USA:Held in Turnschuhen

Lesezeit: 5 min

Jetzt werden Sneakers verbrannt - weil Nike mit einem Sportler wirbt, der sich mit Trump angelegt hat.

Von Jürgen Schmieder und Jan Stremmel

San Francisco 49ers v Los Angeles Rams

Colin Kaepernick (hinten Mitte) und zwei seiner Mitspieler knien 2016 vor einem Spiel der San Francisco 49ers beim Singen der Nationalhymne. Kurz nach diesem Spiel endete sein Vertrag. Seither hat er keinen neuen Verein gefunden.

(Foto: Michael Zagaris/Getty Images)

Bis Anfang dieser Woche war nicht bekannt, dass Mahmud Ahmadinedschad sich für American Football interessiert. Aber am Montagabend schien dem iranischen Präsidenten a.D. die Zeit gekommen, sich zu äußern. "Die NFL-Saison startet diese Woche", twitterte er, "leider hat @Kaepernick7 immer noch kein Team. Obwohl er einer der besten Quarterbacks der Liga ist." Gemeint war Colin Kaepernick, der derzeit umstrittenste Sportler der USA. Vor zwei Jahren begann er, aus Protest gegen Rassismus auf ein Knie zu gehen, wenn vor Spielen die Nationalhymne ertönte. Schnell wurde er zur Symbolfigur für die Spaltung Amerikas.

Dass Ahmadinedschad wirklich die beliebteste Sportart seines Erzfeindes verfolgt, ist allerdings eher unwahrscheinlich. Denn das Timing des Tweets war kein Zufall: Er kam am selben Tag, an dem Nike eine neue Kampagne mit Colin Kaepernick präsentierte.

Es ist schier unglaublich, in welcher Dimension seit dieser Woche über die Werbekampagne des Sportartikelherstellers diskutiert wird. Die ganze Sache ist höchst politisch: Kaepernick hat mit seinem Kniefall die NFL in eine Krise gestürzt. Er hat Donald Trump dazu gebracht, Dutzende solidarische Footballspieler öffentlich als "Hurensöhne" zu bezeichnen. Und nebenbei hat er seine eigene Karriere gegen die Wand gefahren. Sein Verein San Francisco 49ers trennte sich von ihm, seitdem findet der 30-Jährige keinen Verein mehr. Der Claim der Kampagne lautet deshalb: "Glaube an etwas. Auch wenn es bedeutet, alles zu opfern."

Colin Kaepernick appears as a face of Nike Inc advertisement marking the 30th anniversary of its 'Just Do It' slogan

„Glaube an etwas. Auch wenn es bedeutet, alles zu opfern.“ So lautet der Claim der aktuellen Nike-Kampagne.

(Foto: Nike)

Der Spruch ist nicht sehr originell, aber seine Wirkung hätte nicht größer sein können: Wütende Amerikaner schnitten als Reaktion darauf das Nike-Logo aus ihren Sportsocken, andere zündeten ihre Turnschuhe an. Ihre Begründung: Nike unterstütze einen Verräter, der mit seinem Kniefall die US-Hymne, die Flagge oder gleich alle im Kampf um die Freiheit gefallenen Soldaten verhöhne. Auf Twitter rangierte der Hashtag #Nikeboycott die ganze Woche ganz oben. Die Aktie des Sportartikelherstellers sank, zumindest kurzfristig. Allerdings verkündeten auch nicht wenige Menschen, sie würden sich für den nächsten Marathon auf der Stelle ein Paar Schuhe mit dem weltbekannten "Swoosh" besorgen.

Jenseits der bizarren Reaktionen auf diesen Werbe-Scoop stellt sich also die Frage: Ist Nike lebensmüde - wie Donald Trump am Mittwoch twitterte, weil die Marke sich damit selbst in den Ruin treibe? Oder handelt der Konzern nach der Marketing-Maxime, wonach die Aufmerksamkeit in der langfristigen Wirkung mehr wert ist als der aktuelle Börsenkurs? Oder, dritte Option, ist Nike einfach mutig?

Mut zeigte zunächst Colin Kaepernick selbst. Er gilt als einer der talentiertesten Quarterbacks seiner Generation und hat seine Karriere tatsächlich geopfert, um ein Zeichen zu setzen gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt. Er hatte zuletzt nicht die beste Saison seiner Karriere, aber es gilt doch als sicher, dass die NFL-Clubs sich haben einschüchtern lassen von Trump. Die NFL hat eine Regel verabschiedet, die das Niederknien während der Hymne verbietet, seitdem bleiben protestierende Sportler in der Kabine, wenn draußen gesungen wird. Das Time-Magazin wählte Kaepernick im vergangenen Jahr zu einer der "Personen des Jahres" - er sei der erste Sportstar seit dem Vietnamkrieg, der wegen seiner Überzeugungen seine Karriere aufgegeben habe.

Golden State Warriors v Atlanta Hawks

Auch der NBA-Star Stephen Curry wirbt für eine Sportmarke.

(Foto: Kevin C. Cox/AFP)

Sport und seine Protagonisten werden in den USA schon immer politisch gesehen, gerade im Kampf gegen Rassismus. Muhammad Ali verweigerte den Kriegsdienst und verlor seine drei vermutlich besten Jahre als Boxer, weil er keine Kämpfe mehr bekam. Jackie Robinson, der erste Afroamerikaner im Baseball, wurde vom Präsidenten persönlich gebeten, gegen den Rassismus in seiner Sportart anzutreten. In den Talkshows der Sportsender wird Kaepernicks Abschied vom aktiven Football deshalb auch eher als Aufstieg in eine neue Sphäre der Bedeutung gefeiert: Aus dem Quarterback werde nun eine internationale Symbolfigur wie Ali oder Robinson.

