Theorie der Mode:"Doing Gender" hat fast überall das Sagen

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"Angezogen" ist dabei keine Chronologie; das Generalthema "doing gender" hat in fast jedem Zusammenhang das Sagen. Dass Mode nicht nur der Repräsentation dient, sondern vor allem die Ausformulierung und "erotische Steigerung durch dissonantes Gegeneinanderführen von Gender-Sterotypien" ist, das war zwar ein wichtiger Aspekt, wird aber den Dimensionen der Mode nicht wirklich gerecht.

Den lose gereihten Kapiteln ist zudem allzu häufig anzumerken, dass sich als Vorträge oder Essays unabhängig voneinander konzipiert wurden. Wo es Entwicklungslinien aufzuzeigen gäbe, mäandert Barbara Vinken zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Sie schließt die flämische und italienische Renaissance oder ein Gemälde, auf dem Kaiser Karl V. seine "langen, schlanken, bestrumpften" Beine unter kurzem Ballonrock herzeigt, über das Motiv "Tricothose" direkt mit dem 20. Jahrhundert kurz, in dem dann zwischen 1950 und 1980 die "Nylonstrümpfe der Frauen" herrschen. Und aristokratische Frauenbilder treffen direkt auf Michelle Obama und amerikanisches Fernsehen.

Tatsächlich schleichen sich so in Vinkens eigene Begründungszusammenhänge Fehler ein. Mal konstatiert sie, dass "vor der Revolution in der Frauenmode das ganz schamlose Zeigen nämlich, die Ostentation", verpönt gewesen sei, dann beschreibt sie aber das Gegenteil - die der weiblichen Lust unterworfenen Pariser Sitten dieser Zeit und Marie Antoinettes Fixierung auf Frisur und Putz.

Die SS-Uniform - das "kleine Schwarze der Herrenmenschen"

Vieles bleibt nur munter ausgebreitet, aber wenig einsortiert zurück. Rund um den großen Kleiderschrank, durch den Barbara Vinken sich wühlt, liegt dann, wie vergessen, die SS-Uniform, das "kleine Schwarze der Herrenmenschen", oder die exotischen Trends der nahen und fernen Vergangenheiten. Vom Orientalismus kann Vinken nur berichten, dass es sich um einen sinnlich konnotierten Zusammenhang handelt - und dass der Versuch von Paul Poiret scheiterte, "die Pluderhosen der Orientalen, die als ,Haremshosen' populär wurden, für Frauen einzuführen". Doch ließe sich über den Exotismus nicht Interessanteres berichten? Zum Beispiel, dass die vielen Moden den Warenströmen erst ein Gesicht und einen Körper gaben, um Begehren für das Neue zu erzeugen - vom Kaffee und Kakao und Tee bis zum Papageien, Affen, Jasminstrauch und Seidenschal -, indem sie den Konsumenten ein Kostüm anpassten?

Hier wird offensichtlich, wie viele Kontexte verschenkt sind, wenn allein auf die Differenzen und Umdeutungen von Männer- und Frauenmoden fokussiert wird. Dieser Versuch kann nicht überzeugen, solange man konsequent über soziale oder ständische Zusammenhänge hinwegschaut - Vinken nimmt Tracht, Uniform, Berufskleidung, Herrscherkostüm und Talar zwar als Bezug wahr, äußert sich aber höchstens knapp zu Entstehung und Ursprung. Deshalb hängen viele ihrer Beobachtungen zu Zitaten in der Mode als abstrakte Anachronismen in der Luft.

Und final ist es der Ton des Buches - aufregend wie Proseminar, präzise wie die In-Style -, der jeden analytischen Gewinn der schnellen Pointe opfert. Die Mode lässt sich eben nur denken, wo man sie auch gerne und mit Hingabe betrachtet, und nicht vorbeiziehen lässt wie einen Karneval.

Barbara Vinken: Angezogen. Das Geheimnis der Mode. Verlag Klett Cotta, Stuttgart 2013. 255 Seiten, 19,95 Euro, E-Book 15,99 Euro.

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