Zum 1. Mai:Mittelschicht in Gefahr

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Was also tun? Ich bin der festen Überzeugung, dass wir das gegenwärtige globale Wachstumsmodell verändern müssen. Sicher, es ist ein Modell, das einen gewaltigen Reichtum geschaffen hat, aber dieser Reichtum konzentriert sich in den Händen sehr weniger. Anders, als man uns glauben machen wollte, führte es nicht zu einem sozial ausgewogenen Wachstum. Daran ist es gescheitert.

Treffen der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf - Somavia

Juan Somavía, Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation.

(Foto: dpa)

Was wir brauchen ist eine neue, andere Art von Wachstum, umweltbewusst und mit dem Menschen im Mittelpunkt. Das heißt ein Wachstumsmodell, dessen Hauptziel es ist, Wohlstand und Wohlergehen aller (!) Menschen zu mehren und Ungleichheit zu mindern; ein Modell, das seinen Erfolg an der Schaffung guter, qualitativ hochwertiger, menschenwürdiger Arbeit bemisst - statt an purem BIP-Wachstum.

Dazu gehört auch: Das Finanzsystem muss der Realwirtschaft dienen - statt mit dem Geld anderer Leute zu spielen. Banken müssen zu ihrer ursprünglichen, wertvollen Aufgabe zurückfinden, Unternehmen mit Krediten zu versorgen, damit diese investieren und Arbeitsplätze schaffen können. Beschäftigungs-, Sozial- und Umweltpolitik müssen den gleichen Stellenwert haben wie Finanz- und Wirtschaftspolitik. Das alles ist heute nicht der Fall.

Eine neue Ära sozialer Gerchtigkeit

Die Glaubenssätze des sogenannten "Washingtoner Konsenses", wonach gute, qualitativ hochwertige Jobs, soziale Absicherung und Arbeitnehmerrechte nichts als Wettbewerbsnachteile seien, haben sich als falsch erwiesen. Tatsache ist, dass die Länder, die nachhaltig in soziale Sicherheit, Bildung und Ausbildung investierten, ein stabileres Wachstum als andere aufweisen. Mehr noch: Viele sind dadurch wettbewerbsfähiger geworden und erholen sich schneller von der Krise als diejenigen Länder, die sich für einen rigiden Sparkurs entschieden haben.

Wir müssen hin zu einer Globalisierung, die fairer, grüner und nachhaltiger ist. Eine Globalisierung, die dem Streben der Menschen nach einem anständigen und würdigen Leben gerecht wird. Dazu gehört auch der Zugang zu anständig bezahlten Arbeitsplätzen und der Respekt vor Arbeitnehmerrechten. Genau auf diese Weise konnte in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten eine Mittelschicht entstehen. Und genau aus diesen Gründen ist jetzt vielerorts die Mittelschicht in Gefahr, dort, wo es ihr immer schwerer gemacht wird, gute, menschenwürdige Arbeit zu finden und einen Absturz in die Armut zu vermeiden.

Diese Sorge betrifft alle Länder, kein Land und keine Region kann sie alleine lösen. Daher brauchen wir eine neue Ära sozialer Gerechtigkeit, Kooperation, Dialog und vor allem: die Bereitschaft zu handeln und politische Führung - orientiert an menschlichen Grundwerten, wie dem Respekt vor der Würde der Arbeit und der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

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