Augustinum:Tatort Altenheim

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Augustinum im Hasenbergl, Weitlstraße 66

Das Augustinum in München: Der Sozialkonzern hat viele Immobilien verkauft, in denen Senioren-Stifte untergebracht sind, und soll dabei betrogen worden sein.

(Foto: Florian Peljak)

Bei Immobiliendeals des Augustinums wurden Millionenbeträge abgezweigt. Die Vernehmung eines Mitbeschuldigten liest sich wie ein Geständnis.

Von Bernd Kastner und Klaus Ott

Noch gibt es nicht einmal eine Anklage, geschweige denn ein Gerichtsverfahren. Erst muss noch einiges ermittelt werden im Kriminalfall um merkwürdige Immobiliendeals beim gemeinnützigen Augustinum, dem führenden Betreiber von Senioren-Stiften in Deutschland. Aber Markus Rückert, evangelischer Pfarrer und Chef des kirchennahen Sozialkonzerns, ist sich sicher: Die Beschuldigten in dem Senioren-Krimi kommen vor den Kadi. Der "Beginn des Strafprozesses", notierte der Geistliche und Unternehmenslenker kürzlich in einem Rundschreiben an die verunsicherte Belegschaft, werde ein wichtiger Schritt für das Augustinum sein. Für Rückerts Einschätzung gibt es, angesichts der bisherigen Erkenntnisse der Münchner Staatsanwaltschaft, wohl gute Gründe. Nach Ansicht von Verfahrensbeteiligten ist es nur eine Frage der Zeit, bis eines Tages Anklage erhoben werde.

Zwei ehemalige Führungskräfte des Augustinums und drei Immobilien-Unternehmer sollen, als 14 der 23 Senioren-Stifte des Sozialkonzerns den Eigentümer wechselten, in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Die Staatsanwaltschaft geht dem Verdacht nach, das Quintett habe, teils mithilfe eines Bauunternehmers, bei den Immobiliendeals im Wert von 728 Millionen Euro mehr als 35 Millionen Euro für sich abgezweigt. Auf Kosten des Augustinums, das betrogen worden sei. Die Strafverfolger sind auf dubiose Vorgänge gestoßen, bei denen viel Geld verschoben wurde. Der Bauunternehmer hat bei einer Vernehmung eingeräumt, merkwürdige Rechnungen in Höhe von knapp fünf Millionen Euro gestellt zu haben. Es waren offenbar Scheinrechnungen, wie sie bei Wirtschaftsdelikten immer wieder vorkommen, um Geld beiseite zu schaffen. Die Vernehmung liest sich wie ein Geständnis.

Der Mann aus der Baubranche, gegen den unter anderem wegen Beihilfe zum Betrug ermittelt wird, war ein enger Vertrauter des schwäbischen Anwalts Artur Maccari gewesen. Maccari wiederum leitete bis zu seinem Tod Anfang 2014 den Aufsichtsrat des Augustinums. Maccari ist eine der Schlüsselfiguren in dem Stifts-Krimi. Der Anwalt hatte als Aufsichtsratschef die Aufgabe, für saubere Geschäfte in dem gemeinnützigen Konzern zu sorgen, der zum Diakonischen Werk der evangelischen Kirche gehört. Stattdessen soll Maccari sich an den Immobiliendeals bereichert haben; auch mit Unterstützung des ihm nahestehenden Bauunternehmers. Die Spur des Geldes wirkt eindeutig.

Arbeitsteilung: Der eine schickte die Honorarnote, der andere kassierte

Bei den Immobiliendeals waren, für Provisionen und andere Zwecke, hohe Beträge an eine Schweizer Firma geflossen. Ein Teil der Mittel landete bei zwei weiteren Firmen in der Schweiz. Und bei denen wiederum gingen nach und nach Rechnungen des Bauunternehmers aus Deutschland ein. Der hatte mit einer seiner Gesellschaften bei den Immobiliendeals angeblich Kontakte zum Augustinum vermittelt, Kreditverhandlungen koordiniert und Verträge vorbereitet. Die Gesellschaft des Bauunternehmers bat darum, das Honorar "für unsere" Leistungen auf ein Konto bei einer Bank in der Schweiz zu überweisen. Kontoinhaber: Artur Maccari.

Die Münchner Kriminalpolizei nahm den Mann aus dem Baugewerbe und Maccari-Vertrauten wegen der Rechnungen in Höhe von insgesamt 4 963 150 Euro bei einem Verhör ziemlich in die Zange. Der Beschuldigte gab zu, diese Honorarnoten auf Bitte von Maccari in die Schweiz geschickt zu haben. Wie hoch die Rechnungen ausfallen sollten, und was darin stehen solle, das habe ihm, dem Bauunternehmer, Maccari gesagt. Die Kriminalbeamten fragten den Mann aus der Baubranche auch, welche Leistungen er denn mit seiner Unternehmensgruppe für die zwei Schweizer Firmen erbracht habe. Die vielsagende Antwort des Beschuldigten: Es seien ihm "keine konkreten Leistungen" seinerseits erinnerlich. Aus Sicht der Ermittler waren es reine "Gefälligkeitsrechnungen", ohne jeglichen realen Hintergrund.

Der Bauunternehmer, eine schillernde Figur, hatte im Geschäftsleben schon öfters Pech gehabt. Aber er habe, so steht es im Vernehmungsprotokoll, in Maccari stets einen "verständnisvollen Gesprächspartner" gehabt, der ihm bei der Lösung seiner Probleme nahezu immer zur Seite gestanden sei. Das "absolute Vertrauensverhältnis" zu Maccari sei auch die Basis für die Rechnungen an die beiden Schweizer Firmen gewesen. Der Anwalt Maccari ist tot, für ihn sind irdische Gerichte nicht mehr zuständig.

Der Bauunternehmer sagte auf telefonische Anfrage der SZ, er sei mit seiner Vernehmung bei der Kriminalpolizei lediglich seiner "Pflicht als Staatsbürger" nachgekommen. Er habe überhaupt nichts zugegeben, er sei nicht verhaftet worden, für ihn gelte die Unschuldsvermutung. Detail-fragen der SZ zu den offenkundigen Scheinrechnungen mochte der Bauunternehmer nicht beantworten. Das Telefonat endete nach einigen Minuten. Bei der Kriminalpolizei war das Gespräch nicht so schnell beendet. Drei Stunden und 43 Minuten hat die für die Fahnder so ergiebige Vernehmung gedauert.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrug, Korruption oder Untreue beziehungsweise Beihilfe zu dem ein oder anderen Delikt gegen mindestens fünf Beschuldigte. Die bestreiten die Vorwürfe, und nicht überall sieht die Sachlage so eindeutig aus wie bei dem hilfsbereiten Vertrauten des verstorbenen Maccari. Doch Augustinum-Chef Rückert rechnet fest mit einer Anklage und einem Prozess. Er glaubt, mithilfe der Justiz und aus eigener Kraft die Krise des Sozialkonzerns am Ende "ordentlich überwinden" zu können.

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