Hätte man sich eine ähnliche Diskussion nicht eigentlich auch in Deutschland gewünscht, als Mesut Özil angefeindet wurde, niemand beim DFB irgendein vernünftiges Statement zusammenbrachte und nicht mal ein lauwarmer Tweet von Teamkollegen kam? Ganz zu schweigen von demonstrativer Unterstützung durch Sponsoren. Stattdessen verschanzte man sich zumindest anfangs hinter der Doktrin, Sport sei Sport und Profisportler hätten sich deshalb politisch neutral zu verhalten.

Auch in den USA sind aber nicht alle Sportarten gleich politisiert. Eishockey und Baseball sind mit überwiegend hellhäutigen Spielern traditionell "weiße" Sportarten, Basketball gilt mit deutlich mehr als 70 Prozent schwarzen Athleten als eher multiethnisch. American Football ist einer der wenigen gemeinsamen Nenner, auf den sich alle Sportfans einigen können, Demokraten und Republikaner, an jedem Sonntag von August bis Februar. Sie betrinken sich vor den Stadien, in Bars oder daheim vor dem riesigen Flatscreen, diskutieren die Lage im Land und in der Football-Liga, so wie es in Deutschland eben beim Fußball ist.

Der Schritt von Nike, sich demonstrativ hinter den Footballer Colin Kaepernick zu stellen, ist bei aller Aufregung allerdings gar nicht so hoch gepokert. Die Markenmanager wissen sehr wohl, dass ihre Kundschaft größtenteils jung, urban und multiethnisch ist. Und Kaepernick hatte man ohnehin seit 2011 unter Vertrag. Vor allem aber passt der von Trump angeheizte Streit geradezu perfekt zur Markenstrategie des Unternehmens. Seit Jahrzehnten fährt Nike provokante Kampagnen, die mit der Rolle des Außenseiters spielen, in den 90ern beispielsweise mit dem HIV-positiven Marathonläufer Ric Muñoz. Im Zuge des Trump-Streits sollen zuletzt auch die großen Konkurrenten Adidas und Puma versucht haben, Kaepernick abzuwerben.

Abgesehen davon spricht auch einiges dafür, dass Nike schlichtweg erkannt hat, dass sich der Wind dreht. Nach Kaepernicks Kniefall haben sich einige der mächtigsten Sportler des Landes klar gegen Trump gestellt: Seit dessen "Hurensöhne"-Einlassung bleiben immer mehr Footballspieler während der Hymne in der Kabine. Der Basketball-Star Kevin Durant lehnte voriges Jahr eine Einladung ins Weiße Haus ab, es entbrannte eine Twitter-Pöbelei, der NBA-Superstar LeBron James nannte den Präsidenten in einer Pressekonferenz einen "Penner". In eineinhalb Minuten freier Rede machte James klar, wie schrecklich er Trumps spalterische Politik findet und wie notwendig ein Präsident wäre, der versucht, Vorbild zu sein. Sport und Politik sind nicht mehr zu trennen. Ob er will oder nicht: Ab einer gewissen Bekanntheit wird der Sportler zum Symbol.

Fakt ist auch: Trumps Präsidentschaft hat einen gehörigen Imageschaden für US-Produkte mit sich gebracht. Eine Studie des Pew Research Institutes ergab bereits 2017, dass die weltweite Zustimmung mit der "Marke Amerika" von 64 Prozent unter Obama auf 49 Prozent gesunken ist.

USA: Wütende Amerikaner verbrannten wegen des Nike-Claims ihre Sneakers.

Wütende Amerikaner verbrannten wegen des Nike-Claims ihre Sneakers.

(Foto: @BettyBowers/Twitter)

Für US-Unternehmen wird es deshalb immer wichtiger, klar Position zu beziehen. Das gilt auch für die Hersteller von Turnschuhen oder Regenjacken. Der Outdoor-Ausstatter Patagonia etwa reichte vergangenen Winter Klage gegen Trump ein, nachdem dieser den Schutzstatus von zwei Nationalparks aufgehoben hatte. Und sogar die traditionell republikanische Sportmarke Under Armour musste sich umorientieren: Der zweite große Nike-Konkurrent neben Adidas hatte Trump lange Zeit unterstützt. Under Armour war ursprünglich ein Militärausstatter, die Marke ist beliebt bei Veteranen und Jägern. Ihr Gründer, Kevin Plank, saß als Berater in Trumps Handelsausschuss. Daraus zog er sich zurück, nachdem einer der berühmtesten Markenbotschafter, der Basketball-Star Stephen Curry, im Zuge der Kaepernick-Affäre öffentlich gegen die Haltung seines Sponsors protestiert hatte.

Die Unterstützer von Kaepernick sind aber nicht nur liberale Sportler, sondern auch Menschen, die nach Trumps Lesart eigentlich auf seiner Seite stehen müssten: Der gefeierte pensionierte Vier-Sterne-General Wesley Clark etwa twitterte, das Niederknien sei für ihn keine Verhöhnung der Veteranen. "@Nike und @Kaepernick7 stehen auf der richtigen Seite der Geschichte." In dem Konflikt wird also längst mehr verhandelt als nur die Gegenwart. Vielleicht wird man sich ja irgendwann mal verantworten müssen, was man gesagt und getan hat, als Trump Präsident war.

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