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Ägypten:Land der ungenutzten Möglichkeiten

Finanzieren im Mittelstand

Verantwortlich: Peter Fahrenholz Redaktion: Katharina Wetzel Illustrationen: Stefan Dimitrov Anzeigen: Jürgen Maukner

Ägypten ist Deutschlands größter Exportmarkt in Afrika. Neue Entwicklungsprogramme sollen kleinen und mittleren Betrieben zusätzliche Geschäftsfelder eröffnen. Trotzdem zögert der Mittelstand.

Eine Autofahrt in Ägyptens Hauptstadt Kairo kann einen in den Wahnsinn treiben. Ein Fußmarsch ist in dem Millionenmoloch nicht selten die schnellere Alternative, weil Busse, Autos und Lastwagen die Straßen verstopfen. Schlimmer noch ist, dass bis zu 25 000 Menschen im Jahr vorläufig an den Folgen der Luftverschmutzung sterben. Kairo leidet unter einem massiven Verkehrsproblem. Doch immerhin bietet jede Krise auch Chancen. Die Regierung hat die Entwicklung der Infrastruktur zu einer ihrer Prioritäten erklärt, um noch größere gesundheitliche Schäden in der Bevölkerung zu verhindern und um den Handel zu beschleunigen. Denn nicht nur Privatfahrzeuge oder Taxis stehen im Stau, auch all die Lieferanten, Handwerker und Dienstleister, die benötigt werden, um einer Volkswirtschaft Beine zu machen.

Die Zahl der Metrolinien sollen von zwei auf sechs erhöht werden in den kommenden vier Jahren. Hochgeschwindigkeitsstrecken für die Eisenbahn von der Hauptstadt nach Alexandria am Mittelmeer und weitere Verbindungen sind geplant. Fast 3500 Kilometer neue Straßen sollen landesweit entstehen. Und 45 Kilometer östlich von Kairo könnte gar eine neue Stadt gebaut werden für Millionen Bewohner, um dorthin große Teile der staatlichen Verwaltung zu verlagern. Die Pläne existieren, die Verhandlungen mit Investoren laufen.

Das Investitionsvolumen der ägyptischen Umtriebigkeit würde mehrere zehn Milliarden US-Dollar betragen, sollten alle Projekte realisiert werden.

An einem großen Teil davon sind bereits chinesische Unternehmen stark interessiert, aber neue Chancen bieten sich auch noch den Unternehmen aus Deutschland, vor allem kleinen und mittelständischen Betrieben, die mit ihren Technologien und ihrem Know-how gefragt sind. Mehr noch bilden 97 Millionen Einwohner einen riesigen Konsumentenmarkt. Nicht zufällig ist das Land der Pharaonen jetzt schon Deutschlands größter Absatzmarkt in Afrika. Die Bundesregierung scheint optimistisch zu sein, was die politische und wirtschaftliche Stabilität im Land angeht. Das Volumen der staatlich gesicherten Hermesdeckungen an Exporteure nach Ägypten stieg im ersten Halbjahr 2018 von 80 auf 420 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Doch das Gesamtpotenzial für deutsche Firmen ist nicht ansatzweise ausgeschöpft.

"Warum?" Farouk Hamed ist ägyptischer Unternehmer. Er sitzt vor einem Stück gegrilltem Rindfleisch und denkt über die Frage nach. Einige Jahre hat er in Deutschland und Dänemark im Vertrieb einer Lebensmittelfirma gearbeitet. Heute importiert seine Oni Foods Overseas SL selbständig Meeresfrüchte und Fisch aus Europa in zahlreiche Märkte Afrikas. "Es ist unglaublich ermüdend, als kleines Unternehmen aus dem Ausland in Ägypten Geschäfte zu machen. Der bürokratische Aufwand und die Suche nach guten Mitarbeitern verschlingt Unmengen Zeit. Und erwarte nicht, dass dir irgendeine Bank in Ägypten bei den Plänen helfen würde", sagt Hamed.

