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AKW:Besuch im Zwischenlager

Demontage des AKW Lubmin vor Abschluss

Das Kernkraftwerk in Lubmin bei Greifswald wurde 1990 abgeschaltet.

(Foto: Bernd Wüstneck/dpa)

Umweltministerin Hendricks inspiziert in Greifswald den deutschen Atomausstieg, samt all seiner Probleme. Davon gibt es eine Menge.

Das Ende von "Bruno Leuschner" muss durch eine schmale Kammer, Stück für Stück. Hinter dicken Glasscheiben zerlegt dort ein Arbeiter mit dem Schweißbrenner, was andere Arbeiter mal mühevoll zusammengeschweißt haben. Ganze Kühlkreisläufe kommen hier in handliches Format, bereit zur Dekontamination: Die Reste des Atomkomplexes "Bruno Leuschner", des größten Atomkraftwerks der DDR. "Was wir hier machen, ist Pionierarbeit", sagt Henry B. Cordes, Chef der bundeseigenen Energiewerke Nord (EWN). Barbara Hendricks lauscht interessiert. Die Umweltministerin ist schließlich auch für Reaktorsicherheit zuständig, mithin auch für die Sicherheit von deren Ende. Und da bietet ein Besuch in Greifswald allerlei Anschauungsmaterial.

"Bruno Leuschner" ist wie das Spiegelbild all ihrer Probleme. Sein Schicksal ähnelt dem jener westdeutscher Reaktoren, die nach dem Atomunglück in Fukushima plötzlich vor dem Aus standen - auch in dem AKW bei Lubmin kam das Ende über Nacht. Nur begann dieses Ende hier, gleich gegenüber der Insel Rügen, 20 Jahre früher. Seither wurden neue Hallen gebaut, um dort die verstrahlten Reste unterzubringen, es wurden Maschinen auseinandergeschraubt, zerlegt, auf Strahlen untersucht. Das alles unter den Bedingungen des Strahlenschutzes - für jede Zigarettenpause, jeden Kaffee müssen die Arbeiter durch eine doppelte Schleuse. Dort zählt eine elektronische Frauenstimme die Sekunden runter, bis die Messung fertig ist. Von zwanzig bis null. Er wünschte, sagt Cordes, manches könnte schneller gehen. Aber Strahlenschutz ist Strahlenschutz.

So werden sich am Ende zwei, vielleicht sogar drei Generationen mit "Bruno Leuschner" befasst haben. Anfang der Siebzigerjahre bauten DDR-Ingenieure es auf, Mitte der Neunziger begannen teils dieselben Ingenieure, es wieder abzubauen. Bis Ende der Zwanzigerjahre soll es verschwunden sein - wenn alles gut läuft. Denn die größten Brocken warten noch: in Halle sieben des Zwischenlagers. Dort liegen insgesamt sechs Reaktordruckbehälter, fünf aus Greifswald, einer aus dem anderen DDR-Atomkraftwerk Rheinsberg. Einst fand in diesen riesenhaften Stahlbehältern die eigentliche Kernspaltung statt, entsprechend stark sind sie verstrahlt. Eine eigene Zerlegehalle soll dafür bald entstehen. Auch das Pionierarbeit.

"Es nutzt nichts, wenn ihr mich mit Tomaten bewerft"

Wie die vielen Druckbehälter der übrigen 17 AKWs dereinst zerlegt werden sollen, weiß derzeit kein Mensch. Der Rückbau läuft gerade erst an. Selbst die Finanzierung scheint unsicher: Noch muss die Bundesregierung klären, wie sie die Rückstellungen der Stromkonzerne sichern will. Eine erste Gesetzesänderung soll nächsten Monat verhindern, dass sich Konzerne wie Eon nicht durch die Abspaltung ihres Atomgeschäfts der Haftung entledigen.

Das nächste Problem lauert in "Bruno Leuschner" gleich nebenan, in Halle 8 des Zwischenlagers: 74 Castoren mit abgebrannten Brennelementen. Irgendwann sollen sie unter der Erde landen. Nur wo? Eine Kommission sucht seit vorigem Jahr nach einer Lösung, Mitte 2016 soll sie ihren Abschlussbericht vorlegen - samt Vorschlägen, in welchen Regionen und welchem Gestein der Atommüll am besten aufgehoben wäre. "Dann werde ich vermutlich zur unbeliebtesten Frau der Republik", sagt SPD-Frau Hendricks. Schließlich müsse sie fortan verhindern, dass potenzielle Standorte für unterirdische Endlager durchlöchert werden, und sei es durch Geothermiebohrungen. Dann wären sie unbrauchbar. "Niemand hat das Endlager gerne, aber es wird eins geben müssen." Einen ersten Kommunikationsplan gibt es schon, von Ostern an will Hendricks die Republik darauf vorbereiten, dass demnächst erste Regionen benannt werden. Da müsse sie eben durch, sagt die Ministerin. Eine der Botschaften: "Es nutzt nichts, wenn ihr mich mit Tomaten bewerft."

Bliebe noch der restliche Atommüll, in Lubmin ist das etwa der verstrahlte Schutt. Dafür entsteht in Salzgitter das Endlager Schacht Konrad, doch die Fertigstellung verzögert sich Jahr um Jahr. "Das ist ein harter Showstopper für den ganzen Rückbau", sagt EWN-Chef Cordes. 2022 soll Konrad nun fertig werden - aber solche Termine waren in der Vergangenheit so verlässlich wie die des Hauptstadtflughafens BER. "Wir werden in dieser Legislaturperiode vorantreiben, was wir vorantreiben können", sagt Hendricks. Feste Zusagen klingen anders.

Zumal das nächste Problem sich in Schacht Konrad schon anbahnt. Erst kürzlich hatte der Bund seine Prognose für den Atommüll massiv angehoben - schon wegen der Abfälle, die aus dem maroden Endlager Asse II geborgen werden sollen. Um diesen Müll nicht noch zusätzlich Schacht Konrad aufzuhalsen, sollte er zusammen mit den Castoren in jenem Endlager landen, das derzeit noch gesucht wird. Die Endlagerkommission solle das bei ihrer Suche berücksichtigen, hatte Hendricks vor zwei Wochen gefordert. Doch die Experten der Kommission winken ab. Die Planänderung erschwere die Suche, zu viele Fragen seien unklar, beschieden sie dieser Tage. Man suche weiterhin einzig ein Endlager für den Müll der Castoren. Ende: offen.

Wie bei allen Fragen rund um den praktizierten Atomausstieg. Inzwischen pilgern ganze Ingenieurs-Delegationen aus China und Südkorea nach Lubmin. "Die wollen wissen, was sie beim Neubau von Kernkraftwerken beachten müssen", sagt Cordes. "Damit der Rückbau später möglichst glatt läuft."