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Audi:Ingolstädter Dialektik

Was die Ingenieure sagten und was sie dabei dachten. Einer, der dabei war, hat ein das Glossar darüber geschrieben. Es zeigt, wie der Konzern im Innersten tickte.

Martin Winterkorn

Alles möglichst akkurat: Martin Winterkorn war gefürchtet bei seinen Mitarbeitern als Chef des Volkswagen-Konzerns.

(Foto: Jochen Lübke/dpa)

Konzernabnahmefahrten waren stets ein herausragendes Ereignis im Volkswagen-Konzern unter der Leitung des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn. Dutzende Männer und Dutzende Autos wurden an abgelegene Orte gebracht, hoch im Norden, in Skandinavien oder irgendwo in Afrika. Und dann fuhren die Leute rasant herum, landeten auch schon mal in Schneewehen oder im Gebüsch. Das war gewollt: Alles mal so richtig ausfahren, austesten und das "Popometer" einsetzen, das war das Ziel der Veranstaltungen, die alle paar Monate abliefen. Auf Klemmbrettern wurden Pro- und Contra-Punkte notiert, bei den eigenen Fabrikaten oder der Konkurrenz.

Jeder, der seit langem an gehobener Position im Konzern arbeitet, kennt die Geschichten dazu. Hier wurde einmal rasch ein klemmender Aschenbecher moniert, dort veranlassten die Mächtigen die Installation eines rahmenlosen Rückspiegels, weil der besser gefällt, koste es was es wolle. Und dann gab es meist noch die Kreisfahrt: Mächtige Herren standen auf einem Hügelchen, angetan mit Hüten, drumherum fuhren die Wagen. Im gleißenden Sonnenlicht, so erzählte Winterkorn selbst einmal, sei ihm etwa aufgefallen, dass das Heck des neuen Beetle-Cabrio noch nicht perfekt gewesen sei. Die Nachbesserung sei etwas aufwändig gewesen. Man kann annehmen, dass er es weniger diplomatisch ausdrückte. Ein anderes Urteil von ihm: "Audi muss wieder aggressiver werden!" BMW löse das Versprechen von der "Freude am Fahren" konsequenter ein.

Viel Zeit war allerdings nie zum Nachbessern. Denn zwischen der Sofa, der Sommerabnahmefahrt und der Wifa, der Winterabnahmefahrt, lagen immer nur zwei, drei Wochen. Das Ziel der Entwickler, Designer und Ingenieure war deshalb: Möglichst ohne Blessuren rauskommen. Das zeigt sich auch in einem Papier, das im Zuge des Dieselskandals aufgetaucht ist. Ein Ingenieur der Tochterfirma Audi hat vor Jahren, weshalb auch immer, ein Glossar geschrieben, was die offiziellen Antworten bei solchen Abnahmefahrten übersetzt in ihre wahre Bedeutung. Manches mag vor allem lustig gemeint sein in diesem Dokument, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Aber wer die Dutzenden Einträge durchliest, erkennt unter welchem Druck die Mitarbeiter standen, wie sie Probleme abwälzten. Es zeigt das Denken, in dem auch die Manipulation von Abgasanlagen ihren Lauf nahm.

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