn am Freitag kommender Woche um 22 Uhr die Ergebnisse des aktuellen Stresstests veröffentlich werden, werden sich viele in Europa fragen, ob die Bilanzprüfungen wirklich etwas gebracht haben. Hinken die Annahmen der Tests nicht vielmehr der Realität hinterher? Vor allem: Haben sie das Vertrauen in die Banken gestärkt oder muss nicht der Staat wieder einspringen? Für eine nachhaltige Erholung der europäischen Wirtschaft sind schließlich dringend starke Banken gefragt.

Die Bankenkrise in Italien könnte dazu führen, dass doch der Staat einspringen muss

Ob Europas Geldhäuser aber wirklich gesund sind, daran bestehen nicht nur unter Politikern und Notenbankern erhebliche Zweifel. Vor allem die Investoren scheinen das Vertrauen in Europas Institute verloren zu haben: So gab der Index europäischer Bank-Aktien binnen Jahresfrist ein Drittel nach, während sich die Kurse der US-Banken mehr oder weniger stabil hielten. Die Deutsche Bank ist an der Börse nur noch einen Bruchteil dessen wert, was sie an Eigenkapital in ihrer Bilanz stehen hat. Und in Italien schwelt obendrein seit Jahren eine ungelöste Bankenkrise, die nun wohl dazu führt, dass dortige Institute doch noch mit Staatshilfe gerettet werden. Das wollte man nach der Finanzkrise eigentlich ein für alle Mal vermeiden.

Trotzdem habe der Test eine Berechtigung, sagt ausgerechnet der Cheflobbyist der privaten Banken in Deutschland, Michael Kemmer: "Als Diagnose-Instrument waren gerade die Ergebnisse des Stresstests von 2014 durchaus erfolgreich". Daher sei es sinnvoll und wichtig, dass die Europäische Bankenaufsicht EBA auch weiter Stresstests anordne, "denn nach Gefahren für die Stabilität der Finanzmärkte muss regelmäßig gesucht werden". Berechtigte Kritik an den Annahmen des Tests - so fehlt zum Beispiel das Szenario, dass die Zinsen weiter ins Negative abrutschten - mache ihn nicht als Ganzes wertlos.

Tatsächlich waren 2014 gleich neun italienische Banken bei der Prüfung durchgefallen, mehr als in jedem anderen Land. Außerdem hatten Europas Banken ihre Kapitalreserven im Vorfeld des vorigen Tests um viele Milliarden Euro aufgestockt, waren dadurch immerhin sicherer geworden.

Im Fall der italienischen Banken jedoch folgte daraufhin nichts, jedenfalls nichts, was die dortige Misere nachhaltig verbesserte. Schon seit längerem ist bekannt, dass Italiens Institute auf ausfallgefährdeten Krediten von mehr als 360 Milliarden Euro sitzen. Anstatt aber wirklich damit aufzuräumen, kämpften sich die Institute von Krise zu Krise. Seit ein paar Monaten wirbt Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi sogar dafür, die Banken mit staatlichen Kapitalhilfen stärken zu dürfen.

Nun kritisieren viele, dass Italiens Häuser die Probleme verschleppt haben. "Die Aufsicht muss auch wirklich durchsetzen, dass die Banken ihre Bilanzen aufräumen", sagt Liane Buchholz, die als Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes Öffentlicher Banken (VÖB) unter anderem die Landesbanken vertritt. Von diesen mussten selbst einige staatlich gerettet werden, danach aber zwang die EU-Kommission sie, massiv zu schrumpfen.

"Die Aufsicht ist ohnehin im Dialog mit den Instituten und kennt deren Probleme."

Heute müsse man sich aber in der Tat fragen, ob der Test dauerhaft das geeignete Instrument sei, das Vertrauen zu verankern, sagt Buchholz. "Ob mit oder ohne Stresstest: die Aufsicht ist ohnehin im ständigen Dialog mit den Instituten und kennt deren Probleme". Der Stresstest werde daher auch in diesem Jahr nichts zeigen, was man nicht ohnehin schon wisse.

Von den neun deutschen Großbanken, die den Test durchlaufen müssen, sind offenbar keine Katastrophenmeldungen zu befürchten. Michael Kemmer vom Bankenverband jedenfalls rechnet durch die Veröffentlichung der Stresstest-Ergebnisse nicht mit "tief greifenden Verwerfungen bei einer deutschen Bank oder bei mehreren deutschen Banken".

Kapitallücken seien aus den Ergebnissen zudem nicht direkt abzuleiten: "Dieser Stresstest ist alleine, isoliert keine Determinante für zusätzlichen Kapitalbedarf", sagt Kemmer. Erst zum Jahresende stehe fest, ob die jeweilige Bank, auch im Rahmen der laufenden, individuellen Prüfung mehr Kapital vorhalten müsse. Auch Durchfaller wird es dieses Mal - anders als beim Test 2014 - nicht geben. Insgesamt hat die europäische Bankenaufsicht EBA die 51 wichtigsten Institute untersucht, darunter die Deutsche Bank. Auf Basis der Geschäftszahlen Ende 2015, wurden verschiedene Szenarien für 2016, 2017 und 2018 durchgespielt. Parallel dazu überprüfte die EZB gut 60 weitere Institute aus der Eurozone. Veröffentlicht werden soll jedoch nur der EBA-Teil. Diese Ergebnisse will die EZB, die seit November 2014 die zentrale Bankenaufsicht für den Euroraum ist, dann nur noch intern für die Überwachung der Häuser nutzen.

© SZ vom 21.07.2016

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