Er weiß, wovon er spricht. Anfang Juli eröffnete er mit seinem spanischen Geschäftspartner eine Tochterfirma für Import und Vertrieb in Kairo. Rund 50 000 Euro kostete sie der bürokratische Aufwand. Die Hälfte davon strich die Regierung ein als Pfand. Als Unternehmer mit Wohnsitz in Europa wurde Hameds Hintergrund besonders genau unter die Lupe genommen. Mehrere Banken lehnten es sogar ab, ein Firmenkonto einzurichten. Als ein Institut gefunden war, zog sich der Prozess der Kontoeröffnung über mehrere Monate. Die Zentralbank, die örtliche Polizei und Ägyptens Auslandsvertretung waren aus Sicherheitsgründen und Angst vor ausländischer Terrorfinanzierung in den Prozess involviert. Ehe die Firma beginnen konnte, Geld zu verdienen, waren schon große Summen ausgegeben.

Solche Szenarien schrecken deutsche Mittelständler vielleicht nicht grundsätzlich ab, aber unter bestimmten Bedingungen, die zurzeit vorherrschen, schon. "Dem deutschen Mittelstand geht es zurzeit sehr gut. Seine Auftragsbücher sind voll. Da spürt man nicht den Druck, unbedingt nach neuen Märkten zu suchen", sagt Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, eines branchenübergreifenden Außenwirtschaftsverbands deutscher Unternehmen und Institutionen. Problematisch sei zudem, dass vielen Mittelständlern beim Gedanken an Afrika Hungerkatastrophen und Bürgerkriege in den Sinn kommen. "Da fehlt es dann oft an ausreichendem Wissen über die aktuellen Entwicklungen", sagt Liebing. Während Mercedes-Benz, VW, Bosch oder Bayer mit neuen Produktionsstätten, Gesellschaftsgründungen und neuen Büros auf dem Kontinent weiter expandieren, bleiben kleine Unternehmen vorsichtig.

Eine positive Atmosphäre für Auslandsinvestitionen kann sich nur schwer entwickeln

Im Fall Ägypten vielleicht nicht zu Unrecht, weil die Entwicklung seit 2011 mit dem Sturz von Diktator Mubarak auch von Gewalt und wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt war. Bis heute warnt das Auswärtige Amt vor Terroranschlägen im Land. Das politische Klima wird unter dem neuen Präsidenten al-Sisi immer autoritärer. Im November 2016 wurde das ägyptische Pfund entwertet. Preise für Grundnahrungsmittel und Medikamente haben sich verdoppelt. Und das jahrelange Tauziehen um die Macht im Land hat zudem in staatlichen Institutionen seine Spuren hinterlassen. Deutsche Unternehmer klagen beispielsweise, dass in der ägyptischen Botschaft in Berlin die politische und die wirtschaftliche Abteilung nicht miteinander reden, weil man sich nicht grün ist. So kann sich eine positive Atmosphäre für Auslandsinvestitionen nur schwer entwickeln.

Etwas Erleichterung verschaffte zumindest die teilweise Lockerung der Devisenkontrolle. Das heißt, verdientes Geld kann leichter ins Ausland transferiert werden. Das hängt auch davon ab, in welcher Branche man sein Geld verdient. Wer dem Land lebensnotwendige Produkte liefert, hat es leichter als jemand, der Luxuswaren einführt. Seit Ende vergangenen Jahres lockt zudem ein neues Investitionsgesetz mit Steuervergünstigungen. Doch Unternehmer Hamed weiß auch: "Die Vorschriften können sich in Ägypten jeden Tag von jetzt auf gleich ändern, ohne dass du vorher ein Zeitfenster bekommst, um dich darauf vorzubereiten."

Beim Bau eines Solarparks in der südwestlichen Provinz Assuan, der einmal der größte der Welt werden soll, kam die Regierung internationalen Anbietern entgegen. Sie erhöhte nicht nur die Einspeisevergütung für den Strom, sondern akzeptierte auch eine internationale Schlichtungsstelle. 18 ausländische Firmen lockten die attraktiveren Bedingungen in eine Auktion um den Zuschlag für den Bau von Teilbereichen des Projekts. Der Berliner Solaranlagenbauer Ib Vogt baut vier von 41 Solarfeldern. Das erste ging bereits Ende 2017 ans Netz und versorgt jetzt rund 20 000 Haushalte. Im kommenden Jahr soll der Park komplett fertiggestellt werden. Für ihre Entscheidungen einer internationalen Ausschreibung und für einen höheren Tarif erhielten die Ägypter viel Lob auch von deutscher Seite.

© SZ vom 06.09.2018
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