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Banken:Grabesruhe in der Filiale

04.04.2020,Berlin,Deutschland,GER,die Stadt in Zeiten der Corona Pandemie. Postbank Filiale in der Kissinger Str Bezirk

Rolladen runter: Immer mehr Bankfilialen in Deutschland schließen, auch bei der Postbank.

(Foto: Stefan Zeitz/imago images)

Jeder dritte Bundesbürger war seit mindestens einem Jahr nicht mehr in einer Bankfiliale, jeder siebzehnte noch nie. Nun sorgt die Corona-Pandemie zusätzlich für Stille in den Geschäftsstellen. Das wird dramatische Folgen haben.

Von Harald Freiberger

Schon wenige Wochen nach Ausbruch der Corona-Krise war für Walter Beller klar, dass das nichts mehr wird. Am 21. Mai ging der Chef der VR-Bank Werdenfels an die Öffentlichkeit: Er wisse, dass "wir dafür Prügel beziehen werden", sagte er, "aber die wirtschaftlichen Zwänge lassen uns keine Wahl". Sein Institut werde sechs Filialen, die man wegen der Pandemie habe schließen müssen, nie wieder öffnen. Sechs von 18 Zweigstellen, also jede dritte. Ohne die Corona-Krise, fügte Beller hinzu, hätten die Filialen noch einige Jahre weiter bestehen können.

Beller läutete damit eine neue Welle von Filialschließungen in Deutschland ein. Die Zahl der Niederlassungen sinkt seit Jahren, doch die Pandemie hat den Trend noch drastisch verschärft. Fast täglich kündigt seitdem eine Bank oder Sparkasse an, dass sie ihr Zweigstellennetz ausdünnt.

Eine Studie des Finanzportals Verivox, die der SZ vorliegt, zeigt nun auf, warum das so ist. Demnach ging die Zahl der Kundenbesuche in Bankfilialen in der Corona-Krise stark zurück, gleichzeitig erledigen viel mehr Bürger ihre Finanzgeschäfte online. Jeder Dritte der Befragten (35 Prozent) gab an, dass er vor mehr als einem Jahr das letzte Mal in seiner Bankfiliale war; jeder Siebzehnte (sechs Prozent) hat gar noch nie eine Geschäftsstelle von innen gesehen. Das dürften vor allem die Jüngeren der 1005 befragten Bundesbürger sein.

Dagegen erhielt das Online-Banking durch die Corona-Krise einen gewaltigen Schub: Jeder Vierte (26 Prozent) nutzt es heute häufiger als vor Ausbruch der Pandemie. Einer von vier Kunden (27 Prozent) loggt sich täglich ein, jeder Zweite (55 Prozent) mindestens einmal in der Woche.

Die Kreditinstitute bestätigen den Trend, wie eine Umfrage der SZ bei Bankenverbänden ergab. Während der ersten Kontaktbeschränkungen im März und April schlossen viele Geldhäuser einen Teil ihrer Filialen und verkürzten die Öffnungszeiten, gleichzeitig vermieden Kunden den persönlichen Kontakt. Die logische Folge war, dass das Online-Banking einen Aufschwung erlebte. Bei den Sparkassen in Bayern ließen sich von Mai bis Juli 50 000 Kunden neu dafür freischalten, bei den Volks- und Raiffeisenbanken in Bayern stieg der Anteil der Nutzer binnen eines Jahres von 54 auf 57 Prozent. Die Sparkassen im Verband Hessen-Thüringen erwarten, dass dieser Anteil bis 2025 von derzeit 55 auf 70 Prozent hochgehen wird.

Einsame Geldautomaten

Zudem hat die Corona-Krise dazu geführt, dass die Deutschen zunehmend bargeldlos bezahlen. Ein Grund dafür ist, dass der Einzelhandel die Entwicklung vorantreibt und die Kunden an der Kasse oft auffordert, die Karte zu zücken statt Münzen und Scheine. Der Sparkassenverband Niedersachsen registrierte in den Monaten nach Ausbruch der Corona-Krise erstmals mehr Umsatz mit Karten als mit Bargeld. Es gibt für Bankkunden deshalb auch immer seltener einen Grund, den Geldautomaten aufzusuchen.

