Abgasaffäre Europäische VW-Fahrer sind Kunden zweiter Klasse

Im Gegensatz zu VW-Fahrern in den USA sind die Europäer Kunden zweiter Klasse - sie werden deutlich schlechter behandelt.

(Foto: Bloomberg)

In den USA hat VW in der Abgas-Affäre eine Einigung gefunden. Doch in Europa kommen die Kunden zu kurz.

Kommentar von Thomas Fromm

Volkswagen würde nichts lieber tun, als die Affäre um manipulierte Abgasmessungen bei Dieselautos von heute auf morgen abzuhaken. Zukunft statt Vergangenheit, Elektroautos statt Diesel. Der Vergleich mit den US-Behörden kostet zwar fast 15 Milliarden Dollar, also über 13 Milliarden Euro, aber in Wolfsburg sieht man die Einigung als ersten Schritt in Richtung Normalität. Denn von sämtlichen Straf- und Schadensersatzforderungen, von denen VW überzogen wird, gilt die US-Front als härtester Brocken.

Die Einigung löst ein Problem, aber schafft gleichzeitig ein neues. Der Konzern sitzt nun in der Falle, weil er seinen Kunden im Rest der Welt erklären muss, warum Amerikaner besser behandelt werden als sie selbst. Für europäische Kunden, die jahrelang mit einer Manipulations-Software im Motor herumfahren mussten, ist das der nächste Schlag. Denn von den vielen Milliarden, die VW in den USA zahlen muss, gehen rund zehn an die Besitzer der betroffenen 480 000 Dieselfahrzeuge - 5000 bis 10 000 Dollar Entschädigung will das Unternehmen jedem Kunden zahlen. Zu Recht fordern deutsche und europäische Kunden nun eine Gleichbehandlung, die VW mit dem Verweis auf unterschiedliche Rechtssysteme ablehnt.

Die Einigung in den USA schafft Verdruss in Deutschland

Großzügige Entschädigungen hier, nur ein bezahlter Werkstattbesuch mit Software-Update da - das dürfte den Kunden in Deutschland schwerer zu verkaufen sein als ein Zwei-Liter-Diesel aus dem Jahre 2010. Die Käufer, deren Anwälte und auch die EU-Industriekommissarin Elżbieta Bieńkowska laufen deshalb Sturm gegen die Ungleichbehandlung.

Hinter dem juristischen Manöver aus Wolfsburg steht eine ganz einfache Rechnung. Weltweit sind elf Millionen Diesel-Fahrzeuge betroffen, allein in Deutschland 2,4 Millionen. Übertrüge man das US-Modell allein auf Deutschland, wäre man sehr schnell bei anderen Summen als in den USA. Bereits der dort jetzt ausgehandelte Vergleich zehrt die für den Skandal beiseitegelegten 16 Milliarden Euro fast auf. Entschädigungen für Millionen Kunden nach dem Vorbild der USA aber dürften VW finanziell das Genick brechen.

Das Dilemma: Bleibt VW bei seiner harten Position, wird man für die Menschen in Deutschland und Europa auf lange Zeit jener Konzern sein, der zwischen Kunden erster und zweiter Klasse unterscheidet. Das ist gefährlich, denn ein langjähriger Vertrauensverlust könnte VW am Ende teurer zu stehen kommen als Sammelklagen und Vergleiche.

In ihren Marketingkampagnen zeichnen die VW-Strategen gerne das Bild eines kundennahen Unternehmens. Sie zeigen Bilder glücklicher Kleinfamilien mit ihren Autos - als blechgewordene Familienmitglieder sozusagen. Es sind nostalgisch aufgeladene Werbespots, wie sie alle Hersteller gerne von sich zeigen. Bei VW aber haben gefühlige Botschaften gerade in diesen Zeiten eine besondere Bedeutung. Sie können für die Kunden, die schon lange zur Familie gehören, schnell in Realsatire umschlagen.

VW VW zahlt in den USA bis zu 15 Milliarden Dollar im Abgasskandal
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