Arbeitslose Jugend:Deprimiert, nutzlos, entwürdigt

Guardian-Umfrage

Jugendarbeitslosigkeit in Europa

Mehr als drei Millionen junge Menschen sind in Europa ohne Job, in Krisenstaaten oft seit Jahren. Wie fühlt es sich an, wenn selbst eine hohe berufliche Qualifikation nichts ändert? Der "Guardian" hat in Zusammenarbeit mit der SZ und anderen europäischen Zeitungen junge Frauen und Männer gefragt.

Mit interaktiver Grafik

Die Jugendarbeitslosigkeit in Europa liegt seit Monaten auf Rekordniveau: Derzeit sind fast 24 Prozent der Menschen bis zum Alter von 25 Jahren arbeitslos gemeldet, die sich nicht in einer Ausbildung befinden oder studieren. Konkret heißt das: Mehr als 3,5 Millionen junge Menschen suchen einen Job. Jugendarbeitslosigkeit wird auch von der Politik als eines der drängendsten Probleme Europas betrachtet. Für diesen Mittwoch haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (beide CDU) alle Arbeitsminister sowie auch Staats- und Regierungschefs anderer EU-Staaten zum Gipfel nach Berlin geladen. Sie wollen diskutieren, wie das Problem bekämpft werden kann. Bereits vergangene Woche hatte die EU sechs Milliarden Euro für den Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit zugesagt.

Deutschland und sein Nachbar Österreich stehen im Vergleich noch am besten da, mit einer Arbeitslosenquote unter jungen Menschen von knapp acht beziehungsweise neun Prozent. Ganz anders sieht es in den südeuropäischen Staaten aus, in denen Schulden- und Bankenkrise sowie die als Reaktion verabschiedeten Sparprogramme voll durchschlagen. In Spanien, Griechenland und auch im EU-Neuling Kroatien sind mehr als 50 Prozent der Jugendlichen auf Arbeitssuche, in Italien 39 Prozent.

Schon die nackten Zahlen klingen furchtbar. Noch erschreckender ist jedoch, wie junge Menschen selbst ihre Lage empfinden.

"Ich suche nach irgendeiner Arbeit. Ich bin seit 2007 arbeitslos. Ich bin deprimiert und fühle mich nutzlos in der Gesellschaft. Ich habe Angst, denn es scheint immer nur noch schlimmer zu werden und ich verliere die Hoffnung."

So hat die 28-jährige Italienerin Laura ihre Lage in einem Projekt beschrieben, das die britische Zeitung Guardian in Zusammenarbeit mit der Süddeutschen Zeitung und anderen europäischen Medien durchgeführt hat. In dem Projekt waren junge Menschen aufgerufen worden, von ihren Erfahrungen mit der Jobsuche, Arbeitslosigkeit oder prekären Beschäftigungen zu berichten. Ein 23-jähriger Brite, der seinen Namen nicht nennt, schreibt, er fände die "ganze Erfahrung entwürdigend".

Das Ergebnis: Etwa 150 junge Frauen und Männer schilderten ihre - oft desolate - Lage. Besonders viele Stimmen kamen aus Großbritannien (59), dem Krisenland Spanien (40) und Italien (14), aber auch aus Deutschland (10). Sie machen deutlich, was junge Arbeitslose bewegt.

Mangelnde Arbeitserfahrung: Ein großer Nachteil bei Bewerbungen ist die fehlende berufliche Erfahrung. Der 25-jährige Spanier Ignacio, studierter Betriebswirtschaftler, beschreibt das Problem:

Spanish nurses Maria Jose Marin and her twin sister Maria Teresa, speak to an advisor at an immigration office in The Hague

Oft hilft nur der Gang ins Ausland: Zwei spanische Krankenschwestern emigrieren in die Niederlande.

(Foto: Marcelo del Pozo/REUTERS)

"Ich habe nicht viel Arbeitserfahrung und keine Firma gibt mir die Möglichkeit zu lernen und diese Erfahrungen zu bekommen. Sogar für unbezahlte Jobs muss man ein bis zwei Jahre Arbeitserfahrung ausweisen."

Und wie sollen die potenziellen Job-Einsteiger überhaupt zum Zuge kommen, wenn "sogar Praktika vorherige Arbeitserfahrung voraussetzen", wie zum Beispiel die 31-Jährige Anna aus Großbritannien moniert.

Prekäre Beschäftigung: Selbst Arbeitserfahrung führt aber oft nicht zu regulären Jobs - vor allem nicht in den südeuropäischen Staaten. Viele junge Frauen und Männer hangeln sich von Praktikum zu Praktikum, nehmen schlechte oder gleich völlig unbezahlte Jobs an. So schreibt eine 30-jährige Griechin, die ihren Namen nicht nennt:

"Ich 'arbeite' im Moment als Übersetzerin/Journalistin bei einer Zeitung in Griechenland, aber ich wurde sechs Monate lang nicht bezahlt, auch einen Arbeitsvertrag habe ich nicht."

Hohe Qualifikation ist keine Jobgarantie mehr: Ein Studium, eine gute Ausbildung, Sprachkenntnisse - das waren früher Garanten für den beruflichen Ein- oder Aufstieg. heute bleiben sie oft völlig wirkungslos. Die jungen Menschen nehmen sich als machtlos war und fürchten sich vor der Zukunft. Wie Juan, 25 Jahre, aus Spanien:

"Ich habe getan, was die Gesellschaft mir gesagt hat: (...) Ich habe studiert, ich war der Beste, aber jetzt? Nichts. (...) Ich habe wirklich Angst."

Entkoppelung von Wirtschaftslage und Arbeitsmarkt: Das persönliche Bemühen stößt an äußere Grenzen. Oft gibt es schlicht keine offenen Stellen. Schon gar keine, die den Qualikationen der Bewerber entsprechen, wie flexibel diese sich auch immer zeigen mögen. Das betrifft vor allem Griechen, Spanier oder Italiener, aber auch junge Menschen in Ländern, in denen die Wirtschaft floriert. So findet ein 26-jähriger Deutscher:

"Die Jobsuche ist in Deutschland besonders frustrierend, weil die Nachrichten immer hervorheben, wie hervorragend es der Wirtschaft geht, während zugleich keiner meiner Freunde (alle mit mindestens einem Universitätsabschluss) einen angemessen bezahlten Job oder überhaupt einen Job finden konnte."

In den Staaten, in denen die Arbeitslosenquoten niedriger liegen, klingen die Statements allerdings meist nicht ganz so düster wie aus den südeuropäischen Ländern. Wer mit Mitte 20 aus finanzieller Not zurück zu den Eltern ziehen muss, wie Spanier und Italiener berichten, der tut sich schwer damit, einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft zu werfen. Oft erscheint der Gang ins Ausland einigen als das letzte Mittel, um der desolaten Situation zu entfliehen. Aber gerne treten ihn die jungen Menschen meist nicht an.

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