Hat die stark beschleunigte Digitalisierung des Bankgeschäfts dazu geführt, dass den Kreditinstituten die Erträge und Gewinne wegbrechen? Das Gegenteil ist der Fall: Alle Verbände betonen, dass die Krise bei ihnen - im Gegensatz zu vielen anderen Branchen - keine Spuren hinterlassen habe. "Es gab keine Auswirkungen auf die Einnahmen, da unsere Institute weiter für die Kunden da waren", teilt der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) mit. Die Kreditvergabe an Unternehmen legte sogar deutlich zu, Bayerns Sparkassen berichten von einem Plus von 20 Prozent.

Selbst das Privatgeschäft lief gut: Die Deutschen ließen sich vom Börsencrash im März nicht abschrecken, sie nutzten die anschließende Erholung vielmehr, um in Fonds, Indexfonds (ETF) und Sparpläne zu investieren. Die rheinländischen Sparkassen registrierten deutliche Zuwächse in den Depots und bei der Wertpapierberatung. Die Hypo-Vereinsbank beziffert das Wachstum bei Fondssparplänen von Januar bis September auf 25 Prozent.

Die Corona-Krise lieferte Deutschlands Banken und Sparkassen damit eine wichtige Erkenntnis: Das Geschäft läuft weiter, auch wenn die Leute kaum mehr in die Filialen kommen. Kein Wunder, dass viele Geldhäuser daraus den Schluss ziehen, dass ein Teil ihrer Zweigstellen entbehrlich ist - und den Abbau nun beschleunigen.

Am stärksten fällt er bei der Commerzbank aus, die im August ankündigte, von ihren insgesamt 1000 Filialen jene 200 nicht mehr zu öffnen, die im Frühjahr wegen der Pandemie geschlossen worden waren; sie hätten eigentlich bis 2023 weiter bestehen sollen. Die Deutsche Bank plant, bis 2021 die Zahl ihrer Dependancen von 500 auf 400 zu senken und bei ihrer Tochter Postbank 50 Filialen zu schließen.

Immer weniger

Dazu fallen unzählige Zweigstellen von Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken weg. Eine Auswahl von Instituten, die das in den vergangenen Monaten verkündeten: Sparkasse Mainfranken (streicht 29 Filialen), Sparkasse Pforzheim-Calw (14), Sparkasse Schweinfurt-Haßberge (14), Sparkasse Saarbrücken (8), Sparkasse Südwestpfalz (8), Sparkasse Duisburg (7), Sparkasse Neunkirchen (7), Sparkasse Mittelfranken-Süd (5), Sparkasse Erding-Dorfen (4), VR-Bank Lahn-Dill (9), VR-Bank Bayreuth-Hof (8).

Manchmal berufen sich die Bankchefs dabei direkt auf die Corona-Krise, manchmal sagen sie, die Schließungen wären auch so gekommen. Sicher aber ist, dass sich der Prozess in den vergangenen Monaten stark beschleunigt hat. Fachleute gehen davon aus, dass die Zahl der seit Jahresanfang geschlossenen Zweigstellen inzwischen bei deutlich mehr als 1000 liegt. Im vergangenen Jahr fielen in Deutschland laut Bundesbank 1220 Niederlassungen weg, Ende 2019 gab es noch ganze 26 667. Zum Vergleich: 20 Jahre zuvor waren es noch 58 546 gewesen, mehr als doppelt so viele.

"Die Zahl der Filialen geht seit Jahren zurück, hier wird es noch einmal eine Beschleunigung geben", sagte Commerzbank-Chef Martin Zielke in seiner Funktion als Verbandschef der deutschen Privatbanken schon im Juni. Dabei betonen alle Verbände, dass sie an die Zukunft der Filiale glauben: Standardgeschäfte wie Überweisungen würden zwar zunehmend online erledigt, aber für Wertpapierberatung, Baufinanzierung und andere Kredite werde der persönliche Kontakt immer wichtig bleiben. Tendenziell stärken die Institute deshalb die Beratung und das Personal in den größeren Zweigstellen.

Die kleineren Filialen aber verschwinden. Die Beratungsgesellschaft Investors Marketing glaubt, dass allein durch die Corona-Krise bis 2025 zusätzlich 3500 Niederlassungen wegfallen werden, insgesamt werde ihre Zahl um 10 700 auf dann noch rund 16 000 zurückgehen. Die Beratungsgesellschaft Oliver Wyman blickt noch weiter in die Zukunft: Im Jahr 2030 werde jede zweite Bankfiliale in Deutschland verschwunden sein.

© SZ/hul
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